4. November 2008, von

Verwählt?

Seit ein paar Tagen bin ich in New York City und verfolge hier unter anderem das Geschehen um die Präsidentenwahl.  Wenn es nach den New Yorkern ginge, dann wird Barack Obama der nächste Präsident der USA.  In der Stadt habe ich nicht ein Wahlplakat von McCain gesehen.  Obama dagegen lächelt vom einen oder anderen Bauzaun den hastenden New Yorkern entgegen.  Es geht hier anders zu als bei der Bürgermeisterwahl in Reichelsheim, bei der vermutlich mehr Plakate zu finden waren als in Manhattan.

081104_verwaehlt_220x219.jpgBeim Marathon, der am letzten Sonntag stattfand, konnte ich einen (in Worten: einen!) Läufer erkennen, der ein Plakat mit der Aufschrift «McCain/Palin» vor sich her trug.  Der wackere Sportler wurde zwar nicht ausgebuht, aber die Ignoranz, die ihm entgegen schlug, muss deprimierend gewesen sein — insbesondere, falls er die Beifallsstürme gehört haben sollte, mit der Läufer mit dem Obama-Konterfei auf ihrem Trikot unterstützt wurden.

Ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich an einen Sieg von Obama glaube — ich meine sogar, dass er mit einem deutlichen Vorsprung (an Wählerstimmen und Wahlmännern) gewinnen wird.  Andererseits: Dieses Wahlsystem ist relativ kompliziert, lässt Überraschungen zu und ich will die Möglichkeit eines organisatorischen Chaos oder gar Manipulationen nicht ausschliessen.

Chaos?

Vor zehn Tagen konnte ich in Florida bereits einen flüchtigen Eindruck gewinnen, wie der Wahlvorgang zumindest dort abläuft: Es ist in manchen Bundesstaaten möglich, bereits einige Tage vor dem eigentlichen Wahltag seine Stimme abzugeben.  Die Schlange der Wähler war lang in Miami Beach, die höfliche, aber kurze Führung im Wahllokal durch eine Pressebeauftragte eher verwirrend: Da gibt es unterschiedliche Wahlmaschinen, eine Organisation, die auf mich den Eindruck machte, als wäre es ein heilloses Durcheinander — und da soll sich der durchschnittlich gebildete Amerikaner zurechtfinden?

Dafür macht alleine schon das Wahllokal einen zu chaotischen Eindruck.  Zudem muss man bedenken, dass vermutlich viele Wähler zum ersten Mal an einer Wahl teilnehmen und nicht wenige kaum Englisch sprechen.  Mit Verlaub: Ich glaube nicht daran, dass dort tatsächlich in allen Fällen der Wählerwillen zum Ausdruck kommt.

Der Ansturm von Frühwählern auf die Wahllokale lässt vermuten, dass die Schlangen am heutigen Wahltag nicht kürzer sein werden.  Ob man damit zurecht kommt?  Wir werden es sehen.

Manipulationen?

Im McCain-Lager weiss man seit Wochen, dass eine eher dumm daherplappernde Sarah Palin mehr geschadet hat als genutzt.  Nun, sie kann es nicht besser.  Sicher vermag sie mit ihrem eher als einfältig zu beschreibenden Auftreten einfach gestrickte Menschen dazu veranlassen, gemeinsam «USA, USA» zu brüllen.  Nationaler Pathos aber reicht nicht aus, das wird bei den Umfragen deutlich.  Dass sie ein Fehlgriff in McCains Rennen um die Präsidentschaft war, dürfte man bei den Republikanern begriffen haben.

Wie mag man also reagieren im Lager McCains, wenn die Abende lang und die Stimmung trübe sind?  Wenn man sich erinnert, dass bei der letzten Präsidentschaftswahl heftig manipuliert wurde, dann sind Bedenken über den Wahlausgang durchaus berechtigt.

Nun, ich hoffe das Beste und werde die hereinkommenden Ergebnisse heute abend am Rockefeller Center verfolgen.  Obama wird keine Erlösung bringen — aber er ist mehr als nur das geringere Übel.  Und wer weiss: Vielleicht schafft er es, die Richtung der USA so zu ändern, dass man von Europa aus wieder mit etwas mehr Respekt und Wohlwollen auf dieses seltsame, selbsternannte «Land of the Free» schauen kann.  Oft habe ich das Wort «Kennedy» in den letzten Tagen in Diskussionen auf der Strasse gehört.  Die damit verbundene Hoffnung ist hier in New York City ebenso präsent wie sein Ende.

Aber wie das Leben so spielt: Vielleicht hat sich Amerika am heutigen Abend ja auch verwählt.  Nicht sehr wahrscheinlich — aber zuzutrauen wäre es ihnen.

-fj

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