13. Januar 2009, von

Muster mit Wert

 

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Eisige Kälte über der Wetterau: minus 22° Celsius um neun Uhr morgens.  Der Tag da draussen lockt mehr als der Schreibtisch.  Endlich:  Nachmittags schnalle ich nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder die Langlaufskier unter und geniesse die ruhige Schneelandschaft auf den Feldern.  Pulvrig ist die weisse Pracht, nicht gut geeignet zum Laufen in ungespurtem Gelände — aber das ist nicht so wichtig.

090113_muster02_220x336.jpgIch halte mich fern von den Landstrassen mit lauten Räumfahrzeugen, die die Muster der Radspuren im Schnee unerbittlich beseitigen.  An Knicks und Seerändern entlang finde ich Einsamkeit und Ruhe und ziehe mit meinen Skiern die Spur.  Die Greifvögel rücken bei der Kälte wieder näher an die Menschen heran, sind aber trotzdem von Scheu geprägt.  Ein Foto aus kurzer Distanz ist immer noch ein Gänsehautmoment.

Im von Menschen unberührten Schnee finde ich am Boden regelmässige Eindrücke.  Diese Muster entstehen vermutlich, wenn die eleganten Flieger etwas Nahrung entdeckt haben und das Futter nun mit dem ganzem Einsatz ihrer grossen Schwingen für sich sichern.  An mancher Stelle kann ich erkennen, dass ein Mäusegang unter dem Schnee aufgegraben wurde.  Schwerstarbeit für den Greifvogel — aber auch kein guter Tag für die Maus, vermutlich …

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Ich blicke mich um und versuche, die winterliche Einsamkeit aufzusaugen.  Der ferne Vogelsberg — sicher überfüllt mit Wintersportlern — leuchtet im Abendlicht.  Der Wind zerrt an den Vogelscheuchen auf den Feldern.  Die Sonne meint, der eisigen Kälte noch etwas ferne Hoffnung an den Sommer mitgeben zu müssen und verabschiedet sich dramatisch von diesem wundervollen Wetterauer Tag.

090113_muster04_220x272.jpgDer Rückweg in der hereinbrechenden Dunkelheit ist nicht einfach, doch auf den festgefahrenen Wegen gleitet der Ski passabel.  Ich schaffe es ohne Sturz zurück nach Hause.  Dort gibt’s zum heissen Tee die letzten Lebkuchen.  Dazu blättere ich im Internet ein wenig in der virtuellen Wetterau.

Plötzlich werden beim Stöbern in der Online-Ausgabe der Wetterauer Zeitung Erinnerungen an den letzten Sommer geweckt:  In einem Artikel über die Karbener Hobbyschau wird auch der Korbmacher Herbert Wohlfahrt aus Probbach im Westerwald erwähnt.  Körbe?  Natürlich werde ich sofort an den alten Kalauer erinnert:  «Möönsch, Kalli, wo haste denn die vielen Körbe her?»  «Zwei Abende Tanzschule Müller …»

090113_muster05_172x200.jpgDer Tag war damals genauso sonnig und strahlend wie heute — aber heiss.  Die Bewohner meiner kleinen Gemeinde kamen im Sommer 2006 zum Dorffest zusammen — und für mich war sein eher unscheinbarer Stand einer der Höhepunkte.

Herbert Wohlfahrt zeigte hier mit Herzblut sein Hobby.  Was der lebhafte Rentner über sein Material und die Arbeit erzählte, war gut erklärt und interessant:  eine Bereicherung für das Fest.  Handwerkliche Arbeit, viele Kenntnisse, kaum Werkzeug, kein technischer Schnick-Schnack — es machte Spass, dem begeisterten älteren Herrn einige Zeit zuzuhören und zuzusehen.  Seine Muster aus Weidengeflecht waren einfach, praktisch und schön anzusehen.

Ein wenig war es damals im Sommer wie jetzt draussen in der einsamen Kälte:  Die kleinen, stillen Momente können manchmal mehr beeindrucken, als die grossen, lauten.

-fj

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