22. September 2008, von

Bischofsberger!

Sensation? Hitchcock-Inszenierung? Irgendwo dazwischen bewegen sich das Ergebnis und der Abend der Stichwahl zum Reichelsheimer Bürgermeister. Im Bürgerhaus hatte sich eine deutlich grössere Gruppe Interessierter versammelt, als noch zwei Wochen zuvor — und sie bekamen mehr Spannung geliefert als beim Sonntagabendkrimi im Fernsehen.

Die Ergebnisse kamen nach und nach herein und wurden in bereits gewohnter Weise an der Leinwand präsentiert. Von den ersten Zahlen um 18:14 Uhr bis zur letzten Auswertung aus Dorn-Assenheim um 18:42 Uhr lag Bertin Bischofsberger nur ganz zu Beginn für kaum eine Minute vorn, als Heuchelheim die Zahlen meldete. Von da an konnte Rainer Schauermann sich über eine ständige Mehrheit mit bis zu knapp 19 % vor seinem Gegenkandidaten freuen.

Sekunden bevor das Endergebnis feststand, hatte Schauermann noch einen Stimmenvorsprung von 12,4 % auf Bischofsberger — doch der räumte in Dorn-Assenheim mehr als 86 % ab und wurde so mit dem zuletzt hereinkommenden Wahlergebnis aus seinem Wohnort der Wahlsieger. Ganze 0,8 % betrug sein Vorsprung. Bertin Bischofsberger hatte es geschafft. Der Jubel war auf der einen Seite gross — auf der anderen weniger. «Selten habe ich so viele lange Gesichter auf einem Haufen gesehen», bemerkte ein neutraler Beobachter.

Bei der grafischen Darstellung auf der Leinwand (siehe rechts) täuschte das Verhältnis der Ergebnisse ein wenig: Es war knapper als die beiden Balken in rot und schwarz das aufzeigten. Der Unterschied von 0,8 Prozent bedeutete, dass ganze 22 Stimmen zwischen dem zukünftigen Meister der Bürger und dem favorisierten Absteiger lagen — oder anders ausgedrückt: Hätte Rainer Schauermann seinem Kontrahenten zusätzliche elf Wähler abnehmen können, dann wäre es am Dienstag zu einem Losentscheid gekommen.

Statt der Flasche Wein hätte der SPD-Kandidat von seinem parteilosen Kontrahenten, der für die CDU angetreten ist, sicher lieber einen Glückwunsch zum neuen Amt bekommen. Bei der Harmonie zwischen den Beiden wird es sich vermutlich um einen tiefroten Tropfen handeln und nicht um einen billigen Schwarzburgunder mit einem bitteren Abgang ganz hinten im Rachen.

080922_wahlparty06_200x290.jpgHand aufs Herz: Wer hätte vorher eine Wette auf den verschmitzt lächelnden Sieger des Abends abgegeben? Sicher nicht viele. Ob Bertin Bischofsberger jemals so viele ihm unbekannte Hände geschüttelt hat wie in der Stunde nach seinem Wahlerfolg? Er sah das alles betont gelassen und meinte, er wäre auch mit einer knappen Niederlage gut klar gekommen. Als Sieger sind solche Sätze leicht formuliert …

Rainer Schauermann schlug sich in der Niederlage bemerkenswert und bat kollegial um Geduld, wenn man die Arbeit des neuen Bürgermeisters bewerten wolle. Eine sympathische Note in einem Wahlkampf, dessen Ausgang er erst einmal verdauen muss. Nach so vielen Wochen und einer teilweise deutlichen Führung in der letzten Minute abgefangen zu werden, dass ist sicher nicht einfach wegzustecken.

Nachdem die Kandidaten am Wahlabend so viel Harmonie zur Schau gestellt haben und ihre Positionen im Wahlkampf auch nicht sonderlich konträr waren, könnte Rainer Schauermann dem neuen Bürgermeister in Zukunft vielleicht bei mehr Dingen helfen, als nur Weckesheim und Beienheim nicht wieder zu verwechseln. Wächst da ein gutes Team zusammen — oder werden auch in Reichelsheim wieder die bekannten Lagerkämpfe der Parteien den politischen Alltag bestimmen?

-fj


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