15. Juli 2008, von

Auf 180!

Die Wet­terau ken­nen nicht viele Men­schen.  Wenn ich irgendwo in Deutsch­land einen Vor­trag halte und mich jemand fragt, wo ich wohne, dann bekomme ich auf meine Ant­wort meist nur fra­gende Bli­cke retour.  Bei mei­nen Erklä­rungs­ver­su­chen zur geo­gra­fi­schen Lage der Wet­terau habe ich aber etwas gelernt: Viele Men­schen ken­nen zwar die Geo­gra­fie die­ses Lan­des kaum, die Lage gros­ser Auto­bah­nen und man­che Aus­fahr­ten kön­nen sie aber grob ein­ord­nen.  Folg­lich ver­wan­delt die Erwäh­nung der Auto­bahn­aus­fahrt Fried­berg an der A5 das ange­strengte Stirn­run­zeln in ein wis­sen­des Lächeln: „Ah, Fried­berg bei Frank­furt — da bin ich schon vor­bei gekom­men!“

Ist das nicht selt­sam?  In der Schule wurde meine Gene­ra­tion noch an gros­sen Land­kar­ten gedrillt, geo­gra­fi­sche Beson­der­hei­ten bin­nen Bruch­tei­len einer Sekunde zu fin­den und mit einem lan­gen Bam­bus­stock zackig dar­auf zu zei­gen — heute habe ich manch­mal den Ein­druck, dass die Men­schen den Stand­ort des Con­tai­ners von Big Bro­ther bes­ser ken­nen als den Fluss, an dem Frank­furt liegt.  Main oder Oder?

Woher kommt aber diese Kennt­nis über Auto­bah­nen, Aus­fahr­ten und Rast­stät­ten?  Warum weiss ich, dass sich in die­sem häss­li­chen, oran­ge­far­be­nen Gebäude über der Auto­bahn bei Prat­teln (Schweiz) ber­ge­weise Scho­ko­lade kau­fen lässt — kann aber die Lage der Hol­stei­ni­schen Schweiz kaum erklä­ren?  Nun, die Ant­wort ist ein­fach:  Spä­tes­tens ab mei­ner Gene­ra­tion fah­ren wir inten­siv Auto.  Und das hat weit­rei­chende Fol­gen im täg­li­chen Leben …

Erin­nern Sie sich an eine Dis­kus­sion aus den letz­ten Jah­ren, in denen nicht irgend­wer min­des­tens eine Ana­lo­gie aus dem Autobe­reich ein­ge­bracht hat?

„Einen solch tol­len  Com­pu­ter mit nur 512 MB Haup­spei­cher bie­ten die an?  Das wäre ja so, als wenn Fer­rari einen Die­sel ver­kauft!“

„Du hast eine Kamera, mit der Du zehn Bil­der pro Sekunde machen kannst und nutzt das nicht?  Na, wahr­schein­lich fährst Du auf der Auto­bahn auch nur 80!“

Weit ver­brei­tet ist eine der Motor­welt ent­lehnte Spra­che auch in Sport und Unter­hal­tung: Fuss­ball­spie­ler sind ebenso auto­fi­xiert wie Juro­ren dün­ner Stimm­chen bei San­ges­wett­be­wer­ben.

„Ja, gut, also ich sach mal: Wir müs­sen uns jetzt aufs nächste Spiel kon­zen­trie­ren und Gas geben!“

„Beim Recall musst Du aber wirk­lich einen Gang hoch­schal­ten!“

Die­ser Fixier­heit auf moto­ri­sierte Unter­sätze kann sich kaum jemand ent­zie­hen.  Und egal wie weit ich aufs Land ziehe — sie ist schon da.  Auch hier in der Wet­terau.  Unüber­seh- und unüber­hör­bar.

