2. April 2009, von

Traumhafte Quote

War das nun ein Aprilscherz oder nicht?  Frau Piel, WDR-Intendantin, meinte gestern, am 1. April:

Es ist schade, dass es keine neue Sendung mit Oliver Pocher in der ARD geben wird.  Wir haben intensiv verhandelt und hätten ihn gerne an die ARD gebunden.  Für seine Entscheidung habe ich dennoch Verständnis, da wir mit den Konditionen, die Sat.1 ihm bietet, nicht mithalten können. [Quelle]

Es ist schade?  Nein, Frau Piel, es ist wunderbar!  Dass ein Teil des Publikums den pubertierenden jungen Mann mag, ist unbestritten.  Nun, immerhin kann er ganz passabel Lukas Podolski imitieren — und das reicht für den Anspruch vieler Zuschauer ebenso wie für den der meisten Fernsehsender.  (Übrigens:  Vermutlich war der mit den schlechten Flanken im Fussballspiel gestern Abend gegen Wales der Pocher und nicht Podolski, denn sooo schlecht spielte der Noch-Münchner zuletzt gar nicht).  Hauptsache Quote!

090402_traumhafte_quote01_340x211.jpgMir reicht auf Dauer Pochers ermüdende Imitationsnummer nicht — und ich habe beim gelegentlichen Betrachten seiner Sendungen in etwa ebenso grosse Bauchschmerzen wie bei den horrenden Beträgen, die die Anstalten des öffentlichen Rechts für die Übertragung der schnippischen Frisuren und Strähnchen mancher Fussballer ausgeben.  Und ich meine damit ausdrücklich nicht Herrn Netzers Haartracht.  Die ist Kult.

Zurück zum Thema:  Bin ich nun einem Aprilscherz Frau Piels aufgesessen?  Oder anders formuliert:  Wie weit kann man sich auf die Informationen im Internet verlassen?  Einer schreibt vom anderen ab, und auch im Web2.0 lebt eine ganze Zunft mitteilungsbedürftiger Menschen davon, dass sie geklaute Texte erneut ins Netz stellt.  Und so könnte es auch hier sein, oder?  Die gleiche Meldung über Pocher steht bei quotenmeter.de etwas ausführlicher — vermutlich ebenso leidenschaftslos abgeschrieben von der selben, vielleicht aprilfrisch veräppelnden Tickermeldung wie das Eingangszitat.

Nun, wir werden es sehen, wo das bleiche Bürschchen demnächst seine dünnen Spässe und die dicke Quote macht.  Ich werde ihn nicht vermissen im Abendprogramm der ARD — vermutlich aber in einer gelangweilten nächtlichen Zapping-Phase trotzdem irgendwo auf ihn treffen.

Jajaja!  Pochers Fans unter meinen Lesern werden jetzt meckern und mich als vergreiste Spassbremse einordnen:  Fünfzig plus — und damit haben sie erschreckenderweise bei mir auch Recht.  Und nicht nur bei mir:  Die ARD hatte Pocher eingekauft, weil sie Anteile der «werberelevanten Zuschauer zwischen 14 und 49» gewinnen wollte.  Quote eben.  Nach dieser Einteilung sind genau solche Spassbremsen wie ich, nämlich Zuschauer ab einem Lebensalter von 50, nicht interessant.  In Bezug auf die Werberelevanz, versteht sich, als Gebührenzahler an die GEZ wird man schon gemocht.  Warum das mit der Altersgrenze so sein soll, wurde vermutlich nie geklärt, aber die bedingungslose Hinwendung an diese Gruppe der «werberelevanten Zuschauer» ist seit langem in aller Hirn und Munde.

090402_traumhafte_quote02_305x220.gifAuch bei quotenmeter.de taucht diese Einordnung mehrfach und an prominenter Stelle auf.  Das verwundert, denn wir konnten doch spätestens im September 2008 vom NDR lernen, dass diese Einstufung lediglich ein geschickter Marketing-Schachzug des Senders RTL war.  Dort hatte man die Gruppe der 14- bis 49-jährigen mehr oder weniger frei erfunden, um den eigenen Publikumsanteil in ein besseres Licht zu rücken.  Aber ist vielleicht auch diese Darstellung wieder nur so ein Mythos?  Vermutlich nicht, denn wenige Tage später bestätigte der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma in einem Spiegel-Interview diese unglaubliche, von Eitelkeit und Arroganz wunderbar genährte Geschichte.  Alles nur erfunden!

Ich mag absurde Episoden — und dies hier ist so eine:  Medien und Werbebranche benutzen auch heute immer noch das Märchen der «werberelevanten Zuschauer» — und alle wissen mittlerweile, dass es lediglich eine verzweifelte kleine — Lüge? — ist, um die magere eigene Leistung gegenüber den zahlenden Werbekunden in besserem Licht zu präsentieren.  Das ist in etwa so, als wenn die Branche Frau Piels kleinen Aprilscherz als wahr ansähe — und Oliver Pocher auf diese Weise nun tatsächlich bei Sat.1 unterkommt.

Für Menschen ab 50 ist das aber sowieso völlig egal:  Ab 22 Uhr sind die vorm Fernseher bereits eingenickert.  Wenn mir also zu mitternächtlicher Stunde plötzlich Oliver Pocher auf 9Live erscheint, wie er mit Netzers Frisur um ein grosses Geldglas tanzt, und bei der 43. falschen Antwort (nämlich «KLAUS» auf die Frage nach einem männlichen Vornamen aus den Buchstaben «KLUAS») in ein Bild des vollbärtigen Harald Schmidt beisst — dann ist es höchste Zeit, mein Nickerchen ins Bett zu verlegen.  Aus den fünf Buchstaben lässt sich nämlich in Pochers Welt nur ein quotenmässig korrekter Vorname richtig bilden: Lukas.  Das weiss ich sogar im Traum.

-fj

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