29. April 2009, von

Blutende Ohren

blutendes OhrDas Radio läuft täglich bei uns daheim in der Wetterau — und vor kurzem habe ich ja bereits etwas über das lautsprechende Angebot gegreint.  Wenn ich auch auf vieles verzichten kann kann, was aus dem Äther blubbert, so gibt es zumindest einen sehr guten Grund, nicht abzuschalten: die Werbung!  Zeichnet dieses uns halbstündlich um die Ohren gehauene Unwetter aus schlecht verhülltem Interesse an unserem Geld nicht ein wunderbar scharfes Bild unserer Gesellschaft?

Nun gibt es auf der Hörerseite mindestens zwei Gruppen:  Auf der einen die, die nicht hinhören, ignorieren, abschalten.  Dagegen versuchen die Werbefuzzis mit immer mehr Getöse anzugehen.  Die lauter als das Restprogramm gestalteten Werbeblöcke im Fernsehen sind ein gutes Beispiel für den akustischen Terror aus den kreativen Marketing-Büros.  Aber auch inhaltlich wird vor keiner Schandtat zurückgeschreckt, um ein paar Yuppies mehr einzufangen:  «Sensationell», «mega»-irgendwas und in jedem Fall «xxl» oder «maxx» — das sind die banalen Werkzeuge dieser wertlosen Wortschwalle.

Die andere Gruppe der Radiohörer lauscht diesem Unsinn mit der Faszination des Grauens.  Dabei kann man feststellen:  Seitens der Marketing-Strategen werden die meisten Empfanger nicht nur für dumm, sondern auch in höchstem Masse für einfältig gehalten.  Geschrei statt Information, flache Witze statt Inhalt, Sensationshascherei statt Seriosität, so hören sich fast alle Werbespots an.  Am schönsten sind allerdings die, die (vermutlich) unfreiwillig komisch daherkommen.

Ob es beabsichtigt war, dass diese Möbelhäuser mit ihrer Werbekampagne («Die mit dem roten Stuhl») eher an einen dringenden Arztbesuch, als an eine bequeme Sitzgelegenheit erinnern, bezweifle ich.  Vermutlich ist diese Ohrenpest lediglich ein weiterer Beleg für die Gedankenlosigkeit in den Management-Etagen.  Immerhin lässt der Slogan fast schon so ähnlich schmunzeln wie der misslungene Douglas-Klassiker «Come in and find out» (komm rein und finde raus).

Auch ein amerikanisches Unternehmen, für das ich einmal arbeitete, hatte einen solchen Missversteher als Slogan entwickeln lassen:  «Nobody comes close» (keiner kommt nah).  Da wussten wir wenigsten, warum unser Messestand auf der CeBIT so schlecht besucht war.

Doch zurück zur Radiowerbung:  Ein guter Witz ist in unserer wirtschaftskrisigen Zeit auch der Vorschlag eines Immobilienhändlers aus der Hanauer Gegend, Geld so anzulegen:


Investieren Sie jetzt in moderne Wohnimmobilien als Kapitalanlage.

Wow, das ist ja etwas ganz neues!  Um zu wissen, wie «krisenfest» und «inflationsgeschützt» solche Unternehmungen sein können, muss man wohl bereits über 40 Jahre alt sein — dann hat man mit ziemlicher Sicherheit jemanden im Bekanntenkreis, der schon in den achtziger Jahren auf diese blumigen Aussagen hereingefallen ist.

Dorn-Assenheimer Schick«Wohnen ist ein Grundbedürfnis der Menschheit.»  Wenn den Werbeleuten nicht mehr hochkommt als eine solche, sehr durchschaubare Sprachfassade, dann spricht das für sich.  Mir fällt dazu das hier im Blog bereits einmal lobend erwähnte Schmuckstück aus Dorn-Assenheim ein (siehe links).  Wäre das nicht ein lohnenswertes Objekt für eine Investition?

Zur Zeit fasziniert mich im Radio aber auch dieser «perfekte» Typ, der nach eigenen Angaben aus einer guten Website eine perfekte Website machen kann:


Sie haben ein perfektes Unternehmen, perfekte Mitarbeiter und ein perfektes Produkt.

So lautet seine Aussage.  Nun soll auch noch — dank seiner Hilfe — der Web-Auftritt perfekt werden.  Perfekt.  Wir wissen alle, dass es das nicht gibt.  Trotzdem traut sich jemand, dieses Bild in der Werbung zu benutzen.  Wie vertrauenswürdig kann jemand sein, der sich zwar als Optimierungsexperte ausgibt, aber noch nicht einmal verstanden hat, dass es — zumindest auf dieser Erde — keine Perfektion (Vollkommenheit) gibt?  Na, vermutlich beherrscht er sein Geschäft perfekter als sein Wettbewerber.

Durch die aktuelle Radiowerbung kann man auch lernen, dass die momentan gebetsmühlenartig und kerzengerade wiederholten Beschwörungen aus Politik und Wirtschaft falsch sind:  Die Autoindustrie ist nicht das Rückgrat unserer Wirtschaft.  Rechnet man die Anzahl der Werbespots hoch, so muss die Küchenbranche circa 85 % unseres Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften.  Dazu passt die inflationäre Zahl von Kochsendungen in Fernsehen und Radio.

Im Rahmen dieser Gehirnwäsche versucht ein Küchenhaus mich jeden Morgen davon zu überzeugen, dass ich — am besten wohl noch im Bademantel — den Tag besser ganz woanders beginnen sollte als daheim in der Wetterau:


Ein schöner Tag beginnt in einer Küche des Küchenstudios Grossjohann in Neu-Isenburg, Frankfurter Strasse 58.

KopfstandHmm, wie stellen die sich das vor?  Neben den Problemen mit einem verschlafenen und ungewaschenen Kerl in öffentlichen Verkehrsmitteln sehe ich weitere Hürden:  Die Fahrt mit Bus und Bahn bis nach Neu-Isenburg dauert knapp zwei Stunden (vier mal umsteigen!), ich müsste um acht Uhr aus dem Haus, um zur Ladenöffnung um zehn dort zu sein.  Das soll ein schöner Tagesbeginn sein?

Und was mache ich am Sonntag, wenn die geschlossen haben?  Auch fehlt ein Hinweis darauf, ob der Kaffee gut ist und der Mandelkuchen frisch.  Solange das nicht geklärt ist, verbringe ich den Tagesbeginn lieber daheim, umsorgt von der besten Partnerin von allen.

Da kann sich das Küchenstudio auf den Kopf stellen.

-fj

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