Vor ein paar Wochen star­ben Ende Mai bei einem schreck­li­chen Unfall vier Teen­ager in einem mit sechs Per­so­nen besetz­ten Polo.  Ich denke häu­fig an diese Tra­gö­die, wenn ich irgendwo per Fahr­rad, Motor­rol­ler oder Auto unter­wegs bin.  Nicht erst seit­dem ver­su­che ich, vor­sich­tig und ange­mes­sen zu fah­ren, was meist mit einer gemäs­sig­ten Geschwin­dig­keit ver­bun­den ist (und einem gedros­sel­ten Kraft­stoff­ver­brauch).  Dabei werde ich ange­hupt, an kri­ti­schen Stel­len über­holt und fühle mich meist als mehr als Hin­der­nis denn als respek­tier­ter, vor­sich­ti­ger Ver­kehrs­teil­neh­mer.

Gesunde Vor­ur­teile wer­den genährt, wenn ich von einem tie­fer geleg­ten, laut röh­ren­den Auto mit einem jun­gen Mann am Lenk­rad mit min­des­ten 140 Sachen auf einer Land­strasse kurz vorm Orts­ein­gang über­holt werde.  Einen Tag spä­ter höre ich das Fahr­zeug, bevor sich es sehe: Das Häm­mern der Bass­laut­spre­cher ist bereits lange wahr­nehm­bar, bevor das Auto mit min­des­tens 50 km/​h in dem 30er-Bereich vor­bei don­nert.

Was geht in sol­chen Men­schen vor?  Und: Warum wird so wenig dage­gen unter­nom­men?

Weit ent­fernt von unse­rer beschau­li­chen Wet­terau, in Gross­bri­tan­nen, gibt es eine Kam­pa­gne im Fern­se­hen: In teils bru­ta­len Kurz­fil­men wer­den Auto­un­fälle und deren Fol­gen auf scho­ckie­rende Weise dar­ge­stellt.  Wie alle beweg­ten Bil­der, so sind auch diese Spots bei You­Tube auf­ge­taucht.  Ich habe ein Bei­spiel ein­ge­bun­den, das ich scho­ckie­rend, aber noch erträg­lich finde.  Wenn Sie sehr sen­si­bel sind, dann kli­cken Sie bes­ser trotz­dem nicht dar­auf:

[Anmer­kung im März 2009:  Das Video wurde mitt­ler­weile bei You­Tube ent­fernt.]

Auch die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft AXA hat dras­ti­sche Fern­seh­spots pro­du­ziert, mit denen sie gegen schwere Auto­un­fälle zu Felde zieht.  Sie sind noch dras­ti­scher als der oben gezeigte Film — ich habe sie des­halb teil­weise nicht bis zum Ende anse­hen kön­nen.  Wenn Sie genau wis­sen wol­len, warum, dann kön­nen Sie sich hier ein eige­nes Urteil bil­den:

  • Home (Heim­ge­hen)
  • Over (Vor­bei)
  • Thump (Auf­prall)
  • Damage (Scha­den)

[Anmer­kung im August 2010:  Sämt­li­che Videos wur­den bedau­er­li­cher­weise bei You­Tube ent­fernt.]

Es ist zwei­fel­los ein Abbild der grau­sa­men Rea­li­tät, wel­ches hier gezeigt wird.  Die vie­len Kreuze, Blu­men und Lich­ter hier bei uns am Stras­sen­rand bewei­sen, dass die Wet­terau nicht aus­ge­nom­men ist von dem Thema. Wenn unver­nünf­tige Auto­fah­rer (um es mal ganz vor­sich­tig aus­zu­drü­cken) heute nicht lern­be­reit sind, dann hel­fen viel­leicht sol­che Schock­me­tho­den.

Trotz der dras­ti­schen Auf­be­rei­tung in den Spots, die nur schwer zu ertra­gen ist, frage ich: Warum gibt es bei uns keine ähn­li­che, scho­nungs­lose Kam­pa­gne?  Und wären die rasen­den jun­gen Män­ner (denn sie sind mit Abstand die Haupt­ver­ur­sa­cher schwe­rer Unfälle) über­haupt bereit, so etwas ver­stän­dig wahr­zu­neh­men — oder leben die nur rück­sichts­los auf 180?

-fj

2 Kommentare auf "Auf 180!"

  1. Veilchen sagt:

    Das Video geht unter die Haut. Die ande­ren habe ich nicht gewagt anzu­schauen.

