1. Dezember 2008, von

Venezianische Märchen

Montagabend, ein Weltbild aus Venedig.  Ich sitze im Hotelzimmer, lasse die Socken trocknen und den Tag Revue passieren.

Die Stadt hat gerade die höchste Flut seit 20 Jahren erlebt, eine der zehn höchsten in den letzten 100 Jahren.  156 Zentimeter über dem normalen Pegel — das bedeutete nasse Füsse für viele, überschwemmte Wohnungen für manche,  Wasser in den Läden für wenige.  Die Fernsehmedien bereiten die Meldung für uns auf und das hört und sieht sich manchmal anders an als die Realität in der Stadt.

Den Vogel schiesst CNN ab, der amerikanische Sender mit starker europäischer Präsenz — aber trotzdem einer guten Portion der gewohnten transatlantischen Oberflächlichkeit:  Starke Regenfälle hätten die Flut verursacht, so meldete der Sender noch nach 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit.  Muss man tatsächlich ein meteorologisches Studium absolviert haben, um an dieser Möglichkeit zu zweifeln?  Immerhin:  Ein paar Stunden später wurde dieser Unsinn nicht mehr verbreitet und man erwähnte den Wind als Ursache.  Ich war überrascht, nun nicht zu hören, dass ein versehentlich nicht abgestellter Brunnen für den steigenden Wasserspiegel verantwortlich war.

Im ZDF wurden die Möwen auf der Piazza herausgestellt.  Dass diese bei der jetzigen Wetterlage nichts Besonderes sind, wurde nicht erwähnt:  Jede der jahreszeitlich nicht unüblichen kleineren Fluten lockt die weissen Vögel auf den fast leeren Markusplatz.  Tauben können schliesslich nicht schwimmen und die verbliebenen einfältigen Touristen nutzen gerne die Möglichkeit, um trotzdem Geflügel zu füttern.

20081201_venedig01_220x306.jpgDie Venezianer leiden im Fernsehen mit erwarteter italienischer Vehemenz — im richtigen Leben aber trotzdem recht gelassen:  Schliesslich gibt es für Herren auch hüfthohe Gummistiefel farblich passend zur Business-Kleidung und richtig schicke Gummistiefel für die Damen.  Auch lässt es sich im Wasser stehend immer noch telefonieren — wo ist also ein Problem?  Folglich sind Berichte im italienischen Fernsehen fast Mangelware:  Die wichtigen Dinge funktionieren schliesslich auch bei Hochwasser noch.

20081201_venedig02_220x308.jpgAnders im ZDF, bei denen die stark betroffenen Geschäfte an der Piazza San Marco in längeren Berichten der Nachrichtenmagazine besonders hervorgehoben werden.  Mir kommen die Tränen — was für CNN vermutlich der Grund für eine weitere Hochwasserwarnung ist.  Diese Geschäfte an der Piazza und Piazetta mit ihrem geschmacklosen venezianischen Tand und einer kaufwilligen Kundschaft aus vielen Ländern werden den Verlust eines billigen Teppichs verkraften.  Auch das Gran Caffè Florian (selbst hier stand das Wasser 25 cm hoch) wird den Ausfall von ein paar Geschäftsstunden ohne Existenzängste wegstecken:  Wer den durch ständige Kitschpräsenz weichgekochten Kunden fünf Euro für einen Fingerhut voll Kaffee aus den Brieftaschen lockt, der wird keinen Bankrott anmelden müssen.

Der vorübergehende Gestank in Caffès und Läden dürfte ebenfalls kein Existenzproblem sein, denn der durchschnittliche Venedigbesucher schreckt schliesslich auch nicht davor zurück, sich für die Kamera auf der mit müffelndem Taubenkot übersäten Piazza von den grauen Flattermännern besteigen zu lassen oder deren Krankheitserreger am Boden sitzend direkt einzusaugen.

20081201_venedig03_220x153.jpgSchön wäre es gewesen, wenn das ZDF Berichte über die kleinen Läden in den Wohnvierteln gezeigt hätte, dort wo keine Touristen bedient werden.  Gefreut hätte ich mich über einen Bericht CNNs über Menschen wie Anna, die in ihrem mehr oder weniger abgeschnittenen Viertel (je nach Stiefelschafthöhe) zusammen mit Anwohnern Wein, Salami und andere Kleinigkeiten zusammengetragen hatte und gestrandete Wasserbummler wie mich mit sehr viel Freundlichkeit einlud, auf der Strasse eine kleine Stärkung einzunehmen.

Nun, in unserer schnelllebigen Nachrichtenwelt ist selten Zeit für so etwas.  Den Verantwortlichen reichen eine Sensationsmeldung und die allseits bekannten Bilder des überschwemmten Markusplatzes.  Vermutlich sagen die auch Expresso zum Espresso.

-fj

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2 Kommentare auf "Venezianische Märchen"

  1. Marc sagt:

    Hallo Frank, danke für den Hinweis. Hast recht, die anderthalb Meter beziehen sich auf das Hochwasser und nicht auf die Überflutung :-)
    Viele Grüße in die Wetterau
    marc

  2. Frank J. sagt:

    Nachtrag:
    Ach, es ist kaum zu glauben, mit welcher fast schon einfältigen Leichtigkeit die Fernsehberichte zu einem so einfachen Thema aufbereitet werden. Wie soll es da erst bei komplexen Themen sein?

    Das ZDF bemühte am 1. Dezember im Heute-Journal die Veranschaulichung, dass „95 % der Innenstadt“ überflutet seien. Was ist die Innenstadt von Venedig? Egal: Hauptsache 95 %, das hört sich dramatisch an. Dass es auch auf den Hauptinseln weite Gebiete gab, die nicht überschwemmt waren, schwächt die Meldung vermutlich zu sehr ab.

    Im Morgenmagazin vom 2. Dezember konnte man aus dem sehr ernsten Gesicht der Moderation hören: „Die Lagunenstadt steht jetzt fast vollständig unter Wasser.“ Wie darf man sich das vorstellen? Abgesehen davon, dass es hier so etwas wie regelmässige Flut und Ebbe gibt und der Höchststand vom Tag vorher bei weitem nicht mehr erreicht wurde — was bedeutet „fast vollständig unter Wasser“?

    Aber es geht weiter: „Nach schweren Regenfällen ist der Wasserstand auf 1,56 m über dem Meeresspiegel“gestiegen.“ Soll sich der unbedarfte Zuschauer nun vorstellen, dass in kurzer Zeit 156 cm Regen gefallen sind, die die Stadt überfluten? Kein Wort der Moderatorin über den Scirocco — aber immerhin wird der wahre Grund des Hochwassers im darauffolgenden Bericht erwähnt.

    Ein schönes Beispiel für die Oberflächlichkeit der Medien — da kann die Moderatorin noch so betroffen dreinschauen: Glauben Sie besser erstmal nur die Hälfte. Welche? Na, irgendeine wird schon stimmen und Sie haben bessere Chancen als beim Lotto.

    -fj

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