5. Dezember 2008, von

Acqua Alta

081205_acqua_alta01_270x219.jpgZum selbsternannten «Schönsten Buchladen der Welt» habe ich es am Tag des Hochwassers nicht geschafft.  Meine Gummistiefel waren für den Weg zu «Libreria Acqua Alta» (Calle lunga S.M. Formosa, Castello 5176) nicht geeignet:  Zu hoch stand das Wasser.  Schön wäre es schon gewesen, den verwinkelten Buchladen in seinem Element zu sehen.  Ausstellungsstücke wie die hohen Gummistiefel oder Taucherflossen und Schnorchel lassen zumindest auf Humor an trockenen Tagen schliessen.  Ob die mit Büchern gefüllte Gondel in den Verkaufsräumen aufgeschwommen ist?

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Apropos Gummistiefel:  Wo sind die fliegenden Händler, wenn man sie braucht?  Scheint die Sonne, stehen sie einem mit Damenhandtaschen im Weg, beginnt es zu regnen, verwandelt sich ihr Sortiment wie von Zauberhand in Regenschirme, mit denen sie den Touristen unter der Nase herum fuchteln: Umbrella, umbrella!  Wo aber sind diese modernen Wegelagerer bei Hochwasser?

081205_acqua_alta03_270x395.jpgSolide, hüfthohe Gummistiefel waren am Tag der Flut in keinem Schuhladen zu bekommen.  Ja, schicke, sündhaft teure Pumps, wildledrige Fussbekleidung für den modebewussten Herrn überall — aber versuchen sie einmal an einem Hochwassertag damit an der Riva degli Schiavoni zu laufen!  Am Tag nach der Flut fand ich dann auf der Via Giuseppe Garibaldi einen Laden, der neben jedem erdenklichen Haushaltsgerät auch diese grünen Monstren feilbot.  Dort also, in diesen typisch italienischen Kramläden, die hinter der oft unscheinbaren Front riesengross sind, findet man das praktische Schuhwerk für einen extrem nassen Tag in Venedig.  Meine vorsorglich mitgebrachten Gartenstiefel waren dagegen Kindersandalen.

Am Tag nach dem Acqua Alta hätte ich Putzkolonnen und eine hektische Betriebsamkeit auf den Plätzen der Stadt erwartet.  Weit gefehlt!  Die teils wie verwüstet aussehenden Bereiche an der «Molo» waren dreckübersät — und niemand kümmerte sich darum.  Ein paar Bauarbeiter besserten ohne Eile schadhafte Stellen am Kai aus — das war’s.

Die Truppe, die schon die Tage zuvor kleinere Dückdalben an den Anlegestellen der Gondeln herauszog (zu dritt: einer bediente den schwimmenden Kran, einer machte die gefährliche Drecksarbeit und einer gab Anweisungen vom Ufer aus), war wieder bei der Arbeit zu bewundern, palavernd.  Die ersten Touristen liessen sich durch den in der Lagune schwimmenden Müll schippern.  Die Menschen in Venedig hatten schnell wieder ihr gewohntes Tagewerk aufgenommen.  Die Stadt war gerade noch landunter — na und?

081205_acqua_alta04_240x160.jpgLediglich für viele Ladenbesitzer verlief der Tag anders, denn ein miefiges, feuchtes Geschäft wollte natürlich niemand vorzeigen.  Selten habe ich so viele Männer mit Wischmopps und Besen gesehen.  Der normale Tourist machte derweil die Standardfotos von Tante Ma-Ling vor dem Canale di San Marco — und wenn die Tante gross genug drauf war, dann sah man den Müll auf dem Schnappschuss kaum.

081205_acqua_alta05_270x371.jpgEin beeindruckendes Beispiel italienischer Improvisationskunst war vor dem Hotel Metropole zu bewundern:  Die schweren, hoteleigenen Holzbänke sind dort aneinandergekettet, damit  freudentrunkene Amerikaner sie in ihrem Erstaunen, dass man in Italien Alkohol auf der Strasse trinken darf, nicht als Souvenir mitnehmen.  Nun schwimmt Holz bekanntlich — und das verkettete Ensemble der Bänke drohte mit der Flut in der Lagune zu verschwinden.

Mit einem dünnen, an einem Geländer verknoteten  Bändchen wurden die Sitzgelegenheiten erfolgreich am Ort gehalten — und nach der Flut ergaben sie ein gesetztes Muster, das mit lesendem Mann, Taube und durchweichtem Karton vermutlich manchem Ausstellungsstück auf der Biennale zur Ehre gereicht hätte.

081205_acqua_alta06_270x395.jpgDer Tag nach der Flut war für die Menschen — bis auf Ausnahmen — schon fast wieder normal.  Die Sonne brach mit gleissendem Licht durch die Wolken und bescherte diese wunderbare Stimmung in den engen Gassen.  Die Einheimischen erledigten ihre Einkäufe wie jeden Tag und Touristen verliefen sich wie immer im Gewirr der Wege.  Die Gondolieri schauten extra cool — ein gutes Zeichen, dass Venedig auch diese extreme Flut überstanden hatte.

Ich war nach einigen Tagen der Hochwasserjagd erschöpft und froh, dass ich auf meiner Suche nach dem Acqua Alta fündig geworden war — und wie!

-fj

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PS:  Meinen Artikel aus dem September 2007 muss ich korrigieren.  Es dürfte mittlerweile  schwierig sein, auf der Piazza San Marco einen Espresso für fünf Euro serviert zu bekommen.  Im Spätherbst 2008  zahlt man im Gran Caffè Chioggia 7,40 Euro — und das ist nur an der Piazzetta.  Immerhin sind die Preise für Wasser stabil.  Davon gab es diese Tage aber auch genug.

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2 Kommentare auf "Acqua Alta"

  1. Dominic sagt:

    Prima Artikel!

  2. Frank J. sagt:

    Da danke ich doch mal ganz brav für das Lob eines seltenen Besuchers!

    -Frank

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