8. April 2009, von

Haste Töne — oder nur geklaut?

Für die Jüngeren wird dieser Artikel sieben Siegel haben.  Vielleicht sogar acht, denn wie zu allen Zeiten schwärmen auch heute die alten Knacker von «damals» — und ernten dafür bei der folgenden Generation nur ein gequältes Lächeln.  Also, probieren wir es aus:

Als Kind erlebte ich ab und zu diese unendlich langen Tage der Bedrückung — wenn ein Staatsoberhaupt gestorben war, sich eine Katastrophe ereignet hatte oder der Kalender einfach nur einen dieser traurigen Feiertage anzeigte.  Damals konnte man sich dem kaum entziehen, denn das Radioprogramm (bei uns im Norden waren das NDR 1, 2 und 3, mehr gab’s nicht) passte sich dem Anlass an.

Natürlich lief während meiner Kindheit daheim meist das Unterhaltungsprogramm von NDR zwo.  Die Schlagerparade am Sonntagnachmittag war Pflicht.  Nun war das damals nicht etwa die Radioversion des Musikantenstadels unserer Zeit, sondern eine spannende Mischung aus aktuellen deutschen Schlagern und der gerade boomenden Beatmusik.  Das bedeutete, dass wir Kinder gespannt darauf warteten, ob die Beatles (Baby’s in black¹) oder die Rolling Stones (Paint it black²) es dem Schnulzenfuzzi Roy Black (Ganz in weiss³) mal wieder gezeigt hatten.

War aber einer dieser traurigen Tage, dann übertrug das Radio ernste Musik, oder klitschkoesk formuliert:  Schwäääre Kost.  Für ein Kind furchtbar und bedrückend — aber eben dem Anlass gemäss.

Heute gibt es das nicht mehr, und das ist nachvollziehbar:  Die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme eifern der marktschreierisch guten Laune der Privatradios nach.  Wo kämen wir da hin, wenn nur wegen eines Amoklaufs vor der Haustür der fröhliche Morgenwecker seine Gewinnspiele für eifrig plappernde Anrufer («Oh, ich habe einen Klingelton gewonnen?  Das ist ja der Supi-Hammer!») ausfallen lassen sollte.  Wegen ein paar tausend Tsunami-Opfern auf die taufrische (Werbe-)Nachricht verzichten, dass irgendwer Küchen zum besten Preis der Stadt anbietet — Himmel, nein!

Das höchste an heute möglichem Fingerspitzengefühl ist eine Portion wabernder, immer gleicher akustischer Jammertüll von Enya, nachdem soeben ein paar tausend Menschen unter einstürzenden Hochhäusern begraben wurden oder — wie heute morgen erlebt — das klagend gesungene Massachusetts von den Bee Gees nach dem Radiobericht über das Erdbeben in Italien.  Dann geht’s aber auch schon gleich «normal» weiter, im schlimmsten Fall schrecken die Redakteure auch nicht vor dem unsäglichen Achy Breaky Heart zurück (die Rache der Amis für Macarena).  Womit grundsätzlich wieder Musikantenstadelniveau erreicht wäre.

Doch die kurzzeitige, verschämte Selbstbeschränkung hat auch etwas Gutes:  In den Wochen nach dem 11. September 2001 war es politisch nicht korrekt, It’s raining men von den Weather Girls im Radio zu spielen.  Nach einem Erdbeben wird vermutlich Shakin‘ Stevens ein paar Wochen lang nicht zu hören sein.  Beides war und ist kein Verlust für meine Ohren.

090408_haste_toene04_340x27.jpgJa, ich greine.  Zu Recht, meine ich, denn ich finde einfach keinen Radiosender, der mich als Zielgruppe entdeckt.  HR1 versucht es zwar, aber überwiegend erfolglos.  Man penetriert mich mit dem Motto «Gib mir das Gefühl zurück».  Nun, ich muss zugeben, dass das teilweise klappt, denn bei flachen Liedchen wie Gazebos I like Chopin oder Harpos Moviestar wurde mir schon damals schlecht.  Die Alternative:  In Konzerte guter lokaler Bands gehen, die noch eigene Musik spielen — aber ich habe so viel Kenntnis dieser Szene, wie ein heute zwölfjähriger Hip-Hopper von den Besetzungsproblemen der frühen Beatles für das Schlagzeug.

