12. September 2008, von

Angst

Vor sieben Jahren sass ich am 11. September in meinem Auto.  Auf der Rückreise von den britischen Kanalinseln fuhr ich durch Frankreich.  Es regnete in Strömen — trotzdem wollte ich noch ein paar Tage in der Gegend bleiben und den Rest meines Urlaubs irgendwo auf dem Land geniessen.

080912_angst02_170x290.jpgRadio hatte ich seit Stunden nicht mehr gehört.  Es muss im Burgund gewesen sein, als mich ein Freund anrief.  Er vermutete mich in meiner Lieblingsstadt: New York City.  So erst erfuhr ich von dem Anschlag.  An der nächsten Raststätte hielt ich an und sah im Fernsehen immer und immer wieder die Türme des World Trade Centers einstürzen.  Das Bild hat sich eingebrannt.

Damals fuhr ich die ganze Nacht hindurch bis nach Hause.  Etwas Unfassbares war geschehen.  Ich war traurig und hilflos.

Die Wunden sind bis heute sichtbar: In unserer Gesellschaft wird fremd aussehenden Menschen vielfach mit Misstrauen begegnet.  Öfter nehme ich wahr, dass dabei auch Angst mitschwingt.

Genau sieben Jahre später bin ich in Echzell unterwegs.  Ein schwarzes, sehr lautes Motorrad dröhnt mit weit überhöhter Geschwindigkeit die lange Gerade der Ortschaft hinunter.  80 km/h sind das Minimum — und ich kann ganz gut schätzen.  Ich gebe dem Fahrer mit einer unhöflichen Geste unmissverständlich zu verstehen, dass ich weder die Raserei, noch den Lärm billige.

Etwa hundert Meter weiter wendet der Fahrer sein Gefährt langsam und kommt mit finsterer Miene auf mich zu.  Gewaltandrohung und Beleidigungen sind seine Sprache.  Auf meine Frage, ob man über seine Respektlosigkeit gegenüber den Bewohnern des Ortes und die Gefährdung anderer Menschen nicht vernünftig reden, oder ob er nur Drohungen und übelste Schimpfwörter ausstossen könne, lautet die Antwort: „Das ist mein Leben.“ Er macht mir deutlich, dass es Zufall sei, dass ich ohne eine Tracht Prügel davonkomme.

Liebe Leserinnen und Leser, ich habe keine Angst vor Menschen, die fremdländisch aussehen, die sich nach der Mode ihres Landes kleiden und meine Sprache nicht sprechen.  Daran ändern auch die furchtbaren Anschläge des 11. September nichts.

Angst habe ich vor Menschen, die ganz offen und ohne Bedauern gegen unsere Gesetze verstossen und meinen, dass sie die Bevölkerung mit Lärm und Aggression terrorisieren können — weil es ihnen gefällt.

Wir können wenig tun gegen religiöse Fanatiker, die die Erde verändern wollen.  Erst recht nicht hier in irgendwelchen verschlafenen Dörfern Hessens.  Die Bedrohung ist aus der unserer Sicht weit weg — und das ist gut so.  Wir sollten aber wahrnehmen, dass unsere kleine Welt nicht so heil ist, wie man vermuten mag.  Es gibt einen lokalen Terror, mit dem ich nicht erst gestern Bekanntschaft gemacht habe.

080912_angst01_215x149.jpgDie als «rollende Disco» bezeichneten Autos mit riesigen, wummernden Musikanlagen fahren zu jeder Tages- und Nachtzeit durch unsere Ortschaften, oft viel zu schnell — und nach einem Hinweis gibt’s noch ein Extra-Reifenquietschen beim provokativen Beschleunigen dazu.  Tags darauf wird bei der nächsten Ortsdurchfahrt noch zusätzlich gehupt.  Welch ein Triumph!

Ich vermute, dass viele Bürger Angst haben vor der Aggression dieser Menschen.  Wegsehen, nicht wahrnehmen — das sind Methoden, mit denen man sicher vordergründig «in Ruhe» leben kann.  Wenn aber irgendwann mal eines dieser viel zu schnellen Motorräder ein Kind tötet, wenn der abgelenkte Fahrer einer rollenden Disco die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und in eine Menschengruppe rast, dann dürfte die Betroffenheit gross sein.

Es gibt genügend gute Gründe, diesen Menschen nicht das Feld zu überlassen.  Angst ist — wie so oft — ein schlechter Ratgeber.

-fj

2 Kommentare auf "Angst"

  1. KH sagt:

    Das kenne ich. Gibt man den jungen Kerlen zu verstehen, dass sie nicht im zweiten Gang mit 50 durch den Ort fahren sollen, dann lassen sie den Motor noch lauter aufheulen. Grad heute passiert. Die haben außer ihrem Auto wenig, woran sie im Leben Spaß haben. So etwas wie Rücksicht ist bei diesen Typen ein Fremdwort.

  2. Norbert sagt:

    Hallo Frank!

    Ich kann Deinen Ärger gut verstehen. Sind wir doch alle dieser tagtäglichen Form der Repression und Aggression ausgesetzt. Fahre ich durch „meinen“ Vorderspessart auf regennasser Fahrbahn bedächtig, habe ich oft genug eine dieser rollenden Discos in unmittelbarer Tuchfühlung zur Stoßstange und fühle mich aufs übelste bedrängt. Manchmal schießen mir die Jungs (und zunehmend auch Mädels!) auf direktem Kollisionskurs im Kurvenscheitelpunkt, meine Fahrspur mit benutzend, entgegen – das andere Mal werde ich überholt, wo überholen eigentlich suizidalen Intentionen entspringen muss. Falls das russische Roulette verloren wird, bin ich garantiert involviert.

    Auch mir wurden schon Schläge angedroht, weil ich rechts überholenden Verkehrshooligans den Vogel gezeigt habe.

    Aber was wollen wir dagegen tun? Du hast recht. Der „große“ Terror verändert die Welt. Der kleine Terror dagegen permanent das Behagen jedes Einzelnen.

    Liebe Grüße vom Norbert

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