3. Juni 2009, von

Lebenswert?

Es ist schon ein beson­de­rer Moment, wenn man mit­ten in der Woche eine Mit­tags­pause ein­le­gen kann, die an einen Som­mer­ur­laub in süd­li­chen Gefil­den erin­nert.  Tisch und Stühle sind schnell in der Sonne auf­ge­baut, der Salat ist gewa­schen, etwas gut Rie­chen­des brut­zelt in der Pfanne, ein Stück Brot mit But­ter liegt parat, ebenso ein paar Oli­ven.  Die beste Part­ne­rin von allen zau­bert eine ihrer welt­be­rühm­ten Salat­sos­sen, wäh­rend ich den Wein ent­korke.

Hmm, der Wein.  Die Fla­sche lag im Wein­re­gal ganz unten und war bereits etwas ver­staubt.  Sie hatte bei dem gros­sen Unwet­ter im Mai 2008 das Eti­kett ver­lo­ren, als der Kel­ler über­schwemmt wurde — und ich jede Idee, wo sie her­kam.  Die beste Part­ne­rin wusste Rat, denn sie ent­deckte die Ban­de­role am Fla­schen­hals:  Das ver­gnügte Schaf mit dem Wein­glas stammte von einem klei­nen Markt in Méner­bes in der Pro­vençe.  Und schon war die Reise, die bereits mehr als zwei Jahre zurück liegt, wie­der prä­sent.

Auf dem klei­nen Markt kauf­ten wir Wein, Brot und Käse in guter Qua­li­tät von loka­len Erzeu­gern.  Bereits der Ein­kauf war wun­der­bar, die resul­tie­ren­den Mahl­zei­ten nicht min­der.  Die Qua­li­tät der Waren war bemer­kens­wert.  Mit labb­ri­gem Weiss­brot aus maschi­nel­ler Pro­duk­tion hätte sich nie­mand zufrie­den gege­ben.  Folg­lich waren Baguettes und Crois­sants erst­klas­sig.  Ähn­li­che kleine Märkte — ob wöchent­lich oder als spe­zi­elle Ver­an­stal­tung — sind in der Pro­vençe nichts Unge­wöhn­li­ches.

Méner­bes ist ein klei­nes Dorf mit um die 1.000 Ein­woh­nern.  Rei­chels­heim in der Wet­terau ist sie­ben Mal so gross — doch einen sol­chen Markt gibt es hier nicht.  Statt des­sen wird fleis­sig daran gear­bei­tet, einen Dis­count-Super­markt im Well­blech-Design in die Stadt zu locken.  Viel­leicht kommt sogar noch die Filiale einer Dro­ge­rie­kette dazu.

Sind wir Teu­to­nen wirk­lich so?  Aus­tausch­bare Filia­lis­ten statt loka­ler und regio­na­ler Viel­falt?  Anstatt die Lebens­qua­li­tät für die Bewoh­ner durch einen char­man­ten Markt zu ver­grös­sern, wird das «Filet­stück» der Stadt an Unter­neh­men ver­scher­belt, die bereits in tau­sen­den von ande­ren Orten Stadt­bild und Kul­tur glei­cher­mas­sen ver­der­ben.  Anstatt der Belang­lo­sig­keit gesichts­lo­ser, aus­tausch­ba­rer Reg­al­gänge und dem Hor­ror ent­mensch­ter Park­flä­chen samt Unter­stell­häus­chen für Ein­kaufs­wa­gen ent­ge­gen zu wir­ken, ver­kauft man der Bevöl­ke­rung diese «Errun­gen­schaft» als Mehr­wert.  Dabei kann man gerade in letz­ter Zeit immer öfter hören, dass Men­schen sich wie­der die alten Tante-Emma-Läden wün­schen — und diese teil­weise sogar selbst orga­ni­sie­ren.

Wann wer­den unsere Poli­ti­ker und Ver­wal­ter ver­ste­hen, dass es nicht das Ziel sein darf, auch in der eige­nen Umge­bung die alten Feh­ler zu wie­der­ho­len?  Wann wird man ler­nen, auch offi­zi­ell Stadt­pla­nung für Men­schen und eine lebens­wer­tere Umge­bung zu machen — und nicht statt des­sen Wirt­schafts­po­li­tik, von der letzt­lich fast nur einige aus­wär­tige Unter­neh­men pro­fi­tie­ren?  Wann wird man erken­nen, dass es neuer Kon­zepte Bedarf, hier und heute, um aus der Ent­wick­lung unse­rer Städte hin zu see­len­lo­sen und aus­tausch­ba­ren Fas­sa­den aus­zu­bre­chen?