Also bleibt doch nur das Radio.  «Wir spielen die Originale» ist ein weiterer Slogan von HR1 — ob das immer so stimmt, können Sie im Zweifel in der Cover-Datenbank feststellen.  Die erschreckende Erkenntnis:  Nanu, fast alles gab’s irgendwie, irgendwo, irgendwann schon mal!  Ob das beispielsweise die Fans der No Angels oder der GooGoo Dolls wissen?  There must be an angel stammt im Original von den Eurythmics, Give a little bit war 1977 ein Welthit von Supertramp.  Beide Kopien der Klassiker sind völlig überflüssige Neuauflagen wunderbarer Lieder, aber sicher haben diese Kopien der Musikindustrie ein paar Dollar ahnungsloser Teenies eingebracht — mit wenig Aufwand.

Jaja, ich höre die Standardfloskel:  Auch die Stars der sechziger Jahre haben fleissig gecovert.  Richtig.  Allerdings haben sie zumeist bis dahin eher unbekannten Stücken zum Durchbruch verholfen — und sich nicht nur an den Erfolg anderer Musiker angehängt.

Der Massengeschmack ist im Laufe der Jahrzehnte vermutlich anspruchsloser geworden.  Die einfältige Dauerberieselung mit allzu Seichtem ist sicher ein Grund dafür.  Uns fehlen die Pausen, um einmal Luft holen zu können, um uns neu zu sortieren.  Vielleicht wäre so ein erzwungener Tag mit ernster Musik (alternativ auch gerne ein Tag ganz ohne Musikberieselung) gar nicht so übel in der heutigen Zeit?  Das ist allerdings nur schwer vorstellbar, denn ein Leben mit weniger als 400 Beats per Minute zu führen gilt heute vermutlich als uncool.

Und das verstehen dann auch wieder die Jüngeren (und werden zustimmend nicken, wenn sie es denn bis hierher geschafft haben).

-fj

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¹ Baby’s in black gab es nie als Single und hat es deshalb natürlich auch nie in die Hitparade geschafft.
² Paint it black war im Juli 1966 auf Platz 3 der Schlagerparade.
³ Ganz in weiss erreichte im Februar 1966 Platz 6.

2 Kommentare auf "Haste Töne — oder nur geklaut?"

  1. Uta sagt:

    Hallo Frank,

    ich erinnere mich noch genau an den Tag, als der Tod von Leonid Breschnew bekannt wurde. Es war der 11.11.1982 – der Faschingsauftakt fiel komplett ins Wasser – für alle. Naja, vielleicht hatte die DDR damals auch etwas übertrieben!

    Ich bin definitiv für Abschalten der Dauerberieselung! Heute morgen war ich ganz erschrocken, als meine Kinder bei REWE freudestrahlend den Jingle von HR3 mitsangen und dann auch noch eine Werbung mitplapperten… Es verfolgt uns wirklich überall. Wir werden nur noch zugedröhnt mit überflüssiger „Musik“. Neulich wollte ich mir eine neue Jeans kaufen, konnte die Verkäuferin kaum verstehen, weil die Musik soooo laut aufgedreht war, das ist doch echt zum wegrennen!

    Manchmal sind mir selbst die Geräusche meiner Klospülung oder der laufenden Waschmaschine lieber!

    Wenn ich Lust auf Radio habe, höre ich gerne mal hier rein http://www.radio-bob.de/, die kommen wenigstens ohne den allgemein üblichen dahinplätschernden Singsang dieser Welt aus!

    UTA

  2. Frank J. sagt:

    Hallo Uta,

    ich vermute, dass zu der damaligen Zeit des fröstelnden Krieges bei den Westlern noch eine Extra-Pappnase aufgesetzt wurde. :-) Da ich aber aus dem einigermassen faschingsresistenten Norden der westlichen Republik stamme, habe ich das nicht mitbekommen.

    -Frank

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