10. Juli 2009, von

Paris, 9. Juli 2009

Prêt-à-Manger

Fast wäre die­ser Arti­kel dem Hotel-Toas­ter zum Opfer gefal­len.  Hätte ich mich nicht hel­den­haft für den Ver­zehr einer pap­pi­gen, lau­war­men Scheibe Toast ent­schie­den, dann war­tete ich ver­mut­lich immer noch neben dem vor sich hin schwä­cheln­den Rös­ter — und die­ser Bei­trag wäre nie geschrie­ben wor­den.  Nun, so weiss ich immer­hin, warum die Fran­zo­sen ihr oft­mals exzel­len­tes Baguette bevor­zu­gen.  Womit ich beim eigent­li­chen Thema für heute bin, den

Klischees

Kli­schees über die Fran­zo­sen?  Da gibt’s mehr als nur Baguette.  Ich erin­nere mich dun­kel an meine Gross­mut­ter, die fest davon über­zeugt war, dass Frank­reich nicht sau­ber ist.  Naja, das war die Kriegs­ge­ne­ra­tion, in der man bei uns auf kleine Kerle mit selt­sa­men Bärt­chen stand.  Ande­rer­seits:  Hätte man da nicht die Fran­zo­sen lie­ben müs­sen?

Meine Kli­schees über Fran­zo­sen sind anders:  Ers­tens ist das Essen prima, zwei­tens ist Paris die Haupt­stadt der Mode und drit­tens spielt man viel gepfleg­ter Boule als bei uns.

Arbei­ten wir also diese kleine fami­liäre Kli­schee-Samm­lung ab — und begin­nen mit dem der Gross­mut­ter:  Eine kleine Mahl­zeit in einem Café — wegen des nied­ri­ge­ren Rech­nungs­be­trags am Tre­sen ein­ge­nom­men — liess alte Erfah­run­gen wie­der aktu­ell wer­den.  Was im Weg ist und ohne Belang, das lässt der Durch­schnitt­fran­zose gerne fal­len.  Das hat sich seit mei­nem ers­ten Besuch in Frank­reich ein­ge­brannt.  Hat sich daran bis heute etwas geän­dert?

Da das Rau­chen mitt­ler­weile nicht mehr erlaubt ist, fehlt heute glück­li­cher­weise der Ziga­ret­ten­dreck — aber Lot­te­rie­lose, Zucker­pa­pier­chen und was sonst noch der Schwer­kraft nicht wider­steht, ziert auf durch­aus unvor­teil­hafte Weise so man­chen Bar­bo­den.  Stolz ist man dar­auf wohl nicht, denn als ich die­ses Stück fran­zö­si­scher Weg­werf­kul­tur nach einem Snack im Café Le Jean Bart ablichte, ereilt mich dann auch sogleich ein Raus­wurf aus dem Eta­blis­se­ment.

Meine Gross­mut­ter, die ver­mut­lich nie in Frank­reich war, hatte also in die­sem Punkt also nicht ganz Unrecht — wenn­gleich ihre Art der Ein­stu­fung (wei­tere Details habe ich Ihnen und mir erspart) heute min­des­tens als poli­tisch unkor­rekt ein­zu­stu­fen ist.

Nun zu mei­nen Vor­ur­tei­len.

Ers­tens:  In Frank­reich kann man ohne Zwei­fel her­vor­ra­gend essen.  Die fran­zö­si­sche Küche steht bei mir spä­tes­tens seit Bocuse ganz weit oben.  Irgendwo auf dem Land einen klei­nen Gast­hof mit loka­ler Küche zu fin­den und gut zu spei­sen — das kann der Höhe­punkt einer Frank­reich­reise sein.

In Paris wird das — bei end­li­chen Geld­mit­teln — schon schwie­ri­ger:  Zu viel ist auf den schnel­len Euro der Tou­ris­ten aus­ge­rich­tet.  Wenn ich hier auf der Suche nach dem preis­wer­ten und guten fran­zö­si­schen Restau­rant fün­dig werde, lasse ich Sie das wis­sen.

Die Punkte zwei und drei kann ich zusam­men­fas­sen:  Ich habe nicht nur schon mal dar­über berich­tet, son­dern es sogar jah­re­lang recht aktiv und durch­aus nicht erfolg­los betrie­ben — Pétan­que.  Was hier­zu­lande meist als «Boule» bezeich­net wird (von Igno­ran­ten sogar blas­phe­misch als «Bot­t­scha»), ist in Frank­reich Volks­sport und -spiel.  Und auf oft so hohem Niveau — da kön­nen sich die bie­de­ren Wick­städ­ter Kugel­wer­fer drei Schei­ben von abschnei­den und es reicht trotz­dem noch nicht.

Aber ich will das Thema Mode nicht ver­ges­sen:  Wäh­rend mei­ner akti­ven Zeit in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern tauch­ten manch­mal Fran­zo­sen aus dem benach­bar­ten Elsass auf deut­schen Pétan­que-Tur­nie­ren auf.  Man konnte dar­auf wet­ten:  Es waren jedes­mal Spie­ler dabei, die in Col­lege-Slip­pern (gerne mit Böm­mel­chen) weisse Socken tru­gen.  Das war aber nicht nur im Elsass gän­gi­ger Chic — auch in der Pro­vence gab man sich mit nicht weni­ger Anmut zufrie­den.  Über die Klei­dung der sel­ten mit­spie­len­den Frauen hülle ich mich in Schwei­gen.

Und heute?  Im Park bei Les Hal­les oder in den Tui­le­rien ist es heute wie damals.  Wahre Ele­ganz über­dau­ert offen­bar jede mäan­dernde Unwäg­bar­keit der Mode.  Einen Zusam­men­hang zwi­schen Klei­dung und Spiel­kunst konnte ich übri­gens nie fest­stel­len, so besteht also auch kaum die Gefahr, dass in Wick­stadt jetzt ver­mehrt Col­lege-Slip­per und weisse Socken auf­tau­chen.

Was dort gespielt wird, hat mit Pétan­que aller­dings auch so viel zu tun wie fran­zö­si­scher Roque­fort mit einer deut­schen Schei­blette.

-fj


Mehr zum Thema Pétanque gibt es hier:

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2 Kommentare auf "Paris, 9. Juli 2009"

  1. Old Friend sagt:

    Hil­arious! A little study into french lit­te­ring -- liter­ally taken
    and nicely worked out lite­ra­rily.

    Flab­ber­g­as­ting… Il se jeta auda­cieu­se­ment au milieu des enne­mis! :-)

    - OF

  2. Frank Jermann sagt:

    Nearly eight years later. I won­der if this „Old Fri­end“ ist still out there. Just in case: Gimme a sign, please.

    -Frank

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