2. Juni 2008, von

Gewittersturm

Klimawandel, Wadis und Fahrspass

Dunkle Wolken künden das Unheil an: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)

Schon auf dem Weg nach Echzell drohten Gewitterwolken über dem Reichelsheimer Forst mit einem nassen und lauten Tagesausklang für die Region.  Das hausgemachte Eis in der kleinen italienischen Bar für 0,70 Euro pro Kugel war dann teurer und weniger spektakulär als die daumennagelgrossen Eisstückchen, die laut prasselnd auf die Autodächer in der Echzeller Hauptstrasse aufschlugen.  Als der Wirt aus Bari die Ladentür zumachte, damit die Regentropfen nicht in den Eingangsbereich gelangen konnten — somit aber auch die wunderbar frische Gewitterluft aussperrte — und die Klimaanlage anstellte, da war mir klar, dass der Klimawandel irgendwie wohl auch hier angekommen war.

Wadi zwischen Gettenau und Heuchelheim: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Der Nachhauseweg hatte bereits internationale Unwetterklasse, denn auf der Gettenauer Strasse musste ein fast reissender Strom gequert werde — so etwas war mir bisher nur aus arabischen Wadis zu Regenzeiten bekannt.  Schon deshalb hätte mir auffallen müssen, dass die Wassermengen, die sich über die Wetterau ergossen, nicht unerheblich waren.

Daheim war dann aber erst ein eher zufälliger Blick in den Keller der Beweis: Die Kanalisation war überfordert — das Wasser stand bereits mehr als knöchelhoch.  Blick in einen gefluteten Keller: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Schnell wurde klar, dass die aus Hofbewohnern spontan zusammengestellte Eimerkette nicht erfolgreich sein würde, um grössere Schäden zu vermeiden.  Also wurde zumindest das Weinlager evakuiert: Neben anderen Erinnerungsstücken wäre es nicht erbaulich gewesen, den 1976er Roussillion nach 31 überstandenen Jahren an einen Wetterauer Gulli zu verlieren.  Während der eiligen aber vorsichtigen Aktion, durchnässte Weinkartons und Einzelflaschen in Sicherheit zu bringen, fegte dann ein Gewittersturm über das Land, der den kurz vorher in Echzell niedergegangenen Hagelschauer in die Kategorie «Kindergeburtstag» einordnen liess.

Heuchelheim im Zentrum des Unwetters

Wassermassen in einer Hofreite: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Später berichtete ein Anwohner aus der Heuchelheimer Gartenstrasse von 122,5 l/m² Niederschlag an diesem Abend, die er in seinem Garten gemessen hatte.  Während des Sturmes war kaum Aufmerksamkeit auf solche Details möglich: Ein Schritt in den Hof — und das Wasser erreichte jedes Kleidungsstück am Körper.  Im Ort stand das Wasser in Senken binnen Minuten bis zu achtzig Zentimeter hoch.  Die Strassen waren teilweise komplett unter Wasser.  Der Sturm fegte mit einer solchen Vehemenz über den Ort, dass reihenweise Bäume abbrachen oder entwurzelt wurden.  Der Sohn meiner Vermieter formulierte entgeistert: „Das ist ja wie im Fernsehen.“

Die Reste eines Gartenhauses: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Besonders hart traf es den kleinen Ort Heuchelheim.  Ein Kameratean war allerdings nicht da — wir mussten uns mit der Realität zufrieden geben.  Vor allem durch die Gartenstrasse waren die Böen extrem heftig geweht.  Dort waren nach dem Unwetter reihenweise Baumschäden zu sehen, kaum ein Garten, der nicht betroffen war: Verwüstete Beete waren noch das geringere Übel.  Es gab auch zerstörte Gartenhäuschen, ein über 40 Jahre alter Walnussbaum riss einen Hühnerstall um, wunderbare alte Obstbäume wurden abgeknickt und so mancher Baum, der den Sturm stehend überstand, neigte sich zu sehr, um nicht ebenfalls gekappt werden zu müssen.

Aber auch auf der anderen Seite des Ortes waren Strassen durch umgestürzte Bäume blockiert.  Die Heuchelheimer Feuerwehr war im Dauereinsatz.  Durch ihren Einsatz waren die grössten Schäden schon bis Mitternacht kaum noch sichtbar.

