3. September 2008, von

Karrieren

Sie glauben, dass diese kleinen Artikel über die Wetterau nur in Mittelhessen gelesen werden?  Weit gefehlt, Ladies and Gentlemen!  Selbst in den höchsten Kreisen der USA finden diese Webseiten Aufmerksamkeit.  Mein Blog macht Karrierre.

Sie haben keine Idee, was ich meine?  Gut, ich verrate es:  John McCain, der US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner, muss hier vorbei geschaut haben — und in meinem Bericht vom 27. August über die Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten in Reichelsheim hat er es entdeckt:  Ich plädiere dort für mehr Frauen in der Politik.

Keine 48 Stunden später präsentiert er seine Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten: Sarah Palin.

080903_karriere01_220x287.jpgNa, der Zusammenhang ist deutlich!  Der 72-jährige McCain hat eigentlich keine Chance auf das Präsidentenamt.  Die Gründe sind offensichtlich:  Seine Landsleute, auf deren Weltkarte nach Deutschland, Japan, Korea und Vietnam nun auch die vorher weissen Flecken Irak und Afghanistan mit Farbe versehen sind, sie sind etwas müde von den ständigen Verlustmeldungen.  Zu viele Särge mit amerikanischen Flaggen werden heim geflogen, eine seit Bushs Regierungszeit wieder ständig steigende Staatsverschuldung (zum Zeitpunkt dieses Artikels 9.655.210.788.083 $) und die Krise am amerikanischen Immobilienmarkt sind nur drei Beispiele.

080903_karriere02_220x126.jpgAuf der Habenseite fällt mir nicht viel mehr ein als die putzigen Sätze des amtierenden Präsidenten, der bereits Bücher damit füllt.  Man hat dafür den Ausdruck «Bushisms» kreiert.  Nun, viel ist das nicht auf dem Erfolgskonto des grossen Staatsmanns der Republikaner — wer sollte da noch eine Stimme für den Parteigenossen und Vietnamveteranen McCain abgeben?

080903_karriere04_200x277.jpgMit einer Frau dagegen wird das aussichtslose Unterfangen von McCain — eins, zwei, drei! — wieder hoffnungsvoller.  Nicht, dass Frau Palin ein frommes Lamm wäre, das den Weltfrieden mit Cheesecake und Cola erreichen möchte, nein: Als Basketballspielerin gab man ihr den Spitznamen «Sarah Barracuda» bestimmt nicht, weil sie gerne ihre strahlenden Zähne zeigte.  Auch dass sie ihren ältesten Sohn «Track» voller Stolz in den Irak-Krieg ziehen lässt — bestimmt ist das nicht der richtige Platz für einen 19-jährigen — offenbart kaum den demütigen Charakter einer Mutter Theresa.  Aber eine Frau ist eine Frau, und man baut bei den Republikanern darauf, dass Frau Palin einige Stimmen der gegen Obama gescheiterten Demokratin Hillary Clinton abräumt.

Allerdings gerät die rechtskonservative Mrs. Palin ins Kreuzfeuer, noch bevor sie irgend einen bedeutungsvollen Gedanken formulieren konnte:  Ihre minderjärige Tochter ist schwanger.  Quel malheur!  Immerhin sieht Frau Palin als Gegnerin von Sexualkundeunterricht an Schulen gleich die Folgen ihrer Einstellung.  In der Öffentlichkeit wird das natürlich genüsslich breitgetreten — und die Republikaner sind in Bedrängnis.  So mancher Kommentar wirkt etwas orientierungslos.

Selbst die Gattin von McCain, Cindy, ist sichtlich verwirrt und stoibert sich zu der Aussage, dass Frau Palin deshalb etwas von «nationaler Sicherheit» verstehe, weil Alaska den Teil «ihres» Kontinents darstellt, der Russland am nächsten ist:

Grosses Kino, oder?  Wenn sie wenigstens singen könnte wie Frau Sarkozy, dann wäre sie eine gern gehörte Präsidentengattin, aber so …

080903_karriere03_240x200.jpgFrau Palin ist als aktive Unterstützerin der Waffenlobby und rigorose Abtreibungsgegnerin ein gutes Beispiel für die andere Politikkultur in den USA.  Bin ich froh, dass bei uns die Uhren politisch nicht so ticken.  Die selbsterklärte Weltmacht und das «Land of the Free» kämpft noch heute mit politischen Themen und Moralvorstellungen, die bei uns dankenswerterweise schon lange einem relativ breiten gesellschaftlichen Konsens untergeordnet sind.

Stellen Sie sich vor, die Lebensgefährtinnen der drei Reichelsheimer Kandidaten Bischofsberger, Schauermann und Scholz würden so vor die Kamera gezogen wie Cindy McCain!  Na, was nicht ist, kann ja noch werden.  Sarah Palin war Bürgermeisterin der Kleinstadt Wasilla in Alaska mit circa 6.700 Einwohnern.  Dann schaffte sie es bis zur Gouverneurin von Alaska.  Heute sprechen schon manche von ihr als Nachfolgerin von McCain im Präsidentenamt.  Das nenne ich eine Karriere!

Reichelsheim ist nur unwesentlich grösser als Wasilla.  Was Frau Palin kann, das kann doch auch ein hiesiger Kandidat locker! Herr Koch, Frau Ypsilanti:  Sehen Sie sich vor!

Spätestens bei der Bundestagswahl 2017 werden wir wohl einen Kanzlerkandidaten aus Reichelsheim haben.

Egal wer — 72 Jahre alt ist dann noch keiner der drei.

-fj


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