22. August 2008, von

Lauter Dorfklatsch


Eine Kleinstadt ist eine Stadt, in der die wichtigsten Lokalnachrichten nicht gedruckt, sondern gesprochen werden.
[Jacques Tati]

Wie sieht es dann erst auf dem Land aus?  Nun, der französische Schauspieler und Regisseur Jacques Tati sollte es wissen.  In seinem wunderbaren Film «Tatis Schützenfest» aus dem Jahr 1949 (Originaltitel: Jour de fête) beschreibt er die herrliche Szenerie während eines französischen Dorffests.  Grosses, vergnügliches Kino — höchste Zeit, dass dieser Film mal wieder im Fernsehen gezeigt wird.

Sechzig Jahre später, ein Dorffest in der Wetterau:  Hier, in einem deutschen Dorf, sieht so ein anberaumtes Beisammensein von Bewohnern und Gästen natürlich anders aus.  Der Grund liegt — um im Filmgenre zu bleiben — an den «Modern Times».  Oh, es wird auch hier gebacken, Buden werden aufgestellt, Auftritte organisiert, lokale Vereine und Gruppen präsentieren sich.  Nachmittags duftet es nach Kaffee, die Feuerwehr zeigt stolz ihre Gerätschaften und organisiert Kinderspiele: Nachwuchswerbung ist wichtig.  Es gibt manche Parallelen zu damals — aber der einfache Charme des Vergangenen ist heute nur noch schwerlich zu finden.

Die Älteren gruppieren sich um den zum Mitklatschen animierenden Musikverein, die Jüngeren fliehen mit schmerzverzerrtem Gesicht zum alternativen Musikprogramm.  Mitgeklatscht wird hier nicht.  Vielleicht hat man irgendwo gelesen, dass Deutsche ihre Hände nicht besonders begabt im Takt aneinander schlagen können?  Unmusikalisch sind wir!  Gut, dass nur neun Prozent der Befragten «spontane Freudebekundungen» (so bezeichnet es ein Sprecher des ZDF) bei Musiksendungen als störend empfinden.

Ob dauerbeklatschter Musikverein oder alternative Töne: Laut sind beide Arten der Darbietungen auf dem Dorffest von heute — als Musiker will man schliesslich auf jeden Fall gehört werden.  Da darf schon mal eine Unterhaltung über den neu zu wählenden Bürgermeister auf der Strecke bleiben.  Immerhin stört so das tuckernde Motorrad nicht, das — alle Schilder ignorierend — seinen Weg durch das Fest findet: Fast eine Hommage an Tati, der auf einem unmotorisierten Zweirad zwar chaotisch, aber wenigstens leise (höchstens mal ein Klingeln!) durch die französische Festgesellschaft fuhr.

Doch genauer betrachtet sind die Parallelen zu früher spätestens jetzt auf Kollisionskurs.  In der klassischen Vorlage meiner Generation für klischeehaftes gutbürgerliches Leben kommt ein taktseliges Publikum nicht vor: In Heinrich Spoerls (und weitgehend unbekannt: Hans Reimanns) Buch «Feuerzangenbowle» (schon Mitte der 60er Jahre eine Millionenauflage) wurde zwar getanzt, aber das Sommerfest des kleinstädtischen Ruder- und Schwimmvereins kam ohne Mitklatschen aus.  In der zu Recht als Kult bezeichneten Verfilmung mit Hans Rühmann aus dem Jahr 1944 wurde im Hintergrund so dezent musiziert, dass man sich unterhalten konnte.  Viel wichtiger als ein schunkelndes Publikum war es, wenn Hans Pfeiffer seinem «grosses E Ponkt» verstohlen zuzwinkerte.  Und so etwas ging damals auch leise.

Abends gibt’s ein paar Bierleichen.  Das sind feste Regeln bei einem Dorffest.  Schon bei Tati.  Oder war’s da Wein?

-fj

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4 Kommentare auf "Lauter Dorfklatsch"

  1. Dem Manne kann geholfen werden. Wie gut, dass ich soeben die „Initiative gegen Kommentararmut in wetteraufokussierten Blogs (IgeKoWeBl)“ gegründet habe.

    Tja, ich vermute der average Reader holt sich eher ein wenig Großstadtduft bei Blogs ab, die über Hamburg oder Berlin erzählen (beides großartige Städte übrigens) als sich an Wetterauer Betrachtungen zu delektieren. Aber genau darin könnte doch die Herausforderung für einen ambitionierten Blogger liegen.

    Die Wetterau zum tRendsEtter machen!

    Sechs sells wie bereits richtig vermutet. Her mit den Dorfschl…schönheiten!!!

    Provokant sein. Zaunkriege mit benachbarten Kreisen beginnen.

    Beschönigende Statistiken erfinden, die die Wetterau preisen. Hemmungslos herumlügen. Nicht die leidigen und ständig zitierten amerikanischen, sondern Wetterauer Wissenschaftler werden zukünftig herausgefunden haben, dass täglicher Handkäs-Konsum die Potenz ins Unendliche steigert und ähnliches.

    „Wetterau“ als einen Sammelbegriff für eine gewisse Art des Bloggens durchsetzen. „Aha, da hat er mal wieder ordentlich gewetterauert“ muss es zukünftig aus den Dachkammern klingen.

    Penetranz an den Tag legen. In möglichst vielen anderen Blogs herumwetterauern. Der Eine oder Andere verlinkt dann auch.

    Man sieht: Es gibt viel zu tun. Pagge mers aa! … wobei das „mers“ eher weniger auf mich zielt. Ich bin ja nur im Blinddarm der Wetterau beheimatet, wo sich bereits der Großstadteinfluss übelst breitmacht.

  2. Frank J. sagt:

    Ein Kommentar. Ein langer Kommentar. Ein langer und lesenswerter Kommentar. Aus dem Blinddarm der Wetterau.

    Ich muss erst mal an den Medikamentenschrank, um eine Valium zu schlucken.

    -fj

  3. … öchöch … zuviel der ehre … normalerweise bin ich das valium und nicht der valiumauslöser …

  4. Frank J. sagt:

    Na, ich werde vermutlich nicht jeden Tipp wahrnehmen — aber die Vorschläge des Lords sind schon bemerkenswert kreativ. Auf diese Weise sind bestimmt Kriege, weltumspannende Unternehmen, Politikkarrieren, Hochzeiten, Blinddarmentzündungen und Valiummangel entstanden.

    Mit dem „in anderen Blogs herumwettauern“ hat’s ja schon geklappt, Herr Foltermord. ;-)

    Besten Dank für Ihre Spielwiese!

    -fj

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