Statt des­sen schickt man einen Inves­tor vor, im kon­kre­ten Fall eine Opel Pro­jekt­bau.  Wie deren Idee einer Inves­ti­tion in Rei­chels­heim ver­mut­lich aus­se­hen wird, das kann man ahnen, wenn man auf deren Web­sei­ten die «Refe­ren­zen» anklickt.  Wirft man dort einen Blick auf die Gewer­be­ob­jekte, dann weiss man, warum die weni­gen Bild­chen so klein sind: häss­li­che Zweck­bau­ten.  So ein Bild­chen wird es von Rei­chels­heim auch bald geben.  Die Ziel­set­zung wird schnell klar:  Alles ist auf «die Wün­sche der Betrei­ber zuge­schnit­ten», der einen Markt über­neh­men kann, wel­cher «eine ordent­li­che Ren­dite verspricht»¹.  Kein Wort wird ver­lo­ren über die Kun­den der Märkte.

Es ist bedau­er­lich wenig Phan­ta­sie vor­han­den bei den Men­schen, die unsere Geschi­cke lei­ten.  Ver­wal­tungs­tech­ni­sche Erklä­run­gen, warum das Raiff­ei­sen­ge­lände in Rei­chels­heim so und nicht anders genutzt wer­den muss, gibt es bestimmt genug.  Dabei ist es anschei­nend Kon­sens, dass das alte Raiff­ei­sen­ge­bäude, wel­ches viel­leicht nicht schick, aber seit Jahr­zehn­ten eine cha­rak­te­ris­ti­sche, weit sicht­bare Land­marke der Stadt war,  abge­ris­sen wer­den muss.

Auf die Idee, dass es sich um ein Indus­trie­denk­mal han­deln, das den Ort prägt und das erhal­tens­wert sein könnte, ist man bis­her nicht gekom­men.  Dabei kann ich es mir gut vor­stel­len, dass ein reno­vier­tes Gebäude — halb offen im Som­mer, geschlos­sen im Win­ter — Raum böte für kleine Markt­stände, die lokale und viel­leicht sogar regio­nale Anbie­ter und Kun­den anlo­cken könnte.  Dazu viel­leicht noch ein klei­nes Café im Turm?  Geht nicht?  Glaube ich nicht — und selbst wenn es schwie­rig sein sollte:  Irgend­wer muss ein­mal anfan­gen, den Irr­sinn der gesichts­lo­sen Dis­coun­ter­lä­den zu durch­bre­chen.

Rei­chels­heim täte bes­ser daran, in eine lebens­wer­tere Zukunft zu inves­tie­ren, als sich mit gräss­lich-bun­ten Fas­sa­den irgend­wel­cher aus­tausch­ba­rer Super­märkte zu schmü­cken. Mut ist sicher gefragt, klar.  Aber den hat­ten auch die Men­schen in Méner­bes, als sie ihren Markt ein­führ­ten.

Hat man den Mut aller­dings nicht, dann hilft auch kein Glas Wein zum Mit­tag­essen.

-fj
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¹ Zitate von der Opel-Pro­jekt­bau-Web­site

Nach­trag:  Fotos aus Méner­bes fin­den Sie im nächs­ten Bei­trag.

2 Kommentare auf "Lebenswert?"

  1. Martin sagt:

    Hallo Frank,

    volle Zustim­mung! Dorf­er­neue­rung und see­len­lo­ses Bauen pas­sen nicht zusam­men. Genau­so­we­nig das Jam­mern über schlechte Arbeits­be­din­gun­gen in Dis­coun­tern und die gleich­zei­tige För­de­rung. Aber die Stadt­ver­ord­ne­ten wer­den erklä­ren, dass es ein­fach nur der böse Inves­tor war, auf den natür­lich nie­mand Ein­fluss hat. Und die Raiff­ei­sen muss natür­lich den maxi­ma­len Wert (es ist aber nur Geld gemeint) erzie­len. Dem Genos­sen­schafts­ge­dan­ken ent­spricht dies auch nicht. Oder gibt es in Rei­chels­heim nur Bau­ern? Wo bleibt der städ­te­bau­li­che Anspruch der Stadt?

    Gruß
    Mar­tin

  2. Baufinanzierung sagt:

    Dorf­er­neue­rung und see­len­lo­ses Bauen pas­sen nicht zusam­men, ist wirk­lich wahr. Von see­len­lo­ses Bauen kann ich als ita­lie­ner einen Lied sin­gen. Lei­der wird meine Hei­mat dadurch zer­stört.

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