12. Juni 2009, von

Berlin Chamissoplatz

Ein Wochenende in Berlin.  Die Nase in den Osten gesteckt.  Schliesslich aber doch wieder in Kreuzberg gelandet.  So wie damals, Anfang der Achtziger …

Es ist allerdings nicht mehr das Kreuzberg wie im Film «Berlin Chamissoplatz» von 1980.  Die Anarchie ist verloren gegangen, es bleibt höchstens noch etwas Guerilla Marketing.  Heute überwiegen schicke Altbauten.  Wohlsituierte Menschen.  Interessantes Strassenleben.  Vielfältige Flohmarktstände.  Einladende Cafés.  Kleine Geschäfte.  Die Bergmannstrasse wurde kräftig poliert.  Nicht alles ist gelungen:  Die Marheineke Markthalle ist mittlerweile renoviert und nicht mehr so charmig wie früher.  Ich frage den ansässigen Schuster.  «Uns jefällt’s», meint er balinerisch und ohne Wimperzucken, vertieft sich desinteressiert wieder in die Zeitung.  Dabei könnten meine Schuhe eine Behandlung vertragen.

Um zwei Ecken geht’s zum Chamissoplatz.  Samstags ist dort Öko-Markttag.  Aus dem kleinen Bäckerstand blitzen mich die Augen der Verkäuferin wach an.  Ein wenig Berliner Schnauze der gewinnenden Art.  Ich lasse mich gerne darauf ein.  Ein Kunde steht dabei und lächelt geduldig.  Eile steht nicht im Vordergrund.  Man hat Freude beim Einkauf.

Der Preis der sich überaus lecker darbietenden Mandelhörnchen ist kurz vor Marktende verhandelbar, lerne ich.  Ein verschmitztes Lächeln der nicht als Verkäuferin, sondern als Persönlichkeit agierenden Frau — ich darf Fotos machen.

Die Bäckerei hat einen Namen:  ufaBäckerei.  Das alte Schild wirkt wie aus einer anderen Zeit, als die Rohlinge für Brötchen noch nicht in Kühllastern durch halb Europa gekarrt wurden.  Was in der ufaBäckerei produziert wird, hat Qualität und einen guten Ruf.  Schulen und Kindertagesstätten werden beliefert.  Die Mandelhörnchen waren ausgezeichnet.  Ich hätte mehr probieren sollen.

Später denke ich an die letzten Artikel hier im Blog.  In Reichelsheim wird’s statt einer gelungenen Einkaufsmöglichkeit beliebige Waren in einer unattraktiven Wellblechhütte geben.  Und billige Backwaren, Massenware, möglicherweise unter unwürdigen Umständen hergestellt.  Discounter-Abfertigung billigster Sorte wird der Standard sein, meist mit desillusionierten Verkäuferinnen, nein, nicht mal das:  Dort gibt’s nur noch Kassenkräfte, denen kaum ein Lächeln zu entlocken ist.  Ein Augenblitzen schon gar nicht.  Diese Angestellten können von der flotten Frau am Chamissoplatz viel lernen.

Jeder, der einmal einen so schönen Markt oder das Angebot einer Markthalle wie der an der Bergmannstrasse gesehen hat, wird kein einziges schlagkräftiges Argument haben, in Reichelsheim einen weiteren, beliebig austauschbaren Discounter zu installieren.  Statt dessen wird eine Sehnsucht nach mehr Lebensqualität eingebrannt sein.

Selbst, wenn es in Reichelsheim kein Ökomarkt wie auf dem Chamissoplatz werden kann — alles wäre besser, als das, was dort momentan geplant ist.  Vermutlich wird der absurde Plan eines weiteren Discounters aber Realität werden.  Das gewinnende Lächeln in den Gesichtern der Menschen ist längst dem Gewinnstreben eines gesichtslosen Investors gewichen.

Im Berlin der achtziger Jahre wäre man in Kreuzberg auf die Barrikaden gegangen.  So etwas ist nicht denkbar in der vergleichsweise verschlafenen Wetterau.  Noch nicht mal ein nennenswertes Guerilla Marketing ist hier sichtbar.  Manchmal bedaure ich das.

-fj

2 Kommentare auf "Berlin Chamissoplatz"

  1. floya sagt:

    lieber herr photograph vom chamissoplatz,

    hier ist die freundliche brot- und kuchenverkäuferin, die von Ihnen abgelichtet wurde. hoffe, dieser weg funktioniert, die aufnahmen mal sehen zu können. freue mich sehr über rückmeldung!!!

    einen wunderhübschen tag,

    floya teipen

  2. Frank J. sagt:

    Liebe Frau Brot- und Kuchenverkäuferin vom Chamissoplatz,

    vielen Dank für die Kontaktaufnahme. Ihre Anfrage von vorgestern (ich habe sie hier zu dem Artikel verschoben) hat mich zu obigem Geschreibsel motiviert. Danke dafür.

    Ein Bild war bereits in Ihrer eMail (und es wird vielleicht noch ein zweites folgen).

    Besten Gruss aus der sonnigen, verschlafenen Wetterau nach Berlin von

    Frank Jermann

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