1. Juli 2007, von

Tod in der Brieftasche

Die Standardfalle: Gran Caffès

Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man die Rechnung im venezianischen Caffè Florian bekommt.  Nicht viel anders ist es bei den anderen Etablissements an Piazza oder Piazzetta San Marco:  Auch Lavena, Quadri und Chioggia lassen sich nicht lumpen, wenn es um die Abrechnung geht.  Spätestens nach dem Besuch hat man das Gefühl, dass man Touristennepp bester Qualität aufgesessen ist:  Im Gegensatz zu den überteuerten Scheusslichkeiten an den Souvenirständen auf den mit Taubenkot übersäten Plätzen, kann sich bei den Gran Caffès zumindest das Gefühl kurzzeitigen Vergnügens einstellen.  Schlecht ist der Caffè nicht und die teils überhebliche Schnöseligkeit der schicken Ober zu geniessen hat auch ihren Wert.

Für eine einfache Erfrischung muss man in etwa mit Folgendem rechnen:

  • Caffè:  5,00 Euro
  • Wasser:  5,00 Euro (0,25 l)

Das ist bei dem kleinen Espresso-Kaffee mit einem hochgerechneten Literpreis von zirka 200 Euro der reinste Luxus.  Übertroffen wird das natürlich von einem Glas Champagner (26 Euro) oder Brunello (20,50 Euro).  Vergleichweise günstig ist es, wenn die Kinder nach Eis (ab 10 Euro) und Cola (7 bis 8 Euro) verlangen.  Eine Kreditkarte sollte man in jedem Fall besser dabei haben.

Musik ist extra

Findet man auf der Rechnung einen Aufschlag von fünf Euro pro Person, dann wurden während des Aufenthalts im Gran Caffè möglicherweise ungeliebte Ohrwürmer ungefragt zum Besten gegeben.  Alle der grossen Kaffeehäuser leisten sich so eine bieder gekleidete Hauskapelle.  Das umherstehende (und nicht zahlende) Publikum versucht mit Begeisterung, den Takt zu klatschen wie in Karl Moiks Musikantenstadl.  Das schafft keine beschauliche Atmosphäre zum Genuss des kleinen, starken Schwarzen.  Wenigstens hat man zu Hause eine Geschichte zu erzählen.  Doch ist man deshalb nach Venedig gereist?

Das Venedig der Venezianer: Durchaus günstiger

Das Preisniveau der Serinissima ist tatsächlich an vielen Stellen fürstlich durchlaucht.  Die kleinen, liebenswerten Oasen zu finden, ist nicht einfach in dieser Stadt, wenn man sich in den üblichen zwei bis drei Tagen nur an den vermeintlich unabdingbaren Plätzen aus den billigen Reiseführern herumtreibt.  Aber natürlich gibt es diese Oasen, denn auch in Venedig leben ganz normale Menschen, ohne Adelsstatus oder zusätzliches Bestechungseinkommen.  Und die lassen die Florians, Lavenas, Quadris oder Chioggias schlicht links liegen.  Auch kämen sie nie auf die unpraktische Idee, eine Gondel zu benutzen.

Diese Venezianer trifft man beispielsweise in der kleinen Bar Al Mercà, gerade um die Ecke der Rialtobrücke neben dem Fischmarkt.  Hier kostet der köstlich kühle Spritz (mit Aperol, Soda und einer fetten grünen Olive) gerade mal einsachtzig.  Am Markusplatz verlangt man dafür über 10 Euro — hat dort aber eine gute Chance, einen protzigen Proll mit Goldkettchen und dicker Zigarre am Nebentisch anschauen zu dürfen (0 Euro).

Aber zurück ins Al Mercà:  Soll ein Prosecco für noch mehr Spritzigkeit im Spritz sorgen, dann macht das gerade mal 40 Cent Aufschlag.  Ausgeschenkt wird in einem schönen Rotweinglas, da können sich die Gran Caffès vom Markusplatz noch eine Scheibe in Punkto Stil abschneiden.  Die Musik spielt beim Al Mercà von der CD — hier allerdings ohne Aufschlag.  Ein, zwei leckere Brötchen runden den schnellen Imbiss ab, frisch zubereitet mit Crudo, Käse und Rucola, vielleicht auch eine kräftige Thunfisch-Bulette und Venedigs Gassen locken den so frisch gestärkten Reisenden zu weiteren Entdeckungstouren.  Allerdings:  Touristen trauen sich meist nicht, bei Al Mercà einzukehren.  Die wenigen mutigen Reisenden teilen den Platz dann meist nur mit Einheimischen.

Den drei Betreibern Marco, Giuseppe und Gabriele sei Dank für ihre Freundlichkeit — die Pomadigkeit der Schnösel vom Markusplatz wird hier hoffentlich nie ankommen.