Der Einsatz der Feuerwehr dauerte lange und war vorbildlich: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Fast jedes Haus im Ort war betroffen.  Spektakulär der Bach, der sich durch das Hoftor des Hofes der Familie Schultheiss ergoss, aber ein Blick in das Souterrain-Fenster ein paar Meter weiter mit auf den Tischen in Sicherheit gebrachten Computern war nicht weniger beeindruckend.  Drei Häuser weiter waren grosse Teile eines Walnussbaumes auf das Auto gefallen, eine metallene Dachabdeckung des Nebenhauses steckte im Rasen wie ein Messer.  Der Verputz, den Wind und Wasser auf der gegenüber liegenden Strassenseite auf den Bürgersteig hatte bröckeln lassen, war dagegen schon fast harmlos.

Reaktionen

Die Reaktionen der Menschen waren unterschiedlich: Von Galgenhumor bis zu Tränen in den Augen war alles zu sehen.  Die Aussagen älterer Menschen ähnelten sich: So etwas hatte man hier zu Lebzeiten noch nicht gesehen.  „Wo soll das noch hinführen?“ war die Frage eines Heuchelheimers.  Der Klimawandel war nun auch hier endgültig angekommen.

Vielleicht mag das selbst jetzt noch nicht jeder glauben — die Aussagen der älteren Menschen waren aber eindeutig: So etwas hatten sie noch nicht erlebt.  Eine ältere Dame sagte mir: „Meine Grosseltern erzählten häufiger von kalten Wintern.  Stürme und Überschwemmungen kannten sie so nicht.“

Schäden durch Ziegel am Dach eines Autos: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Dass meines Wissens keine Menschen zu Schaden gekommen sind, muss wohl als Zufall eingestuft werden.  Leicht hätte es Verletze und vielleicht sogar Tote geben können.  Vor der Tür, die ich Minuten vorher verlassen hatte, um zu helfen, das schwere Hoftor zu sichern, das unter dem Winddruck aus den Angeln gerissen zu werden drohte, lagen Minuten später ein Dutzend zerschmetterte schwere Dachpfannen am Boden.

Für manche Menschen war das Unwetter aber vermutlich nur ein grosser Spass: Mit weit überhöhter Geschwindigkeit fuhren sie durch die enge Strasse unserer kleinen Ortschaft.  Der Gedanke, dass umknickende Bäume, herab fallende Ziegel oder eben auch ein riesiges Hoftor als unvorhersehbares Hindernis auf der Fahrbahn auftauchen könnte, war wohl dem Bestreben nach Fahrspass gewichen.

So fuhren auch auf der Verbindungsstrasse zwischen Heuchelheim und Echzell viel Autos unverantwortlich schnell.  Mittlerweile hatte sich dort ein zweites «Wadi» gebildet.  Auf mehr als 50 Meter Länge war die Strasse teilweise zwanzig Zentimeter hoch überflutet.  Der Bereich lag so weit ausserhalb der Orte, dass manche Autofahrer bereits kräftig beschleunigt hatten und mit grosser Geschwindigkeit in die Wassermassen preschte — und das im Halbdunkel des Unwetters.  Nicht auszudenken, wie lange es an so einem Abend gedauert hätte, um möglichen Schwerverletzten zu helfen.

Umgeknickte Bäume, Wasser in den Höfen: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)

Wie geht’s weiter?

Lernen wir etwas daraus?  Meine Erfahrung sagt mir, dass es vermutlich nur wenig oder nichts sein wird.  Kleine Renaturierungsansätze an einigen Feldrändern, wie sie gerade in diesen Tagen zu beobachten waren, sind sicher ein guter Ansatz.  Andererseits: In einer teilweise so baumarmen Gegend wie der Wetterau Pappeln abzuholzen, nur weil diese Baumart hier ursprünglich nicht vorkam (andere Begründungen sind mir nicht bekannt), empfinde ich als nicht überzeugend.  Bäume und Hecken helfen sicherlich, die schlimmsten Sturmböen ein wenig zu entschärfen.  Wenn an manchen Gräben eine Pappelreihe steht, dann ist es mir unter diesem Gesichtspunkt egal, ob der Baum hier schon früher vorkam oder nicht.

Die Zeiten ändern sich.  Der Klimawandel ist angekommen — ob wir es wahr haben wollen oder nicht.  Somit haben sich meiner Ansicht nach auch die Herausforderungen geändert.

