3. Juli 2008, von

Eiszeit

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Wenn an einem heis­sen Som­mer­tag die Sonne mit der Luft über den Korn­fel­dern um die Wette flim­mert, die Ler­chen in fast unsicht­ba­rer Höhe ihre atem­lo­sen Lie­der zwit­schern, die Cumu­lonim­bus-Gewit­ter­wol­ken irgendwo dort hin­ten über dem Vogels­berg auf­stei­gen — dann ist es Zeit für eine Abküh­lung.  Nicht äus­ser­lich durch einen Wol­ken­bruch — nein, ich ziehe die inner­li­che Vari­ante vor.

080703_eiszeit04_206x270.jpgIn Nie­der-Flor­stadt [→Google Maps] gibt es eine Eis­diele, die schon vor zwei Jah­ren meine Auf­merk­sam­keit gewon­nen hatte: Das Eis­café Jolly.  Dort wollte ich vor ein paar Tagen den 35° auf der Cel­si­us­skala und dem völ­lig ver­schwitz­ten Polo­hemd etwas Eisi­ges ent­ge­gen­set­zen …

Schon beim Ein­tre­ten fühle ich mich nach Ita­lien ver­setzt: Medi­ter­ra­nes Ambi­ente schlägt mir ent­ge­gen, ein Fern­se­her läuft — mit ein wenig zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen könnte es eine Gela­te­ria am römi­schen Campo de‘ Fiori oder in einer ruhi­gen Sei­ten­strasse Luc­cas sein.  Doch halt — was dringt da an mein Ohr?  Auf jeden Fall kein Ita­lie­nisch!  Ein Blick auf die Matt­scheibe bestä­tigt meine Ver­mu­tung, dass ich soeben spa­ni­sche Wort­fet­zen auf­ge­schnappt hatte.  Leicht ver­wirrt bestelle ich mir ein Eis und schaue einer für mich unver­ständ­li­chen Debatte auf dem spa­ni­schen Kanal TVE (Tele­vi­sión Española) zu.  Als ich bei den Besit­zern des Eis­diele nach­frage, kommt eine fast erd­um­span­nende Geschichte zum Vor­schein.

Signore Tomás Girardi ist tat­säch­lich Kind ita­lie­ni­scher Eltern, wurde aber in Argen­ti­nien gebo­ren, wuchs dort auf und lernte seine Frau Mariel Ale­san­dra ken­nen.  Natür­lich auf Spa­nisch.  Vor fünf­ein­halb Jah­ren kamen die Girar­dis nach Deutsch­land, leb­ten in Homberg/​Ohm, bevor sie vor zwei Jah­ren nach Flor­stadt zogen.  Signore und Señora Girardi reden spa­nisch mit­ein­an­der und sehen spa­ni­sche Nach­rich­ten.  Der auf­ge­weckte Sohn — eben­falls ein Tomas (aber ohne Akzent auf dem a) — spricht flies­send spa­nisch, ita­lie­nisch und deutsch. Soweit ich hören konnte alles akzent­frei.

080703_eiszeit02_320x220.jpgEine Eis­diele gibt es an die­ser Stelle seit circa 15 Jah­ren.  Die Girar­dis haben sie im letz­ten Jahr über­nom­men und gerade erst im Februar 2008 eröff­net — und den prak­ti­scher­weise wohl schon immer typisch ita­lie­ni­schen Namen bei­be­hal­ten.  Und das Wich­tigste, die Eis­krem?  Nun, Herr Girardi pro­du­ziert alle Sor­ten sel­ber — und er ver­steht etwas von dem Geschäft.  Früh am Tag sind die Eis­mas­sen zu wun­der­bar anzu­schau­en­den, bom­bas­ti­schen Ber­gen ange­häuft und erin­nern ein wenig an Gewit­ter­wol­ken da draus­sen.  Am Nach­mit­tag sind diese Eis­berge natür­lich bereits teil­weise abge­baut  — Wet­ter und Eis ver­hal­ten sich hier gegen­läu­fig.

Mei­nen stren­gen ers­ten opti­schen Stan­dard­test für Eis­die­len besteht das Gefro­rene mit Bra­vour: Vanille muss cre­mig und nicht blass-weiss aus­se­hen, Scho­ko­lade natür­lich mög­lichst dun­kel.  Wenn ich dann noch im Strac­cia­tella-Eis grosse Scho­ko­la­den­stück­chen ent­de­cke und es Sor­ten wie Bac­cio gibt, dann kann nichts mehr schief gehen beim küh­len Genuss.  Es ist wirk­lich lecker!  Bravo, Signore Girardi!

