2. Januar 2009, von

Parkstrasse

Stadt oder Land — manchmal ist der Unterschied schon sehr deutlich.  Insbesondere fällt er auf bei der Präsenz der Polizei.  Während in Ballungszentren der verlängerte Arm der Obrigkeit an vielen Stellen spürbar ist, ist auf dem Land kaum einmal eine grüne Minna zu sehen.

Vor vielen Jahren parkte ich in München während einer eisigen, heftig verschneiten Winternacht in einem Wohnviertel mit dem rechten Hinterrad auf einem Schneehaufen, der von der Strasse auf den Bürgersteig überging.  Ja, zugegeben, vermutlich befand sich der rechte Hinterreifen in fast ganzer Fülle auf dem Bürgersteig.  Allerdings war der Fussweg einer dieser extrem breiten Gehsteige — ich schätzte ihn auf mindestens vier Meter.  Zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass sich ein Ordnungshüter dafür interessieren könnte, dass ein Hinterreifen sich — thronend auf einem Schneehaufen — etwas vorwitzig um vielleicht 20 Zentimeter in den Bereich der Fussgänger verirrt hatte.  Weit gefehlt.  Nun, ich habe ein wenig gegrummelt, brav mein Knöllchen bezahlt und vermeide seitdem solche Situationen.

090102_parken02_200x223.jpgIn vielen ländlichen Gemeinden sucht man meiner Erfahrung nach diese Sorte pflichteifriger Vertreter des Gesetzes vergeblich.  Als Beispiel führe ich das Wetterauer Örtchen Echzell an:  Hier wird seit Jahren munter und hemmungslos auf Bürgersteigen geparkt — und nicht nur mit einem Hinterrad, sondern häufig mit dem gesamten Fahrzeug.  Konsequenterweise werden Verkehrszeichen ebenso rigoros ignoriert.  Bei so wenig Regelkenntnis keimt der Verdacht, dass seit Jahrzehnten die Schiessbude der örtlichen Kirmes die Führerscheine ausstellt.

090102_parken04_270x154.jpgAber es kommt noch besser:  Parkt man sein Fahrzeug ordnungsgemäss auf der Strasse, so kommt es vor, dass man wütend angehupt oder gar beschimpft wird.  Das Argument dieser Rabauken (und zu meinem Erstaunen auch das so mancher sanftmütiger Bürger) kenne ich:  Der Verkehr fliesst besser, wenn er nicht um parkende Autos herum fahren muss.  Verständnis ist vorhanden — für den reibungslosen Autoverkehr.  Die Mutter mit Kinderwagen oder der Rohlstuhlfahrer stehen nicht auf der Rechnung.

090102_parken03_305x200.jpgDass Fussgänger ebenfalls Teilnehmer am Verkehr sind und deren Weg behindert wird, ist dabei in der Regel zweitrangig.  Dass Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen einen Umweg über die Strasse nehmen müssen (womit sie sich einer erhöhten Gefährdung aussetzen), wird nicht in Betracht gezogen.  Wichtiger ist es wohl, dass die eigene Karosse — hochglanzgewienert und mit das Ego verschönernden Plastikteilen versehen — vor einer Berührung durch vorbeifahrende Autos besser geschützt ist.

Wie mag die zuständige Obrigkeit solche Fälle sehen?  Nun, im konkreten Fall von Echzell versicherte mir ein Mitarbeiter der Polizei (Regionaler Verkehrsdienst Wetterau) im Oktober 2008, dass man die Missstände in Echzell kenne.  Warum vorbeifahrende Polizeifahrzeuge nicht einschritten, blieb unklar.  Auf jeden Fall wolle er zu den zuständigen Mitarbeitern Kontakt aufnehmen.

Das ist nunmehr drei Monate her und ich gehe davon aus, dass ein Gespräch der Verantwortlichen stattgefunden hat.  Zu meiner Überraschung habe ich bislang aber keine Änderung im Parkverhalten in Echzell entdecken können.  Haben die Falschparker gut gefüllte Brieftaschen (und zahlen die Knöllchen ohne zu murren), oder wird weiterhin nicht gegen sie vorgegangen?  Diese letzte Annahme ist kaum glaubhaft — würde doch der Schutz der Fussgänger offensichtlich missachtet, eine Gefährdung vieler Menschen durch die zuständigen Behörden und die Ordnungskräfte vor Ort billigend in Kauf genommen.  Und doch deutet alles darauf hin …

Ach, sicher werde ich nicht freiwillig den eifrigen Münchener Ordnungshüter gegen die beide Augen zudrückende Wetterauer Polizei eintauschen.  Aber ist es wirklich so schwierig, einen vernünftigen Mittelweg zu finden?  Spätestens nach dem dritten Knöllchen würde es vermutlich jeder verstanden haben, dass auch eine jahrelang geübte Praxis die Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer nicht rechtfertigt.  Wenn dann noch durch die auf der Strasse parkenden Autos der Verkehr entschleunigt würde — wunderbar!