    Auf mei­nem täg­li­chen Weg zur Arbeit (ca. 30 km) komme ich an drei Kreu­zen, die am Stras­sen­rand ste­hen, vor­bei. Eines, es steht an einer Kreu­zung, wurde neu­lich umge­fah­ren.

    Auf mei­nem täg­li­chen Weg werde ich
    - ange­hupt, weil ich am Stopp-Schild stoppe,
    - auf Orts­durch­gangs­stras­sen ange­blinkt, weil ich die vor­ge­schrie­ben 30km/​h fah­ren,
    - auf Stre­cken, die 70km/​h und Über­hol­ver­bot vor­schrei­ben, über­holt.

    Vom Drän­geln spre­che ich über­haupt nicht. Nur letz­tens war der Dräng­ler hin­ter mir viel­leicht mal etwas froh über die Tröte vor ihm: es wurde auf einer „70i­ger-Straße“ geblitzt. Ich ver­mute (und ich sage nicht, ich bedauere), weil ich vor ihm fuhr, war er nicht dabei.

    Dabei ver­stehe ich die Auf­re­gung - ins­be­son­dere mor­gens - gar nicht. Die Fahr­zeuge, die mich mit hohem Ener­gie­auf­wand (zumin­dest Sprit, viel­leicht auch ein paar Ner­ven) über­ho­len, ste­hen oft­mals an der nächs­ten Ampel vor mir.

    In jün­ge­ren Jah­ren war mein Fahr­stil auch „flot­ter“. Da habe ich schon mal auf über­seh­bar kur­zen Stre­cken stark beschleu­nigt, um dann gleich stark wegen der nächs­ten Ampel abbrem­sen zu müs­sen. Ich habe mei­nen Fahr­stil ver­än­dert, weil ich (z.Zt. unter 5l/​100km, Mit­tel­klas­se­wa­gen) heute deut­lich weni­ger Die­sel ver­brau­che und weil ich mit die­ser Fahr­weise meine Ner­ven schone.

    Wir sind nun ein­mal so viele Ver­kehrs­teil­neh­mer. Das kann nur klap­pen, wenn wir uns an Regeln hal­ten und RÜCKSICHT neh­men. Das passt anschei­nend nicht mit dem Drang der Men­schen nach Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät zusam­men.

    Die per­sön­li­che Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät las­sen sich beson­ders gut mit dem Auto dar­stel­len. Das haben wir aus der Wer­bung gelernt. Auch Über­le­gen­heit lässt sich so gut mit dem Auto zei­gen. Das scheint sogar mit einem tie­fer­ge­leg­ten Klein­wa­gen, der mit extra-brei­ten Rei­fen und metal­lic-blau abge­dun­kel­ten Schei­ben daher­kommt, zu klap­pen. Ob der vie­len bewun­dern­den Bli­cke mag der Fah­rer schon mal etwas zu stark auf die Tube drü­cken und Boden­haf­tung ver­lie­ren.

    Upps, irgend­wie bin ich nun wie­der bei dem umge­fah­ren Unfall­op­fer-Gedenk­kreuz.

  2. Peter sagt:

    Ich bemühe mich auch, über­all gemäß der zuläs­si­gen Geschwin­dig­keit zu fah­ren und kann auch immer nur mit Kop­schüt­teln die oben beschrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen der Mit­ver­kehrs­teil­neh­mer zur Kennt­nis neh­men. Mein Arbeits­weg führt 50 min. über Stadt und Land, und so sieht man mit der Zeit die hirn­ver­brann­tes­ten Aktio­nen.

    Was mich erschreckt ist, dass es so sehr viele sind, die sich bewusst den Geschwin­dig­keits­re­geln wider­set­zen. Bei den jugend­li­chen Fah­rern habe ich den Ein­druck, es geschieht mit einer Mischung aus rebel­li­schem Stolz, Impo­nier­ge­habe und Über­mut.
    Ich kann nicht sagen, dass ich mit 18 nicht auch einen laxe­ren Angang hatte, was Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten angeht, so etwas ist ver­mut­lich unter ande­rem den Hor­mo­nen geschul­det (was das Ganze natür­lich nicht bes­ser macht, ver­steht mich nicht falsch).
    Bei der gro­ßen Zahl der Auto­fah­rer über 35, von denen man anneh­men kön­nen sollte, dass sie schon einen gewis­sen Rei­fe­pro­zess durch­lau­fen haben, ist der Hang zur Drän­ge­lei und Rase­rei in mei­nen Augen ein­fach Igno­ranz und Dumm­heit.

