17. September 2008, von

Einsichten und Zahlen

Einsichten

Es sind schöne Momente, in denen ich fest­stel­len kann, dass die Gedan­ken in die­sem Blog nicht nur von mir gedacht wer­den. Erfreut konnte ich lesen, dass mein Ein­druck über die Bedro­hung unse­rer Ort­schaf­ten durch Raser und Vekehrs­row­dys auch teil­weise von den Bewer­bern um das Amt des Rei­chels­hei­mer Bür­ger­meis­ters wahr­ge­nom­men wird und auf die­sem Weg in die Medien fand.

Nun, neue Ein­sich­ten dürf­ten es ver­mut­lich nicht sein, wenn Ber­tin Bischofs­ber­ger in einem Arti­kel der Wet­ter­auer Zei­tung so zitiert wird: «Mir ist mul­mig bei dem Gefühl, dass meis­tens erst etwas pas­sie­ren muss, bevor sich der Ver­wal­tungs­ap­pa­rat bewegt.» Wei­ter sagt er: «Seit Jah­ren wer­den diese The­men dis­ku­tiert, Anträge im Par­la­ment gestellt, das Ergeb­nis ist gleich null.»

Der aus dem Ren­nen um den Bür­ger­meis­ter­pos­ten aus­ge­schie­dene FWG-Kan­di­dat Hans-Gün­ter Scholz gibt in die­sem Zusam­men­hang eine wenig ver­klau­su­lierte Wahl­emp­feh­lung ab, wenn er sich zusam­men mit Bischofs­ber­ger ablich­ten lässt und äus­sert: «Mir ist es wich­tig, dass wir die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen in der Stadt Rei­chels­heim ange­hen. Ich werde einen Kan­di­da­ten wäh­len, der dies auch macht!»

Viel­leicht irre ich mich aber und Scholz ten­diert zum SPD-Kan­di­da­ten Rai­ner Schau­er­mann? Ich bin sicher, dass der sich eben­falls irgend­wann und irgendwo ähn­lich geäus­sert hat wie Bischofs­ber­ger — wenn­gleich ich auf sei­nen Web­sei­ten aus­ser dem all­ge­mei­nen Begriff «Ver­kehrs­be­ru­hi­gung» nichts zu die­sem Thema finde. Dabei hatte der Kan­di­dat noch vor kur­zer Zeit auf eben jenen Web­sei­ten für sich gewor­ben mit: «Sie wer­den auf sehr viele kon­krete Ziele und wenige all­ge­meine Aus­sa­gen sto­ßen». Ob das wie­derum Herrn Scholz als zu all­ge­mein auf­stösst?

Na, sehr viel kon­kre­ter ist auch der Vor­stoss von Ber­tin Bischofs­ber­ger nicht — wie es sowieso nicht als beson­dere Stärke der Kan­di­da­ten in die­sem Wahl­kampf auf­fiel, pro­blemori­en­tierte, lokale Aus­sa­gen zu machen. Oder haben Sie von den Bewer­bern etwas gele­sen oder gehört zu den Schand­fle­cken in Rei­chels­heim — wie bei­spiels­weise dem ver­fal­le­nen Dorn-Assen­hei­mer Kiosk an der Durch­gangs­strasse?

Zahlen

Laut Scholz «haben 58 Pro­zent der Wäh­ler dafür plä­diert, dass sich in Rei­chels­heim etwas ändern soll». Natür­lich bezieht er sich dabei auf die Bür­ger, die zur Wahl gegan­gen sind. Nimmt man aller­dings alle Wahl­be­rech­tig­ten als Berech­nungs­grund­lage, dann sieht das Ergeb­nis so aus:

  • Knapp 23 % stimm­ten für Rai­ner Schau­er­mann.
  • Knapp 31 % stimm­ten für Scholz/​Bischofsberger.
  • Um die 46 % stimm­ten nicht ab.

Mit ein wenig Ver­schla­gen­heit könnte man Hans-Gün­ter Scholz ent­ge­gen hal­ten, dass knapp 70 % der Wahl­be­rech­tig­ten nicht dafür plä­die­ren, dass sich in Rei­chels­heim etwas ändern soll. Zah­len­spiele sind ein wenig wie Rou­lette, oder? Manch­mal auch in der rus­si­schen Vari­ante …

Blei­ben wir also rea­lis­tisch: Noch nicht mal ein Drit­tel der Wahl­be­rech­tig­ten hat dafür plä­diert, dass sich in Rei­chels­heim etwas ändern soll. Eupho­rie kommt bei die­sen Zah­len nicht auf, doch es könnte trotz­dem für eine abso­lute Mehr­heit gegen den SPD-Kan­di­da­ten rei­chen. Eine Demo­kra­tie muss das aus­hal­ten kön­nen.

