2. März 2009, von

Wieder daheim

090302_daheim01_220x138.jpgFrüher, als Kind, war die Rückkehr von einer Reise für mich bedrückend.  Nie mochte ich die traumhaften Sommer der sechziger und siebziger Jahre auf der Nordseeinsel Juist hinter mir lassen.  Wenn sie doch nur ewig so weiter gegangen wäre, die Unbeschwertheit des sonnigen Strandlebens, fernab der Schule!  Die Heimkehr in die vertraute Umgebung war jedesmal eine Last.

Heute hat Reisen für mich einen anderen Stellenwert.  Ich gehe bewusster mit meinen Erlebnissen um, habe andere Ziele — in fast jedem Sinne — wenn ich die Koffer packe.  Auch am Ende der Reise hat sich die Perspektive verschoben:  Ich komme gerne heim.

Ein Teil dieses Wandels liegt sicher an der relativen Ruhe und Vertrautheit meiner jetzigen Wetterauer Wahlheimat:  Ich bin einfach gerne hier, wo ich das Geräusch des Katers einordnen kann, wenn er von der Mauer aufs Holzdeck springt.  Ich weiss, wann Löbers Bäckerwagen mit unnötigem Gehupe sein erhofftes Geschäft auf Kosten der Anwohnernerven ankündigt und freue mich um so mehr über die altbackene, aber ohrenfreundliche Glocke des Altmetallsammlers, der die Ortschaften abklappert.

Unterwegs ist das anders.  Selbst bekannte Orte sind immer wieder neu.  Auf meiner letzten Reise besuchte ich drei sehr unterschiedliche Gegenden:

090302_daheim02_220x154.jpgDie Sonne und Wärme im Süden Kaliforniens waren gut fürs Gemüt.  Lockeres Lebensgefühl an der Küste;  wunderbares Licht in der Winterwüste;  Aussteiger aus dem amerikanischen Konsumtrauma in einem verlassenen Militärcamp;  ein freundlicher, gottesfürchtiger alter Mann, dessen kitschiger bunter Berg aus Tonnen von Farbe nicht als unnötige Umweltschädigung eingestuft, sondern als nationales Denkmal geschützt wird und nicht zuletzt der immer noch kaum zu begreifende Salton Sea — all das waren Höhepunkte und für einen Fotografen eine Wundertüte.

090302_daheim03_220x134.jpgKanadas eisige Rocky Mountains forderten mich körperlich:  Skilanglauf, Schneeschuhlaufen und Hundeschlittenfahren waren in der dünnen Luft in über 1700 Metern Höhe anstrengend — und bei meiner Angst vor Hunden nicht nur physisch.  Eine Gruppe von sechs Huskies anzufeuern und mehr noch: zum Anhalten zu bewegen, war auch psychisch nicht banal.  Und zum Glück trug nicht nur ich eine dieser bescheuert aussehenden Pelzmützen.

090302_daheim04_220x153.jpgDer Karneval in Venedig führte mich dann in den Massentourismus zurück.  Kaum jemand dürfte ahnen, dass unter den meisten aufwändigen Masken vorwiegend Deutsche, Franzosen und Briten stecken.  Vielleicht hätte ich dort doch meine neue Pelzmütze tragen sollen?  Die tiefe Verzückung vieler Menschen vor billigen, aus China importierten Masken, die Horden digitaler Knipser ohne Respekt vor Anderen sowie die obligatorischen peruanischen Panflötenbläser waren teilweise eine Qual.

Nicht nur deshalb war die Rückkehr in die Wetterau schön:  Selbst bereitetes Essen statt Touristen-Restaurants, der Kaffee zur Zeitung am heimischen Kaminofen statt bei Starbucks, ein Treffen mit echten Freunden statt eines zwar freundlichen, aber wie immer unverbindlichen «nice to meet you» …

zitat01.jpgEs ist gut, eine solche Heimat zu haben — und die muss nicht ein Leben lang an nur einen Ort gebunden sein.  Wichtig ist vielmehr, dort, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat, auch zuhause zu sein.  Hier in der Wetterau habe ich so etwas wie Heimat gefunden — und das war nicht immer so auf meinen Stationen in diesem Land:  Berlin war vor der Wende zwar aufregend, aber die Enge nährte eine Sehnsucht zum Ausbrechen.  Hamburg war korrupt, München snobistisch, Darmstadt provinziell.  Freiburg dagegen zeigte sich voller Lebenslust und -qualität — und war Heimat.

Meine Geburtsstadt Lübeck war und ist selbstverständlich wunderbar — aber den Status als Heimat hat die Hansestadt verloren.  Heimat ist für mich seit einigen Jahren die Wetterau — und sie wird es vermutlich auch noch einige Zeit bleiben.

Um in diesen Hafen nach meinen Reisen auch weiterhin so freudig zurückzukommen, wäre es hilfreich, wenn es hier so abseits und ruhig bliebe, wie es momentan ist.  Hoffentlich scheitern also die hiesigen Politiker, von denen manche hochfliegende Pläne für die Region haben.  Natürlich wünsche ich mir ein besseres Kulturangebot, mehr Engagement der Bevölkerung in vielerlei Hinsicht und eine Verbesserung der Infrastruktur.  Damit meine ich aber nicht den Ausbau der Wetterau zu einem Erholungsgebiet für gestresste Grossstädter:  Nicht jede Landschaft muss künstliche Attraktionen bieten.

Wer die Reize der Landschaft als Wanderer erkunden möchte, sich an den schönen Toren so mancher Hofreite erfreuen mag, der ist natürlich jederzeit willkommen.  Einen touristisch erschlossenen Tagebausee mit Campingplatz und Hotel sowie Kiosk und Restaurant benötigen wir dafür meiner Ansicht nach aber nicht.  Denn dabei könnte etwas auf der Strecke bleiben:  Heimat.

-fj

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2 Kommentare auf "Wieder daheim"

  1. Old Friend sagt:

    Hello Frank,

    great to have you back. You are a man of true
    taste and understanding. It’s always a pleasure
    to read your masterfully thought-out essays.

    All the best from

    an Old Friend

  2. Frank J. sagt:

    Hello Old Friend,

    besides that I appreciate comments very much and especially yours schmoozes me: I am a curious fellow. Please disclose who you are — or at least tell me in an email.

    Thanks!

    -Frank

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