9. Mai 2009, von

Verfahrene Helden

Ich traf Attila, einen Ungarn aus Dombóvár, unter den Arkaden des Palazzo Ducale in Venedig.  Er hatte halb Europa mit dem Fahrrad bereist — doch in Venedig scheiterte die Methode:  Fahrradfahren ist verboten.  Er erzählte, dass die Polizia ihn auf dem Markusplatz angehalten hatte.  Seitdem schob er durch die Stadt.

Wie so oft ist das nur die halbe Seite der Pedale:  Natürlich ist Fahrradfahren nicht überall in Venedig verboten.  Auf dem Lido di Venezia darf man sein Zweirad treten, natürlich, denn dort ist auch Autofahren erlaubt.  Und da die Benutzung eines Kaftfahrzeugs auf dem Lido meist eine völlig überflüssige Angelegenheit ist, findet man an der Vaporettostation ein ansehnliches Gewimmel von Drahteseln.

Fahrräder auf dem Lido

Auch auf der venezianischen Insel Murano habe ich Einheimische mit Fahrrädern gesehen — doch eventuell nur deshalb, weil dort keine Polizei nichts kontrolliert.  Aber auch auf den Hauptinseln Venedigs wäre die Benutzung des Zweirads in manchen Stadtteilen ebenfalls praktisch:  Viele weitgehend touristenfreie Wohnviertel wie das Arsenale oder die Insel Giudecca haben breite Wege, ideal für ein Velo.  Doch der italienische Alltagsanarchismus bleibt hier aus.  Man geht brav zu Fuss.

Heute beginnt die 100. Auflage des Giro d’Italia — in Venedig.  Der Prolog ist ein Mannschaftszeitfahren auf dem Lido.  Nach den Dopingskandalen der letzten Jahre steht dieses Ereignis bei uns nicht mehr besonders im Vordergrund der Sportberichterstattung.  Anders in Italien, wo die Gazzetta dello Sport wie immer über ein eher düsteres Ereignis himmelblau geschönt mit schwarzen Schlagzeilen auf rosa Papier berichtet.  Hartgesottene Radsportfans werden natürlich ebenfalls ihre rosa Brille aufsetzen und dem Spektakel entgegenfiebern — und ignorieren, dass der Wettbewerb lange zu einer Farce geworden ist.

Detail aus der heldenhaften Statue des Heiligen TheodorEs geht mal wieder ums Geschäft — und dafür nimmt man auch in Venedig den Schmuck einer in Verruf gekommenen Gesellschaft in Kauf.  Wo die Massen hinströmen, da kann Geld verdient werden.  Die Moral wird vom sogenannten Besenwagen, der dem Fahrerfeld folgt, um schwächelnde Pedalisten aufzulesen, nicht mit eingesammelt.  Sie ist lange irgendwo zwischen Blutdoping und Mittelchen wie Erythropoetin auf der Strecke geblieben und wird nicht mehr vermisst.

Auch dieses Jahr werden die grossen Radsportveranstaltungen ihre Dopingfälle haben.  Man wird das wie üblich als bedenklich, aber auch als Erfolg werten, denn schliesslich kommt man den Betrügern immer besser auf die Schliche.  Dass es lange nicht mehr darum geht, will kaum jemand wahrnehmen.  Solange eine ganze Industrie meint, mit solchen Spektakeln Geld verdienen zu können, ist die Moral kein gefragter Partner.  Die schamlose Übernahme der Übertragungen von der Tour de France im Jahr 2007 durch sat1, nachdem ARD und ZDF wegen erneuter Dopingfälle konsequenterweise aus der Berichterstattung ausgestiegen waren, ist nur ein Beispiel dafür.  Geld stinkt nicht — und Brot und Spiele ist in unserer Gesellschaft kein ausgestorbenes Motto.

venezianische FigurVenedig hat in seiner Geschichte Schöneres und Schrecklicheres gesehen als gedopte Sportler und geldgierige Unternehmer.  So bleibt die Stadt sicher weitgehend unbeeindruckt, dass bei der Vorstellung der am Giro teilnehmenden Mannschaften auf dem Markusplatz in Venedig vermutlich ausnahmsweise unter den Augen der Polizei ein wenig Fahrrad gefahren wurde.

Attila aus Dombóvár wird es gelassen im Fernsehen angeschaut haben:  Für ihn ist das Radeln in Venedig nichts Neues.

-fj

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