19. April 2009, von

Hausaufgaben — aber nachhaltig!

Aufgabe:  Schreiben Sie einen Aufsatz über ein aktuelles politisches Thema, nicht unter 1000 Wörtern.  Sie überlegen noch?  Na, ich fang schon mal an.

Manchmal, da denke ich, dass Hausaufgaben gar keine so schlechte Einrichtung sind.  Zugegeben:  In der Schule haben sie uns häufig den freien Nachmittag versalzen.  Doch steht der Begriff auch für etwas, das grundsätzlich positiv ist:  Im späteren Leben hat man, wenn man eine wichtige Arbeit gründlich und gut erledigt, «seine Hausaufgaben gemacht».  Man sinniert noch einmal über die wichtigen Details eines Problems, ordnet, resümiert, zweifelt, verwirft — und kommt so schliesslich zu einem gut durchdachten Ergebnis statt zu einem schlampigen Schnellschuss.

In Bezug auf die sogenannte Umweltprämie haben die verantwortlichen Politiker diese Hausaufgaben entweder nicht gemacht, oder sie erzählen uns eine andere Geschichte als die, die tatsächlich hinter dieser Hilfsaktion steckt.

Beim Begriff fängt es bereits an:  Umweltprämie.  Da hat jemand schon bei der Benamsung die Hausaufgaben schludrig gemacht, denn es ist durchaus umstritten, ob der Ersatz alter Autos durch neue — so wie hier exerziert — tatsächlich der Umwelt hilft.  Wikipedia bringt es unter anderem so auf den Punkt:

Im Extremfalle kann ein sehr sparsames Auto, wie etwa ein VW Lupo 3L TDI abgewrackt werden und dafür ein [Anmerkung des Autors: sehr viel mehr umweltschädigender] SUV deutlich vergünstigt gekauft werden.

Umweltprämie, ah ja.  Man versucht noch nicht einmal, diese Bezeichnung wenigstens mit ein paar umweltfreundlichen Auflagen zu rechtfertigen, wie beispielsweise mit einem maximalen CO2-Ausstoss für begünstigte Neufahrzeuge.  Da wird recht deutlich:  Es geht um den Verkauf von Automobilen, nicht um die Umwelt.

«Förderung eines Wirtschaftszweigs zu Gunsten weniger, sowie Sponsoring von Autokäufern, die jetzt ihr privates Schnäppchen machen können und das alles auf Kosten der Allgemeinheit», das ist vermutlich nicht sexy genug formuliert — wäre aber treffender.

Doch nicht nur der vernebelnde Titel dieser Mogelpackung bereitet mir Kopfschmerzen, auch bezüglich der Folgen halte ich die Aktion für nicht gut durchdacht.  Mittlerweile meldet sich ja (nachdem die Aktion bereits Wochen lief) eine Handvoll Mahner, die die positiven Auswirkungen der Förderung bezweifeln.  Bis zu dieser Erkenntnis hat es zwar etwas gedauert, aber immerhin werden endlich einige meiner Bedenken öffentlich formuliert.  Hat sich aber auch nur einer der verantwortlichen Politiker schon dazu geäussert, wie sich der Automobilmarkt nach dem Auslaufen der Förderung entwickeln wird?  Ich habe nichts wahrgenommen.  Vermutlich haben sie einfach ihre Hausaufgaben nicht gemacht — und schon in der Schule war man dann eher zurückhaltend.

Zirka zwei Millionen neue Autos werden innerhalb kurzer Zeit im Rahmen des Förderprogramms verkauft sein.  Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn fand einen netten Vergleich:  «Das ist, wie wenn man gegen Kälte in der Winternacht Schnaps trinkt.  Zuerst wird es etwas wärmer, dann jedoch viel kälter.»

Ein grosser Teil der jetzigen Käufer wird seine Kaufentscheidung vorgezogen haben, denn:  Wozu in ein paar Monaten ein Fahrzeug kaufen, wenn man es heute 2500 Euro günstiger bekommt?  Dieses vorgezogene Geschäft ist für die Autoindustrie kurzfristig zwar eine willkommene Finanzspritze, aber hat das vielleicht negative Auswirkungen auf die Absatzzahlen der Zukunft?  Ist der Gedanke so schwierig zu greifen, dass der Kfz-Markt durch die vielen vorgezogenen Käufe eine Sättigung erreicht haben könnte — und die Absatzzahlen in den nächsten Jahren weiter in den Keller gehen?

Der angebliche Auslöser der Probleme der Autohersteller ist ja die globale Wirtschaftskrise.  Vermutlich haben nicht viele Menschen Zweifel, dass die Ursache dieser globalen Krise in den USA liegt und dort wiederum in uferlosem Gewinnstreben und einer viel zu kurzfristig angelegten Strategie wurzelt.  Quartalsdenken prägt die börsennotierten Unternehmen — und ich kenne diese Denkweise nur zu gut:  Bis hinunter ins mittlere Management und die umsatzabhängig bezahlten Verkäufer herrscht eine weit verbreitete Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität, die auch Unternehmen ausserhalb der USA bedenkenlos übernommen haben.  Die bekannten Aussagen von Bankenmitarbeitern, dass sie verpflichtet werden, ahnungslosen Kunden irgendwelche dubiosen Finanzprodukte anzudrehen, sind nur ein Beleg dafür.  Verbal kompensiert wird dieses unselige, nur auf den kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Gebaren heute gerne durch den penetranten Gebrauch des Begriffs «nachhaltig» an jeder passenden und unpassenden Stelle in Sonntagsreden des Managements.