080703_eiszeit03_328x220.jpgTomas, der Sohn der Girar­dis, nennt mir — ganz auf den Spu­ren sei­nes Vaters — das Geheim­nis, warum das Gelato hier bes­ser schmeckt als anderswo: „Die Zuta­ten sind gut, wir spa­ren da nicht.  Es kos­tet zwar etwas mehr, aber das schmeckt man auch.“  Nun, 75 Cent pro Kugel sind bei die­ser Qua­li­tät ein durch­aus ange­mes­se­ner Preis.  Ich habe in der Wet­terau schon deut­lich blas­se­res ita­lie­ni­sches Eis zu einem ver­gleich­ba­ren Preis geges­sen.  Und die Zei­ten, da sich man mit einer Por­tion für drei DM den Magen ver­der­ben konnte, sind lange vor­bei.

Der durch­schnitt­li­che Pro-Kopf-Ver­brauch an Spei­se­eis lag in Deutsch­land im Jahr 2007 bei über acht Litern.  Ver­mut­lich liege ich heute, zur Hälfte des Jah­res, schon ein paar Kugeln dar­über — aber das hält mich mit Sicher­heit nicht davon ab, die­sen Som­mer noch einige Aus­flüge nach Flor­stadt zu machen.  Irgend­wer muss schliess­lich auch über dem Schnitt lie­gen, damit die Zah­len am Jah­res­ende stim­men, oder?

-fj

Eis­café Jolly
Mes­se­platz 8-10

61197 Flor­stadt

5 Kommentare auf "Eiszeit"

  1. Hi Frank!
    Voll­tref­fer! Da gab’s schon immer das beste Eis, auch als es noch „Can­cian“ hieß und die „Zen­trale“ in Hun­gen war. Da wurde das Eis sogar noch mit dem Bus nach Rei­chels­heim gekarrt. Wir haben als Kin­der immer am VW-Bus bei dem rot­haa­ri­gen Ita­lie­ner Eis gekauft ;-)
    Gruss
    Alex­an­der

  2. Frank J. sagt:

    Hallo Alex­an­der,

    der fah­rende Eis­mann ist in unse­rer Kul­tur ver­mut­lich eine vom Aus­ster­ben bedrohte Spe­zies. Wann habe ich zuletzt einen Eis­wa­gen gese­hen? Das ist zu lange her, als dass ich mich erin­nern könnte.

    In New York City gibt es heute noch eine Armada von fah­ren­den Eis­ver­käu­fern. Ich war vor eini­ger Zeit in einer Gegend der Bronx, als diese Fahr­zeuge (alle vom glei­chen Typ) spät abends in die dor­ti­gen rie­si­gen Lager­hal­len zurück kamen. So wie es aus­sah, war alles fest in ita­lie­ni­scher Hand.

    -Frank

  3. Tomas Girardi sagt:

    Hallo Frank,

    meine Eltern und ich sind Dir sehr dank­bar für den schö­nen Arti­kel! Wir wün­schen Dir noch viel Erfolg mit Dei­nem neuen Pro­jekt!

  4. Henni sagt:

    Hi Frank,

    ich kann mich den Lobes­hym­nen nur anschlie­ßen. Nach inten­si­ven Selbst­ver­su­chen stehe ich kurz vor der Ent­schei­dung einen Wech­sel der Eis­diele mei­nes Ver­trau­ens vor­zu­neh­men. Diese war und ist (noch) das Cor­tina in Fried­berg. Aber ich bin nicht mehr sicher … das Bac­cio in Flor­stadt, ein­fach sen­sa­tio­nell.

    Liebe Grüße

  5. Frank J. sagt:

    Hallo Henni,

    rich­tig, das Cor­tina in Fried­berg ist eben­falls prima. Was bei bei­den Eis­die­len fehlt, ist das schöne Ambi­ente drum­herum: Fried­bergs Kai­ser­strasse macht einen eher schmud­de­li­gen Ein­druck mit viel zu viel Ver­kehr, in Flor­stadt draus­sen zu sit­zen hat den Charme des Auf­ent­halts an einer Auto­bahn­rast­stätte aus den sieb­zi­ger Jah­ren.

    Man kann wohl nicht alles haben im Leben. :-)

    -Frank

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