So aber bleiben die Strassen einladende Rennbahnen für die Unvernünftigen — und die geduldeten Parkverstösse zu Lasten der Fussgänger bewahrheiten zum wiederholten Mal, dass in unserer Gesellschaft Dreistigkeit gewinnt.  Aber schliesslich werden wir von Kindesbeinen an auf dieses Motto gedrillt:  Schon beim Klassiker Monopoly gewannen meist die Vabanquespieler und nicht die braven Bürger.  Gab es dort nicht auch eine Parkstrasse, auf der nie jemand parken wollte?  Na, egal ob Parkstreifen oder Grünanlage, sie wurde ja in der neuen Version des Spiels abgeschafft.  Im realen Leben sollte man für eine bessere Welt die Fussgänger abschaffen.

-fj

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5 Kommentare auf "Parkstrasse"

  1. Andreas sagt:

    Die Parksituation ich Echzell ist tatsächlich besonders katastrophal, allerdings kein Einzelfall. Ähnliche Bilder können zu den sog. „Stoßzeiten“ auch in Reichelsheim aufgenommen werden.

    Besonders bemerkenswert ist auch die Tatsache das insbesondere solche Autofahrergruppen – die vermeintlich eine höhere Sensibilität für dieses Thema haben sollten – ebenso die Regeln missachten.

    Ich meine damit Eltern die Ihre Kinder morgens zur Schule bringen und mittags wieder abholen. Nach meiner Kenntnis ist auf der Rückseite des Schulgeländes ein sehr großer Parkplatz auf dem gefahrlos geparkt werden kann und Personen aus- und einsteigen können.

    Doch anstatt das Eltern mit ihrem Fahrzeug dorthin fahren wird direkt an der Hauptstraße geparkt. Türen werden aufgerissen, natürlich ohne auf den rückwärtigen Verkehr zu achten. Der erste PKW parkt auf dem Gehweg, der nächste halb auf der Straße und der dritte mit Warnblinker direkt in Höhe der Ampel.

    Natürlich findet das „Spektakel“ nicht nur in eine Fahrtrichtung statt – nein – sondern in zweispurig.

    Doch unabhängig davon – nämlich das Eltern die Möglichkeit haben den schuleigenen Parkplatz zum ein- und aussteigenlassen ihrer Kinder nutzen können – ist an der sonstigen Parksituation die Gemeinde Echzell auch in hohem Umfang mitschuldig.

    Im Bereich zwischen der Metzgerei Lenz und der Bäckerei Hinnerbäcker sind nur sehr wenige Parkplätze vorhanden. Der Seitenstreifen ist an einigen Stellen sicherlich breit genug das Fußgänger komfortabel ihren Weg gehen können und das ein PKW dort parken kann. Aber durch das Setzen von Bäumen – welche zwischenzeitlich vorwiegend als Hundetoilette mißbraucht werden – ist – durchaus wertvoller – Parkraum entfremdet worden.

    Und an die Vernunft der Autofahrer zu appelieren ist sicherlich wie Eulen nach Athen zu tragen.

  2. Veilchen sagt:

    An Andreas

    Hallo,

    die Bäume tragen doch sehr zur Ortsverschönerung bei.

    Ist nicht im genannten Bereich zwischen Lenz und Hinnerbäcker das Parken uneingeschränkt erlaubt?

    Viele Grüße vom Veilchen

  3. Frank J. sagt:

    Hallo Andreas,

    das Chaos auf der Hauptstrasse bei der Schulabholung durch Eltern ist mir auch aufgefallen. Und Du hast Recht: Es gibt einen Parkplatz hinter der Schule, auf dem die Kinder sicher gefahrloser eingesammelt werden könnten, als direkt vor der Schule.

    Nun wäre das alles kein Problem, wenn auf der Hauptstrasse langsam und rücksichtsvoll gefahren würde — aber wir alle wissen, dass das häufig nicht der Fall ist. Folglich bedarf es nur einer „normalen“ Verkehrssituation und eines unaufmerksamen Kindes, um hier einen gefährlichen Sachverhalt heraufzubeschwören.

    In Bezug auf die generelle Parksituation nehme ich allerdings ein anderes Bild wahr als Du: Es gibt auf der Echzeller Hauptstrasse genug Parkraum — er wird nur nicht genutzt. Die Autofahrer ziehen es vor, auf den Gehwegen zu parken. Da sich niemand „traut“, sein Gefährt ganz normal auf der Strasse abzustellen (so wie es sein sollte), kann vielleicht der Eindruck entstehen, dass es zu wenig Parkraum gibt — aber dieser Eindruck ist nicht richtig.

    Die von Dir erwähnten Bäume blockieren keinen Parkraum, denn sie stehen nicht auf der Strasse, wo ja normalerweise geparkt werden muss.

    Parkraum empfinde ich nicht als „wertvoll“ — einen Schatten und Sauerstoff spendenden Baum jedoch schon. Es ist zu begrüssen, dass die ansonsten eher langweilige und ewig lange Strasse durch den Ort durch ein wenig Grün aufgelockert wird.

    -Frank

  4. Frank J. sagt:

    „Design“ ist ein zu schönes Wort für „Plastikteile anschrauben“. Aber Deine Wahrnehmung stimmt, Seb: Auffällig und laut muss ein fahrbarer Untersatz nach der Meinung mancher Verkehrsrowdys sein.

    Vermutlich ist das aber richtig so, denn bestimmt hängen an der Tuning-Industrie Arbeitsplätze — und die sind in unserer Welt sakrosankt.

    -Frank

  5. Seb sagt:

    Anhand der Bilder sieht man, das man auf dem Land viel Zeit hat und an seinen Autos herumbastelt und designt.

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