Genau dieses kurzfristige Gewinnstreben, das einen grossen Anteil am Einbruch der Weltwirtschaft hat, soll nun also die Medizin dagegen sein?  Herr Kuhn hat verdammt Recht mit seinem Bild des Alkoholikers in der Kälte:  Nicht anders würde sich dieser frierende Abhängige verhalten, als es die Verantwortlichen für die Umweltprämie heute praktizieren.

Aber das ist noch nicht alles, was ich unseren Politikern an Hausaufgaben abverlange.  Denken die Wirtschaftslenker daheim in einem stillen Moment auch mal darüber nach, wer ein potentieller Kandidat für so eine Förderung ist?  Nun, eine Voraussetzung für die Teilnahme an dem Programm ist das Eigentum an einem mindesten neun Jahre alten Fahrzeug.  Welcher Typ Mensch fährt so ein betagtes Auto?  Wie wird sein Umgang mit dem neuen Fahrzeug aussehen?  Bisher habe ich dazu keine offiziellen Aussagen gefunden.

Meine Vorhersage sieht so aus:  Die jetzt gekauften Fahrzeuge werden eine halbe Ewigkeit gefahren werden — und diese Ewigkeit wird wegen der viel besseren Haltbarkeit von Karosserie und Motor weit länger dauern als neun Jahre.  Wo früher die Schweller rosteten, da wird heute der immer noch glänzende Lack auf nichtrostenden Materialien poliert.  Machte man früher ein Foto des Tachos, falls  er die 100.000 km-Marke erreicht hatte (und manchmal hatte der Tachometer damals nur fünf Ziffern, so dass er an diesem historischen Tag auf Null zurücksprang), so bringt man ein Auto dieses Jahrtausends bei 130.000 km ohne Bedenken nochmal in die Werkstatt zur Inspektion, denn es dürfte ja locker doppelt so weit fahren.  Und wie wird das erst bei den heute neuen Fahrzeugen sein?  Wie lange werden die halten?

Die Denkleistungen der verantwortlichen Politiker in Bezug auf die Auswirkungen der Umweltprämie kommen mir eher mangelhaft vor.  Aber ich mag irren und sie haben ihre Hausaufgaben gemacht — verraten uns nur nicht die wahren Hintergründe.  Die könnten unter anderem sein, dass für die Lenker unseres Gemeinwohls in Hinblick auf die Bundestagswahl im September ein paar vorgezogene Wahlgeschenke auf Kosten zukünftiger Generationen nicht schlecht in den Kram passen.  Das wäre dann nachhaltige Arbeit in eigener Sache.

Jajaja:  Man muss die Autoindustrie retten, sie ist schliesslich das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.  Ich kann’s nicht mehr hören!  Wenn ein Wirtschaftszweig nicht mehr rentabel ist, dann sollte er — nach den Regeln unseres ohne Zwang gewählten Systems — eben pleite gehen.  Aber wir fördern ja auch die Kohle seit Jahrzenhnten mit Milliarden Steuereuros, warum nicht auch die nicht mehr unbedingt rentable Autoindustrie? Und die Schneiderin in Friedberg, deren schiefe Nähte niemand mehr haben wollte, sollten wir auch fördern, ebenso wie den im Sommer kränkelnden Schneeräumdienst in Butzbach, den Wohnungsmakler, der sich auf das Bingenheimer Ried spezialisiert hat und natürlich den Schreiber dieses Blogs — denn wir leiden alle enorm wegen der Schulden irgendwelcher amerikanischer Häuslebauer.  Zumindest können wir das ja mal behaupten.

Wenn ich meine Hausaufgaben richtig gemacht habe, dann leidet die deutsche Autoindustrie eher unter hausgemachten Problemen:  Sie leidet unter einer falschen Modellpolitik, die grosse und schwere Autos favorisiert.  Sie leidet unter einer umweltabgewandten Strategie, die beispielsweise lange Zeit die Einführung  des Partikelfilters blockiert hat.  Sie leidet unter dem Festhalten an herkömmlichen Antriebskonzepten, anstatt auf neue Technologien wie den Hybridantrieb zu setzen.  Vor allem leidet sie aber unter falschen Entscheidungen eines für seine Leistung überbezahlten Managements — und unter einer systemimmanent duckmäuserischen Belegschaft, für die es genug ist, am Monatsende ein Gehalt auf dem Konto zu haben.  Wenn dann die Herren Manager den Karren an die Wand gefahren haben, dann ist das Gejammere gross.

Wenn ich dazu noch täglich aus den Medien erfahre, dass die Verantwortlichen in den Vorstandsetagen es nicht schaffen, innerhalb von einigen Wochen ein überzeugendes Rettungskonzept aufzuschreiben, dann bestärkt das meine Ansicht über die Unfähigkeit dieser satten Manager, die aus vielen Gründen in diese Führungspositionen gekommen sein mögen — aber bestimmt nicht durch die besondere Befähigung, ein Unternehmen mit Wissen, Weitsicht und Geschick zu leiten.

Zu viele Menschen in verantwortlichen Positionen haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.  Sie werden auch weiterhin plappernderweise Nachhaltigkeit einfordern — und ich vermute, sie haben das Wort gerade erst vor drei Wochen im Duden nachgeschlagen (verschiedene Definitionen sind im Online-Verwaltungslexikon zu finden).

Die aktuelle Krise ist nicht das Ende der Welt, nicht das Ende der Wirtschaft und auch nicht das Ende des Automobils.  Es sollte aber die Chance sein, zu erkennen, dass in Wirtschaft und Politik die Hausaufgaben zu oft nicht gemacht werden.  Was können wir dagegen tun?  Am 27. September 2009 zur Wahl gehen — und den Verantwortlichen nachhaltig zeigen, was wir von ihrer Denkweise halten.  Und wenn Sie die paar Meter zum Wahllokal im umweltprämierten Auto fahren, so soll es mir diesmal auch recht sein.

-fj

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