11. August 2008, von

Einfach daneben

 

Staden

Staden

Die Wetterau ist eine eher abgeschiedene Gegend, liegt vielleicht ein wenig neben den grossen Attraktionen.  Das ist gut so, denn es gibt hier noch hübsche kleine Ortschaften mit bezaubernden Blicken.  Es ist an manchen Ecken so verträumt, dass man die grosse weite Welt da draussen glatt vergessen könnte.  Doch die Rettung vor dieser Gefahr kommt in verschiedener Form zu uns.  Wir müssen nur richtig hinschauen, dann erreichen uns die wichtigen Dinge von ausserhalb der Kreisgrenzen …

Dank aufopferungsvoller und unermüdlicher Arbeit leistet vor allem das Fernsehen seinen Beitrag: So bekommen wir mit, wie wenige skrupellose Menschen sich kurzfristig auf Kosten vieler bereichern wichtige Wirtschaftsexperten nachhaltige und globale Entwicklungen zum Wohle der Wetterauer Wirtschaft steuern.  Das niveaulose Gezattere Die unglaublich lebensnahen Dramen in den nachmittäglichen Schmierenkomödien Talkshows und Gerichtsdramen haben hohen bildenden Wert.  «Free TV» — daneben kann ein lokales Kulturangebot aus unserer Region natürlich kaum bestehen.

Einen weiteren wichtigen Eckpfeiler der Wetterauer Volksbildung stellt die Werbung dar: Sie vermittelt uns jeden Quatsch unverzichtbare Produktinformationen auf einfältige und marktschreierische vielfältige und originelle Weise.  Das Fernsehgerät spielt hier ebenfalls eine immens wichtige Rolle für unsere Lebensqualität.  Erinnern Sie sich beispielsweise noch an die Sponsoren der Fussball-EM?  Bestimmt, denn wir wurden ja bei jedweder Gelegenheit über die Namen der Unternehmen informiert, die uns unter finanziellen Mühen selbstlos das Vergnügen ermöglichten, die deutschen Stehfussballer daheim sitzend ins Finale zu begleiten!

Ich vermute, Sie besitzen deshalb inzwischen aus reiner Dankbarkeit bereits einen mit Ihrer MasterCard bezahlten Hyundai, der Sie auf Reifen von Continental zu McDonalds bringt, wo Sie sich eine Coca Cola bestellen, um das trockene Brötchen herunterzuspülen.  Später trinken Sie dann im schicken Jogginganzug von Adidas ein Bier von Carlsberg zum Fernsehabend vor einem JVC-Gerät. Statt Castrol bevorzugen Sie allerdings weiterhin das gute südfranzösische Olivenöl (natürlich kein spanisches!) im Salat — und BenQ finden Sie trotz liebevollster Produktinformationen seit Kamp-Lintfort ziemlich daneben.

080811_daneben02_350x192.jpgDie EM hat auch in der Wetterau Spuren hinterlassen.  In dem kleinen Ort Dorn-Assenheim warben neulich drei der Helden (?) der Meisterschaft auf einer grossen Plakatwand für eine Auszeit: Marcell Jansen, Kevin Kuranyi und Arne Friedrich plädierten mit süssem Lächeln für mehr Kultur in Ruhephasen.  Zuckriges Knabberzeug soll die Pausen attraktiver machen.  Ich kann das gut nachvollziehen.  Schliesslich muss denen das Rumstehen auf dem Platz in so mancher EM-Partie ja ebenso langweilig vorgekommen sein, wie mir als Zuschauer.  Da wäre so ein Snack auf dem Platz doch gut gewesen — und ein knackiger Apfel von einer hiesigen Obstwiese ist für gestresste Fussballer sicher völlig daneben.

«Pause!  Wann du willst, wo du willst».  Das ist eine überzeugende Werbebotschaft — und die drei haben das Motto bei der EM ja mehr oder weniger deutlich auf dem Rasen vorgelebt: Pause.  Gut gemacht, Werbeträger müssen Vorbilder sein!  Daneben bleibt eben kein Platz mehr für eine engagierte Leistung auf dem Platz.

080811_daneben03_317x220.jpgApropos engagiert: Die kleine Fussballgruppe, mit der ich fast jeden Samstag in Friedberg dem runden Leder hinterher jage — naja, «traben» ist bei mir altem Zausel wohl die bessere Wortwahl — diese Gruppe hat glücklicherweise die drei Helden des nougatbraunen Genusses nicht sehr ernst genommen: Kinder und Erwachsene legen höchstens eine Trinkpause ein.  Ansonsten wird engagiert ein meist anregendes Spiel aufgezogen.  Aber vielleicht sollte ich es auf meine alten Tage doch mit diesem Zuckerzeugs versuchen?  Dann würden mich die Kiddies vielleicht nicht mehr so leicht austanzen?  Ich wäre zudem ganz im Trend in unserer dopenden Sportwelt und hätte letztes Wochenende nicht wieder so oft daneben geschossen.

Egal, wie ich mich entscheide — Dank des Magazins «Karambolage» des Fernsehsenders b haben Sie im folgenden Video noch die Chance zu erfahren, warum ein Nutellabrot an der Wetter anders aussieht als an der Loire.  Und das ohne die Drei von der Auszeit und völlig werbefrei.  Viel Spass!

-fj

2 Kommentare auf "Einfach daneben"

  1. Andreas Möschl sagt:

    Hallo Frank – extrem nett von dir, dass du mich mal wieder upgedated hast … – shukran dafür ;-)

    Das mit dem NUTELLA hatte ich auch schon gemerkt – es gibt in den arabischen Staaten ebenfalls NUTELLA – und auch das kommt mir anders vor als „unseres“. Gleiches gilt für die USA, die wahrscheinlich aus Konsistenzgründen eher zu der französischen Version tendieren dürften …

    Die Art und Weise, wie du deine kurzen Blogs schreibst (wichtiges und richtiges durchgestrichen usw.) finde ich toll. Muss ich auch mal machen, wenn ich einen Brief oder ein Mail an meinen Chef schreibe – er kann ja dann nicht sagen, ich hätte da was böses geschrieben …

    Tschüss – und Grüße an die liebe Anke !!! – Andreas

  2. Silke sagt:

    Einfach nur herrlich, wie du den alltäglichen Trott auf die Schippe nimmst!
    Du sprichst mir aus der Seele.

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