24. Juni 2008, von

Nicht ganz knusper!?

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Das Bäckerhandwerk hätte ich gerne erlernt.  Schon mein Vater war Bäcker, doch die Kriegswirren verhinderten, dass er diesen Beruf weiterhin ausübte.  Mir hat vermutlich vorwiegend der Zwang, als Bäcker so früh aufstehen zu müssen, dass man den zu dieser Tageszeit noch verschlafenen Hahn wecken könnte, den Zugang zu diesem Beruf verwehrt.

Es hat sich zudem viel geändert seit den Zeiten, als mein Vater in der Backstube stand: Der Bäcker an der Ecke, der bei Wind und Wetter Backwaren per Fahrrad an seine Kunden ausliefert, der ist passé.  Es gibt zwar noch klassische Bäckereien, aber das Image der Zunft wird verhuntzt durch die Anbieter in Bahnhofshallen, den Lebensmittel-Discounter mit liebloser Präsentation pappiger Brötchen aus polnischer Fertigung und die Fertigbackmanie.

Günter WallraffGünter Wallraff hat vor kurzem in seinem Bericht in der Zeit die Missstände in einer Brötchenfabrik im Hunsrück (Gebr. Weinzheimer Brotfabrik GmbH & Co. KG) beschrieben.  Dort wurden unter übelsten Bedingungen für Lidl Aufbackbrötchen produziert, beschrieben.  Dort wurden unter übelsten Bedingungen für Lidl Aufbackbrötchen produziert,Als Stadtkind mangelt es mir natürlich an Detailwissen über Landwirtschaft, und so fragte ich neulich bei der alten Bäuerin nach, um das Alter des Baumes zu erfahren. die dann für den Spottpreis von weniger als 0,11 € pro Stück verkauft werden.  Abgesehen davon, dass es natürlich Lidl-Filialen auch in der Wetterau gibt, ist es nicht auszuschliessen, dass auch hier ähnlich Menschen verachtende Produktionsbetriebe wie Weinzheimer angesiedelt sind — aber zumindest in so mancher kleinen Ortschaft in der Wetterau findet man in Bezug auf Bäckereien noch eine halbwegs heile Welt.

Trotz qualitativ guter lokaler Produzenten gibt es Fragen: Ist der Durchschnittskunde bereit, den dreifachen Preis für ein gutes Brötchen zu zahlen, anstatt auf billige Massenware auszuweichen?  Produzieren die Discounter für die Masse, während nur bewusstere Menschen noch einen «echten» Bäcker aufsuchen?  Kaufen nur hastige Fast-Food-Jünger an der Theke des PetitBistro der Aral-Tankstelle ihren Mittags-Snack?

Wallraff wird von den Profiteuren dieses von ihm publik gemachten Missstandes natürlich persönlich diskreditiert — das ist die gängige Taktik, wenn man angeschlagen in der Ecke steht.  Die Brotfabrik hat ihn wegen Hausfriedensbruchs angezeigt, der Aufsichtsratsvorsitzende von Lidl, Klaus Gehrig, bezeichnet Wallraff als «Quertreiber».  Aber auch sonst gibt sich Gehrig in Kerners Talkshow vom 6. Mai 2008 das Bild eines Managers, der nicht durch Zuhören, Verstehen oder menschliche Souveränität glänzt.  Oder, wie es Spiegel Online formuliert: „Aufsichtsratschef Gehrig zeigte sich selbstgerecht, arrogant, uneinsichtig.”

Lidl ist in der Wetterau dutzendfach mit Filialen vertreten.  Die Fassaden der Läden sind steril, der Einkauf überwiegend anonym.  Wie viel befriedigender ist es dagegen, den kleinen Bäckereibetrieb im Ort aufzusuchen.  Und um im Bild zu bleiben: Die Geschäfte eines Herrn Gehrig zu unterstützen — dazu muss man schon nicht ganz knusper sein.

-fj

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