27. August 2008, von

Joh des packeme

Ich hatte irgendwann mal locker versprochen, auch über Politik zu berichten.  Dabei dachte ich an staatsmännisch winkende Herrscher aus fernen Ländern, die in offenen Staatskarossen beeindruckt durch die goldene Wetterau fahren und vielleicht staunenden Auges das seit Jahren unverwüstliche Dorn-Assenheimer «Haus der achtziger Jahre» besuchen — mit nostalgischem Schreibtisch,  originalen Tapetenresten und ausgelegten Teppichmustermappen.

Da aber weder Mr. Bush seinen Weg hierher fand, noch sonst jemand von diesem städtebaulichen Schatzkästchen direkt an der Hauptstrasse des Ortes Kenntnis nimmt, muss ich notgedrungen woanders beginnen.  Hmm, mal überlegen: Bush, USA, Obama — Wahlen und Nominierungen sind doch ein aktuelles Thema!  Schnell mal in den Veranstaltungskalender geschaut und ab nach Reichelsheim:

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Es war ein beeindruckender Abend: Das krachend volle Bürgerhaus sah die Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten.  Geführt durch Dagmar Bertram und Manfred Merz von der Wetterauer Zeitung, warben drei stattliche Männer um Sympathie — und vor allem um die Stimmen der wahlberechtigten Einwohner.  Mir schwirrte bald der Kopf ob so mancher Wortakrobatik, verwechselter Stadtteilnamen oder wohlgelaunter Hemdsärmligkeit.  Wen soll ich denn nun wählen?

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080827_joh_des_packeme_1.gifKandidat A ist bestimmt ein ausgezeichneter Kenner der Region: Die Kenntnis über jeden Steinhaufen der Gegend, was darunter liegt und wer ihn aufgeschüttet hat, spricht aus allen seinen Worten.  Er hat politische Erfahrung und kann das in laaangen, vorwiegend administrativ geprägten Beiträgen belegen: Ein Mann, der zweifellos das Zeug hat, den Laden auch weiterhin so am Laufen zu halten wie in den letzten Jahren.  Da niemand der Anwesenden ernsthaft über den jetzigen Zustand der Stadt klagte: Eine gute Lösung —  wenn er es schafft, seine langen Reden über die gesamte Legislaturperiode stimmlich zu verkraften.

080827_joh_des_packeme_2.gifIrgendwann zwischendrin hat auch Kandidat B mal eine Chance und das Wort.  Er vermittelt eine fundierte Kenntnis in Verwaltung und viel Erfahrung in Menschenführung.  Sein durchaus vorhandener Witz ist geschickt getarnt und erschliesst sich vielleicht nicht jedem.  Irgendwie betrachtet er die meisten Dinge wunderbar nüchtern.  Seine Sicht von aussen könnte frischen Wind in die Stadt bringen und alte Verkrustungen aufbrechen.  Den Eindruck, dass etwas verändert werden kann und das Leben in der Stadt noch besser sein könnte — er vermittelt ihn.  Ein guter Mann — solange er niemandem den Weg nach Weckes-, äh Beienheim erklären muss.

080827_joh_des_packeme_3.gifKandidat C ist dagegen der Pragmatiker: Er lässt Fünfe gerade sein, kommt jovial rüber und ist für einen Lacher gut.  Den hätte man gerne als Nachbarn.  Wenn ich jemals mit einem Bürgermeister Pferde stehlen müsste — er wäre meine erste Wahl und ich trüge ihm vielleicht sogar die Schwitzdecke.  So einen Mann wünsche ich mir, wenn es darum geht, dass jemand auf dem Schreibtisch der Kreisverwaltung sitzt, um den Forderungen der  Reichelsheimer Bürger dort Nachdruck zu verleihen.  Ich bin sicher, er hinterliesse dabei einen bleibenden Eindruck.  Er kann’s bestimmt — wenn er sich nicht unter das internationale Publikum des neuen Sieben-Sterne-Hotels «Burj-Al-Tagebausee» mischt und das Wetterauer Flair zu sehr geniesst.

Und nun?  Ich könnte mich nach dem Vorstellungsabend ohne schlechtes Gewissen für jeden der Kandidaten entscheiden — ahne aber, dass der Stimmzettel vom 7. September das nicht zulässt.  Soll ich nun besser keinen der Kandidaten wählen?  Das wäre staatsbürgerlich eine schlechte Wahl und scheidet aus.  Was also tun?  Losen?  Schnick-schnack-schnuck?  Wetttrinken?  Eine dreiseitige Münze werfen?

Für eine Lösung ist es aus wahlrechtlichen Gründen zu spät, denn es kann diesmal ja keinen neuen Kandidaten, besser: keine neue Kandidatin mehr geben.  Bei sehr ähnlichen Bewerbern hätte ich mich für eine Frau entschieden.  Wenn ich auf die Geschichte der Menschheit schaue, dann haben Männer bisher für deutlich mehr Unheil gesorgt als die Frauen.  Aber es ist zu spät, meine Herren (?) Wahlkampfmanager!

Wenn sich jemals ein Mitglied einer der beteiligten Parteien hierher verirren sollte, kann er dann bitte den verantwortlichen Strategen von mir grüssen und zwei Fragen stellen:

  1. Eine andere Position als die der Gegenkandidaten kann hilfreich sein.  Wenn das Angebot sich zu sehr ähnelt, fehlt ein eigenes Profil.  Mangelte es an Ideen beziehungsweise fehlte der Mut, um aussergewöhnliche oder unpopuläre Ideen anzusprechen?
  2. Frauen haben zu Recht einen geschichtlichen Bonus.  Warum wurde der nicht wahltaktisch genutzt?

Es wird vermutlich spannend am 7. September.  Ich habe keinen Favoriten und wünsche allen Kandidaten, dass sie den Wahlkampf und -tag gut verkraften mögen.  Sollte sich der Sieger am Abend des Triumphs zu einer grossen Geste gemüssigt sehen, dann bitte nicht in Obama-Manier mit einem «Yes We Can!».

Es reicht, wenn der SPD-Generalsekretär Gerhard Heil den Enthusiasmus seiner Genossen auf irgendwie peinliche Weise überschätzte.

Also bitte:  Macht’s in bestem Wetterauer Dialekt.  «Joh des packeme!»

-fj


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ein Kommentar auf "Joh des packeme"

  1. […] eine solche, sehr durchschaubare Sprachfassade, dann spricht das für sich.  Mir fällt dazu das hier im Blog bereits einmal lobend erwähnte Schmuckstück aus Dorn-Assenheim ein (siehe links).  Wäre das […]

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