Inter­pre­tie­ren kann man die­sen bei fast der Hälfte der Wahl­be­rech­tig­ten vor­han­de­nen Poli­tik­ver­druss sicher in vie­ler­lei Rich­tung, doch das steht mir vier Tage vor der Wahl nicht zu. Eine Ver­mu­tung sei mir aber gestat­tet: Ich habe den Ver­dacht, dass die 46 % Nicht­wäh­ler davon aus­ge­hen, dass sowohl den kon­kre­ten Wor­ten über das Dilemma der Ver­kehrs­si­tua­tion in Rei­chels­heim als auch den All­ge­mein­plät­zen zum Thema Ver­kehrs­be­ru­hi­gung keine Taten fol­gen wer­den.

Aussichten

Was tun? Nicht zur Wahl gehen, weil man sowieso nicht daran glaubt, dass sich etwas ändert? Das ist der fal­sche Schluss, glau­ben Sie es mir. Anhand der hier the­ma­ti­sier­ten Pro­ble­ma­tik der Ver­kehrs­row­dys zeige ich Ihnen aber einen Aus­weg:

Natür­lich werde ich am Sonn­tag zur Wahl gehen. Egal, wel­cher Kan­di­dat gewählt wer­den wird, ich werde ihm auf die Fin­ger sehen und ihn an sei­nen Wor­ten und Taten mes­sen. Und ich werde hier dar­über berich­ten, wenn es mir mög­lich ist.

Machen Sie es in Bezug auf ihre Sonn­tags­pla­nung genauso: Gehen Sie zur Wahl. Zum Thema «Ver­kehrs­row­dys» halte ich Sie dann hier im Blog auf dem Lau­fen­den. Ein­fach so und auch ohne Ihre Stimme.

-fj


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2 Kommentare auf "Einsichten und Zahlen"

  1. berichter sagt:

    ch lebe teils in Deutsch­land, teils in der Schweiz.

    In der Schweiz hat das Auto bzw. die Auto­mo­bil­in­dus­trie keine Lobby. Und dies merkt man.

    Es ist wesent­lich ent­spann­ter, dies zum einen, in der Schweiz mit dem Auto unter­wegs zu sein. Zum ande­ren ist die Anbin­dung an öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel her­vor­ra­gend.

    Die Men­schen -ohne einen Hei­li­gen­schein mit Zwang malen zu wol­len- fah­ren ent­spann­ter Auto. Kein hupen, kein drän­geln etc.

    Und daheim in der Schweiz bin ich dann ohne­hin nur mit dem Rad unter­wegs.

  2. Frank Jermann sagt:

    Das wäre ein Grund, in die Schweiz zu zie­hen. Ande­rer­seits habe ich auf Schwei­zer Auto­bah­nen häu­fig viel zu schnelle Dräng­ler mit Schwei­zer Kenn­zei­chen erlebt …

    Der hohe Stel­len­wert der Autos, der (angeb­li­che) Wert als Sta­tus­sym­bol mit mög­lichst lau­ter Aus­puff­an­lage und häm­mern­den Bäs­sen, die aus dem Fahr­zeu­g­in­nen­raum die Ort­schaf­ten ver­pes­ten, all das sind bedenk­li­che Aus­wüchse, gegen die kaum vor­ge­gan­gen wird.

    Dass es gegen die Lärm­be­läs­ti­gung frü­her oder spä­ter Rege­lun­gen geben wird, ist so sicher wie der Nicht­rau­cher­schutz im öffent­li­chen Raum. Heute bewegt sich aber noch nie­mand so rich­tig, um die­ser akus­ti­schen Seu­che Ein­halt zu gebie­ten — und die Betrof­fe­nen ste­cken lie­ber den Kopf in den Sand, als den Row­dys die Stirn zu bie­ten.

    Wenn der Bür­ger­meis­ter­kan­di­dat Bischofs­ber­ger nun (zumin­dest ein wenig) Flagge zeigt, finde ich das begrüs­sens­wert.

    Radeln ist übri­gens eine prima Sache, aber eben mal 10 km zum Ein­kau­fen in den nächs­ten grös­se­ren Ort — dafür bin ich zu alt.

    -Frank

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