Giudecca: Abseits der Touristen

Giudecca ist irgendwie immer noch ein Geheimtipp.  Fremde sind nur wenige auszumachen.  Die Insel südlich des Canale della Giudecca wird nicht von der beliebten Linie 1 angesteuert, auf die sich die meisten der 48- oder 72-Stunden-Touristen beschränken.  Die Vaporetto-Linien 41, 42 oder 82 steuern die Haltestelle Palanca an.  Ein paar Meter links davon gibt es nicht nur ein günstiges Internet-Café (oder heisst das in Italien Internet-Caffè?), sondern auch eine hübsche Möglichkeit, vom Kai aus die Seele baumeln zu lassen.

Der Reihe nach:  Wo sich Touristen ballen, da werden für eine halbe Stunde Internetzugang an schmierigen Tastaturen und Monitoren in Venedig schon mal 5 Euro und mehr verlangt.  In jenem kleinen und sauberen Laden auf Giudecca kostet die halbe Stunde dagegen 2 Euro, eine volle Stunde gerade mal dreifuffzig.

Aber:  Drinnen sitzen und auf Pixel starren — wer will das schon in einer Stadt wie Venedig?  Also belohnen Sie sich nach der Portion eMail-Alltag mit einer Pause wenige Meter weiter auf dem Kai.  Ein paar Stühle und Tische der Bar stehen draussen — und spätnachmittags treffen sich hier schon mal die lokalen Damenkränzchen der über 60-Jährigen zum Schwatz.  Ein Gläschen „mit was drin“ dürfte es ab und zu schon sein, die Stimmung ist gelöst und die Bedienung wohl der Neffe einer der Damen.  Man ist unter sich.

Die einheimischen Passanten erledigen meist ihre Einkäufe und finden trotzdem Zeit für einen Plausch.  Die vorherrschende Sprache ist Italienisch.  Ein paar Amerikaner der Nobelherbergen Giudeccas verlaufen sich ab und zu hierher:  Die Hotels Cipriani und Hilton sind aber weit genug entfernt, um nicht an die dort viel bequemeren Sitzgelegenheiten, aber dafür sterileren Örtlichkeiten dieser Paläste zu denken (und an das Fläschchen Beck’s für 8 Euro).

Hier in der kleinen Oase bei der Vaporetto-Station Palanca kann man sich einen halben Liter einfachen, offenen Weisswein und eine Flasche Wasser genehmigen (für ebenfalls insgesamt 8 Euro).  Die Schale Chips gibt’s einfach so.  Der wunderbare Ausblick von der schattigen Seite Giudeccas aus auf die sonnenbeschienene Wasserfront Dorsoduros wird ebenfalls nicht extra berechnet.  Statt Musikberieselung brummeln die Dieselmotoren der vorbeifahrenden Schiffe.  An einem warmen oder gar heissen Tag in Venedig kann man es hier schon mal länger aushalten als geplant.

Zattere: Kalt erwischt

Nimmt man das Vaporetto auf die andere Seite zur Station Zattere, dann sind es wieder nur ein paar Meter nach links, und man kann erneut verweilen:  Da Nico heisst eine der besseren Eisdielen in der Stadt.  Die 2,20 Euro für drei Kugeln Gefrorenes sind für venezianische Verhältnisse im unteren Preissegment anzusiedeln.  Und die Qualität stimmt ebenfalls — bestes Indiz hierfür ist das Schokoladeneis:  Je dunkler desto besser.

Tipp:  Nehmen Sie immer einen Becher, keine Waffel.  Erstens fliesst Ihnen das Eis im Sommer schneller durch die Hände, als Sie es schlecken können — und in einen Becher passt mehr rein.

Caffè bei San Marco: Es geht auch anders

Wenn es Sie nach dieser kleinen Tour nun doch wieder zur Piazza San Marco zieht:  Auch dort kann man einen Kaffee trinken, ohne dabei schon an den möglichen Ärger mit seinem Kreditkarten-Institut denken zu müssen.  In der Bar und Gelateria Al Todaro, kostet er ganze 90 Eurocent — wenn sie ihn im Stehen trinken, wie es ein echter Italiener sowieso täte.  Mit Glück spielt die Kapelle des Caffè Chioggia nebenan schwungvoll ein paar leicht verjazzte Klassiker, nicht zum Mitklatschen geeignet.  Manchmal trauen die sich so etwas.  Und in dem Fall für Sie sogar gratis.

März 2017: Nachtrag

Knapp 10 Jahre später, aus irgend einem Anlass habe ich den Artikel wieder herausgesucht.  Heute kostet der kleine Espresso im Quadri 7,50 Euro, also 50 % mehr — oder 300 Euro pro Liter.  Der Preis für 0,25 l Wasser ist tasächlich gleich geblieben, die Coca-Cola hat auf 10 Euro zugelegt.  Das günstigste Eis (3 Kugeln) ist heute für 13 Euro zu haben.


Links

Adressen

  • Al Mercà: San Polo 213, Campo Bella Vienna (zwischen Rialtobrücke und Fischmarkt)
  • Da Nico: Dorsoduro 922 (bei der Vaporettostation Zattere)
  • Al Todaro: San Marco 3 (auf der Piazzetta)

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