5. September 2008, von

Besser wählen

Eigentlich wäre es nun gut mit dem Thema «Bürgermeisterwahl», finden Sie nicht auch? Am Sonntag werden die Stimmen abgegeben, dann wird auf das Ergebnis gewartet, zwei Wochen später die Stichwahl durchgeführt — denn wir sind in Hessen und nicht bei den Bayern, für die absolute Mehrheiten nichts Ungewöhnliches sind.

Apropos: Kennen Sie Frieder Herold? Nein? Dann geht es Ihnen wie mir bis heute morgen (denn ich schaue fast nie Privatfernsehen). Sie sollten Frieder Herold aber kennenlernen — und genau das ist der Grund, warum ich doch noch mal auf das Thema «Bürgermeister» eingehe. Frieder Herold wurde im Jahr 2002 mit 96,1 % der Stimmen ohne Gegenkandidaten zum Bürgermeister von Chamerau in Bayern gewählt. Zu welchen Auswüchsen eine solche Form der Demokratie führen kann, zeigt Christian Ulmens Kunstfigur Knut Hansen auf.

Bin ich froh, dass in Reichelsheim drei Kandidaten antreten, die alle wählbar sind. Auch wenn die Entscheidung zwischen den Dreien schwerfallen mag: Diese peinliche, bayerische Episode eines Dorffürsten ist ein weiterer guter Grund, übermorgen zur Wahl zu gehen und es anders zu machen hier in der Wetterau. Aber sehen Sie selbst — das Video bereitet erschreckenderweise ein wenig Spass:

Knut Hansen: Ein Bürgermeister zum Anfassen
(es dauert etwas, bis das Video startet, also Geduld)

Ich wünsche mir am Sonntag in Reichelsheim ebenfalls 96,1 % — Wahlbeteiligung. Sagen Sie es bitte weiter.

-fj


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3 Kommentare auf "Besser wählen"

  1. Veilchen sagt:

    Wenn die Chamerauer bezahlt werden, damit sie keine Ausländer in ihre Mietwohnungen ziehen lassen, liegt es da fern zu vermuten, dass die braven Bürger sich dort auch dafür bezahlen liessen, den Bürgermeister zu wählen? Eine Art bayrisches Stenkelfeld? (In Stenkelfeld ist der Bürgermeister W. Oelgemöller der ehrenamtliche Stimmenauszähler – seither amtiert er überraschenderweise ununterbrochen als Bürgermeister.)

    Und haben die wenigen Ausländer, die es tatsächlich geschafft/gewagt haben, nach Chamerau zu ziehen, den Chamerauer Vermietern mehr bezahlt? Oder handelt es sich gar nur um einen Vermieter – den Homosexuellen des Dorfes, der mit der Einschleusung der Ausländer Rache wegen langjähriger Verunglimpfung übt?

    Nun, der redliche Herold hat im Januar sein Amt an den jungen Baumgartner (CSU – selbstredend) abgegeben. Es weht seither sicherlich ein frischer Wind in der Gemeinde. Da auch die CSU sich nun “Integration” auf die Fahnen schreiben muss, wurde vielleicht die “Ausländerabwehrvergütung” gesenkt?

  2. lordfoltermord sagt:

    Darf ich mal – ohne die Reichelsheimer Verhältnisse en detail zu kennen – mal eine Prognose hinsichtlich der Stichwahlbeteiligung abgeben?

    Ich machs einfach mal:

    38,3 %

    …und das ist optimistisch geschätzt, es gab schon weitaus geringere Wahlbeteiligungen…

    Davon wird etwas mehr als die Hälfte einen der Finalisten ins Amt hieven, sodass wir davon ausgehen können, dass der neue Bürgermeister von ca. 20% der Wahlberechtigten bzw. ca. 16% aller EinwohnerInnen gewählt wurde. Schon geil, das mit der repräsentativen Demokratie!

    Quorum? Theoretisch eine gute Idee, aber wie lange braucht es dann, bis eine politische Führung gewählt ist, Wenn sich da dann anarchistisches Gedankengut breitmacht, hihi…

    Also, am besten wie in einigen anderen Staaten auch die Leute ins Wahllokal prügeln oder diese komischen Direktwahlen wieder abschaffen?

    Who knows…

  3. Frank Jermann sagt:

    Die Wahlbeteiligung lag mit circa 54 % knapp 27 Prozentpunkte niedriger als bei der letzten Bürgermeisterwahl. Im Ortsteil Beienheim (einer SPD-Hochburg) waren es gerade mal 37,6 %. (Quelle: Kreis-Anzeiger, 09. September 2008)

    Wenn von 5.300 Wahlberechtigten gerade mal 2.850 ihre Stimme abgeben, dann ist das bedenklich. In einer Bürgermeisterwahl werden lokale Dinge auf den Weg geschickt, wie beispielsweise der Versuch, einen Bauernmarkt zu etablieren. Es geht um konkrete Lebensqualität, nicht um Importzölle für gefälschte Louis-Vuitton-Taschen.

    Nach 24 Jahren der Regentschaft unter Bürgermeister Gerd Wagner hatten die Bürger seit langem mal wieder die Gelegenheit, etwas zu verändern — trotzdem ist das Interesse an lokaler Politik erschreckend gering.

    Vielleicht liegt’s an meiner hier an anderer Stelle geäusserten These, dass die Kandidaten zu ähnliche Profile präsentierten? Wer keine klaren Unterschiede in den Programmen erkennt, wozu soll der wählen gehen?

    -fj

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