Wir — und ich schliesse mich sicher nicht in allen Punkten aus — werden auch weiterhin reisen, zum Bäcker mit dem Auto statt dem Fahrrad zu fahren, das aufwendig erhitzte Duschwasser mit kaltem abkühlen, und vermutlich schon vor dem Ortsausgangsschild die Beschleunigung des allradgetriebenen Autos testen.  Wir leben einen Lebensstil, der in manchen Bereichen nicht mehr als «gesund» zu bezeichnen ist.  Das wahrzunehmen, Änderungen herbeizuführen, das Wissen an jüngere Generationen weiterzugeben — all das sind keine leichten Aufgaben.  Wir sind nicht nur Gewohnheitstiere, wir tun uns auch schwer, ganz bewusst etwas vom «Erreichten» wieder abzugeben.

Die Massstäbe werden woanders gesetzt

Schäden an einer Fassade: Gewittersturm über der Wetterau (30. Mai 2009)Unsere Medienwelt lebt uns allerdings auch vor, wie es sein sollte: Die Welt da draussen ist immer noch hipp und es wird schon alles gut gehen.  Die Errungenschaften der Spassgesellschaft werden als erstrebenswert dargestellt.  Dabei bröckelt der Putz an immer mehr Stellen — nicht nur in der Wetterau, nicht nur durch dieses Unwetter.

So wird beispielsweise umweltschädigendes «Wadi Bashing» immer wieder als Attraktion beworben.  Sie wissen nicht, was Wadi Bashing ist?  Es ist das Befahren von angeblich ausgetrockneten Flussbetten in wasserarmen Gegenden mit Autos — aber fast alle Fotos und Filme dieser Freizeitaktivität zeigen Autos beim Durchqueren von Wasser, denn das macht vermutlich mehr Spass.  Das wenige Nass hat direkten Kontakt mit Schmierstoffen, ein vorher klares Gewässer wird schlammig, der völlig unnötige Lärm der grossen Motoren verscheucht Tiere, …

Nun, Unwetter wie das vom 30. Mai 2008 bringen Wadis auch zu uns in die Wetterau.  Wadi Bashing ist also schon vor der Haustür möglich.  Wenn dadurch der Flug nach Dubai gespart wird, ist der Umwelt ja auch schon geholfen.

-fj

8 Kommentare auf "Gewittersturm"

  1. Jürgen Schrader sagt:

    Hallo Frank!

    Wir werden uns öfters auf Deiner Seite tummeln. Wir haben zwar noch mehr Wasser vor der Tür, aber noch „schläft“ es, ich meine, es ist noch im Bett ( Flußbett ). Wir hätten somit noch bis zu den Herbststürmen Zeit Vorkehrungen zu treffen, aber man lebt ja immer nach dem Motto „Uns kann das nicht passieren“.

    Bleibt gesund

    Gruß
    Jürgen

  2. Maren Jehser sagt:

    Hallo Frank !

    Ich werde auch gerne wieder auf Deiner -Seite- vorbeischauen.
    Will doch wissen, was es Neues aus der Wetterau gibt.
    Bis bald … liebe Grüsse

    Maren

  3. Frank J. sagt:

    Tja, Maren, das kann ich verstehen: Was ist schon dit kleene Baalin gegen die Wetterau? ;-)

    -Frank

  4. Jehser, Maren sagt:

    Lieber Frank!

    Kannst Du vielleicht eine kleine geographische Karte zeigen, welche die -Wetterau- zeigt und was alles davon umfasst ist?

    Gespannt wartend, verbleibe ich mit Gruss
    Maren

  5. Frank J. sagt:

    Hallo Maren,

    Dein Befehl war mir Wunsch — ich habe eine Karte der goldenen Wetterau eingebaut: Schau mal in den rechten Bereich.

    Alles Gute nach Berlin von

    Frank

  6. Jehser, Maren sagt:

    [Verschoben zu „Froschkonzert“ …]

    Ach- und Danke für die ‚Karte‘ . Nun weiss ich Bescheid.

    Maren

  7. […] extremere Klimaschwankungen werden vorhergesagt — es ist nicht einmal elf Monate her, als ein verheerendes Unwetter über die Wetterau zog.  Als Folge haben viele Bewohner heute einen Haufen Brennholz im Keller und einen freieren Blick […]

  8. […] Die Flasche lag im Weinregal ganz unten und war bereits etwas verstaubt.  Sie hatte bei dem grossen Unwetter im Mai 2008 das Etikett verloren, als der Keller überschwemmt wurde — und ich jede Idee, wo sie herkam.  […]

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