    Weil mich die glei­che Frage wie die von Frank, „was geht in Rasern vor?“ bewegte, habe ich mal zum Spass auf radarforum.de die Dis­kus­sion auf das Thema über­höhte Geschwin­dig­kei­ten gelenkt. Hab‘ ziem­lich plump irgend­ei­nen Thread ange­zapft mit der Aus­sage: „zuläs­sige Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten gehö­ren ein­ge­hal­ten“. Da sind sofort alle auf mich los wie die Hyä­nen. Ist eine lange Dis­kus­sion gewor­den und teil­weise hatte ich ob der Idio­tie der Mit­dis­ku­tie­ren­den Schwie­rig­kei­ten, nicht aus­fal­lend zu wer­den. Sucht mal nach dem User­na­men „regulafalsi“ da könnt ihr’s lesen. Ich habe die Dis­kus­sion irgend­wann been­det, als es mir zu blöd wurde. Raser ver­dre­hen sich die Rea­li­tät ein­fach so weit, dass sie sagen: „Wieso denn, wenn ich meine Wohl­fühl­ge­schwin­dig­keit habe, fahre ich ein­fach am bes­ten. Mein fah­re­ri­sches Geschick, meine enorme Reak­ti­ons­fä­hig­keit und meine Sach- und Orts­kennt­nis sind mehr wert als irgend­wel­che Schil­der. Wer Schil­der braucht, ist ein armes Licht ohne eigene Mei­nung“.

    Was mir auch Angst macht und wo ich gleich mal ein paar Füh­rer­scheine ein­kas­sie­ren würde, ist bei den Leu­ten, die sich hier äußern:
    http://board.raidrush.ws/showthread.php?t=316306
    Wenn das ein reprä­sen­ta­ti­ver Durch­schnitt von jun­gen Fah­rern ist, dann gute Nacht.

    Ich bin es wirk­lich leid, ange­fein­det zu wer­den, weil ich mich an die Regeln halte. Wobei ich durch­aus kein Apos­tel bin und auf Druck der Schlange hin­ter mir meis­tens not­ge­drun­gen ein paar km/​h schnel­ler fahre als erlaubt. Mir geht es gewal­tig gegen den Strich, dass sich einige in Ihrer Über­heb­lich­keit, Arro­ganz und Dis­zi­plin­lo­sig­keit auf Kos­ten ande­rer aus­to­ben. Lei­der gibt Ihnen die Tat­sa­che, dass ihre Geschwin­dig­keits­über­tre­tun­gen so sel­ten geahn­det wer­den, auch noch recht.

    Die Videos, die Frank gezeigt hat, sind erschüt­ternd. Aller­dings glaube ich, dass sie den glei­chen Effekt auf Raser haben, wie die auch scho­ckie­ren­den Anti­rau­cher-Lun­gen­krebs-Videos auf mich, als ich noch geraucht habe. Der Effekt war aus­ge­spro­chen gering. So trau­rig wie es ist, ich glaube, dass der Ver­lust einer nicht gerin­gen Geld­summe oder gar der Fahr­erlaub­nis einen ungleich grö­ße­ren Effekt haben als alle wie auch immer gear­te­ten Appelle an die Ver­nunft.

    Wenn’s nach mir ginge, müss­ten sehr, sehr viel mehr Geschwin­dig­keits­kon­trol­len durch­ge­führt und das Punk­e­sys­tem ver­schärft wer­den. Und wenn die Kapa­zi­tä­ten bei den Behör­den dafür nicht aus­rei­chen, sollte man zer­ti­fi­zierte pri­vate Dienste mit dem Blit­zen beauf­tra­gen kön­nen. Ich glaub‘, in Öster­reich gibt’s oder gab’s das. Für so etwas wür­den alle Anlie­ger in unse­rer Zone 30 sofort zusam­men­schmeis­sen, da bin ich mir sicher.

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