11. November 2008, von

Aufgewacht: Furcht oder Hoffnung?

Ich bin wie­der in der Ruhe der Wet­terau — zurück in der hes­si­schen Pro­vinz direkt aus der Metro­pole New York City.  Mor­gens auf­zu­wa­chen ohne Flug­lärm, ohne stän­dige Ver­kehrs­ge­räu­sche und ohne den Dreck einer Mil­lio­nen­stadt, das ist wohl­tu­end.  Hier hört man die gros­sen Jets nur bei einer Ost­wind­lage, die Prolls der Gegend ken­nen die neu­es­ten Sub­woo­fer ver­mut­lich noch nicht und der Unrat der Land­be­völ­ke­rung nimmt sich beschei­den aus gegen die stin­ken­den Müll­mas­sen der New Yor­ker Bezirke abseits der Tou­ris­ten­ströme.

081111_aufgewacht_240x211.jpgAuch die unauf­ge­regte Ein­reise in Frank­furt war eine Erleich­te­rung zur teil­weise ent­wür­di­gen­den Sicher­heits­pro­ze­dur jen­seits des Atlan­tiks:  Ich wurde erneut als «SSSS» (Secon­dary Secu­rity Scree­ning Selec­tion) ein­ge­stuft, also als poten­ti­el­les Risiko für die Sicher­heit der USA emp­fun­den und mehr­fach beson­ders gefilzt.  Ob sich das unter Obama ändern wird?

Die Nach- und Aus­wir­kun­gen der Wahl zum 44. ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten wer­den im Blät­ter­wald durch­ge­kaut.  In der New York Times stosse ich auf befremd­li­che Äus­se­run­gen wie die von Don Dol­lar, einem städ­ti­schen Ver­wal­tungs­as­sis­ten­ten aus Ver­non im süd­li­chen Bun­des­staat Ala­bama, der sich bit­ter­lich beklagt:  Jeder, der sich nicht über Oba­mas Wahl­sieg auf­rege, sollte um reli­giöse Ver­ge­bung nach­su­chen.

Immer wie­der ist von Ängs­ten zu lesen, dass Schwarze (blacks) jetzt «aggres­si­ver» wer­den könn­ten.  Aggres­si­ver — so als wären Afro-Ame­ri­ka­ner bereits grund­sätz­lich aggres­siv.  Die Bil­der prü­geln­der weis­ser Poli­zis­ten, die Men­schen ande­rer Haut­farbe zu Krüp­peln geknüp­pelt haben, hat man in Ver­non ver­mut­lich bereits ebenso ver­ges­sen wie die jahr­hun­der­te­lange, gewalt­tä­tige Unter­drü­ckung der Afro-Ame­ri­ka­ner durch genau diese weisse Bevöl­ke­rungs­schicht, die sich jetzt fürch­tet. Angst war und ist der Nähr­bo­den, der das Klima in den USA der letz­ten Jahre erst mög­lich gemacht hat.

Ginge es nach dem Wil­len wei­ter Teile des Südens der USA, nach den reli­giö­sen Fana­ti­kern, dann wäre Obama nie gewählt wor­den.  Es muss ein bit­te­res Erwa­chen sein für viele die­ser got­tes­fürch­ti­gen Men­schen, dass ihre sek­ten­ar­ti­gen Ver­ei­ni­gun­gen nicht genü­gend Unter­stüt­zung von Gott erhal­ten haben, um einen Prä­si­den­ten Obama zu ver­hin­dern.  Ob Gott sei­nen Anhän­ger Bush viel­leicht ein­fach satt hatte?  Ich ver­spüre Erleich­te­rung, in einem über­wie­gend gesit­te­ten Land ohne allzu viel Fana­tis­mus — ob reli­giös oder sonst­wie — zu leben.

Die aus­ufernde Begeis­te­rung auf den Stras­sen New Yorks in der Wahl­nacht vom vier­ten auf den fünf­ten Novem­ber lässt ahnen, wie satt weite Teile der Bevöl­ke­rung die naive, auf Angst und Res­sen­ti­ments beru­hende, kon­ser­va­tive, mehr noch: rück­wärts gerich­tete Poli­tik der Repu­bli­ka­ner hat­ten.

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Wird nun alles bes­ser?  Nein, wird es nicht, denn auch Obama unter­liegt den Gesetz­mäs­sig­kei­ten von Poli­tik und dem Ein­fluss der mäch­ti­gen Lob­by­is­ten.  Ver­mut­lich wird es für viele heute freu­de­trun­kene Men­schen ein Erwa­chen mit Kopf­schmer­zen sein, wenn sie irgend­wann viel­leicht doch ein­mal fest­stel­len soll­ten, dass Obama kein Hei­land ist, son­dern ein ganz nor­ma­ler Poli­ti­ker.  Sicher ist er intel­li­gen­ter und fähi­ger als Bush — aber im Ernst: Dazu gehört nicht viel.

Der von Obama pro­kla­mierte Wech­sel wird nur dann statt­fin­den, wenn der Durch­schnitts­ame­ri­ka­ner aus dem Freu­den­tau­mel auf­wacht und erkennt, dass nicht ein Prä­si­dent für den Wech­sel steht.  Um den ana­chro­nis­ti­schen Lebens­stil vie­ler US-Ame­ri­ka­ner zu kor­ri­gie­ren bedarf es viel­mehr der Bereit­schaft der Mas­sen:  Der Ver­zicht auf über­di­men­sio­nierte Autos und auf eis­kalte Räume im Hoch­som­mer ist ebenso gefragt wie Ver­nunft bei der unglaub­li­chen Müll­menge, die täg­lich pro­du­ziert und teils acht­los auf die Stras­sen gewor­fen wird.  Das sind Ein­schnitte in täg­li­che Gewohn­hei­ten, die auf nicht viel Enthu­si­as­mus stos­sen wer­den.  Zudem wird Soli­da­ri­tät in Fra­gen wie der Gesund­heits­po­li­tik gefor­dert sein — keine ein­fa­che Auf­gabe in einem Land, in dem Indi­vi­dua­lis­mus und Ellen­bo­gen einen hohen Stel­len­wert haben.  Das Erwa­chen könnte bit­ter sein.

Es war wie immer lehr­reich, ein paar Tage lang über den Tel­ler­rand hin­aus­ge­schaut zu haben.  Wenn ich — hof­fent­lich bald — den Jet­lag über­wun­den habe und mor­gens wie­der erfrischt auf­wa­chen werde, dann wird mein Blick auf die Wet­terau geschärft sein.  Genü­gend Erzäh­lens- und Lie­bens­wer­tes, Absur­des und Span­nen­des gibt es auch hier bei uns.  Ich werde berich­ten.

-fj

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