13. Juli 2009, von

Paris, zwischen den Tagen

Orientierungslos

Paris ist für mich eine unbekannte Bekannte.  Oft war ich hier im Taumel des beruflichen Alltags: Flugzeug, Taxi, Besprechung, Taxi, Flugzeug.  Wenn es gut war, dann kamen eine Übernachtung und ein Abendessen in einem namenlosen Restaurant hinzu.  Erinnerungen an all das habe ich keine, denn diese Termine und Essen unterschieden sich durch nichts voneinander.

Heute ist mein Leben anders, ich bin ausgebrochen aus dem verzehrenden Kreislauf von überaus wichtigen, aber meist völlig desorientierten und hilflosen Chefs, die gebetsmühlenartig hohle Phrasen von Umsatz und Unternehmensstandards blubbern.  (Ein schönes Beispiel für dieses weit verbreitete Bullshit Bingo findet man in einem Werbespot von IBM.)

Anstatt mir also sinnloses Zeugs überforderter Kasper in teuren Anzügen anhören zu müssen, kann ich heute durch Paris wandern, laute Plätze erkunden, leise Gassen entdecken. Glauben Sie mir:  Das ist nicht lukrativ, aber besser.  Für die Seele und somit fürs Leben.

Orientierung suchend I

Wie aber finde ich mich in Paris zurecht — und die interessanten Plätze?  Standardwerke auf Reisen sind Reiseführer und Stadtplan.  Aktuell bin ich mit Hella Broerkens Band «Paris-Spaziergänge» unterwegs.  Die Autorin schildert ihre Erlebnisse auf Routen, die meist jenseits des Touristentrubels angesiedelt sind.  Ein hilfreiches Buch, auch wenn es im Eigenverlag veröffentlicht wurde und so den Charme mangelnder Redigierung ebenso verströmt wie eine gewisse Unbeholfenheit:  So wäre eine Übersichtskarte der Arrondissements ebenso hilfreich wie ein Register — aber das kann man ja auch selber in den Umschlag zeichnen beziehungsweise eintragen (und so aus einem ungewöhnlichen Druckwerk ein einzigartiges machen).

Auch die Fotos hätten durch eine bessere Druckqualität gewinnen können — doch alles in allem verhilft das Büchlein zu Einblicken, die prima sympathisch rüberkommen, lebendig sind, näher am Leben der Pariser und realistischer erscheinen als so manche platte Touristenroute in anderen Führern.

So führt Hella Broerken die Leser durch Nachbarschaften, die den Hochglanz-Reiseführern kaum einen Zweizeiler wert sind und sie lässt teilhaben an ihren persönlichen Erlebnissen.  Der Bummel über den so entdeckten Marché d’Aligre lässt mich überlegen, wieviel Kartoffeln in der Wetterau kosten.

Orientierung suchend II

Was fehlt, ist eine gute Karte der Stadt.  Ich habe den ersten, sicher nicht besten, aber vor allem einzigen Stadtführer Minuten vor meiner Abfahrt in der Friedberger Bahnhofsbuchhandlung erstanden.  Er passt in die Hosentasche, beinhaltet detaillierte Karten, einen Metroplan und all den Rest, den man von einem dünnen Standardwerk erwartet.  Die üblichen «Insider-Tipps» sind natürlich auch dabei — womit sich der Kreis zum oben erwähnten Bullshit Bingo schliesst:  Welcher Tipp hat noch Insider-Status, wenn er in tausendfacher Auflage publiziert wird?  Hauptsache, es wird ein Anschein von Kompetenz erweckt …

Zum Schmunzeln sind so manche Lautschriften im Sprachführer.  Können Sie die folgenden Zeichen so aussprechen, dass es jemand versteht?

wu purjeh rökom mang deh ängbong mehdsäng

So haben vermutlich die Provençalen ihren Dialekt gelernt.

Die Autoren des Bändchens sind überwiegend unsichtbar und vermutlich auch beliebig austauschbar.  Die Texte glänzen durch Kürze, so dass man keine Bank aufsuchen muss, um etwas sitzend nachzulesen:  Nichts animiert dazu, tiefer in eine Gegend einzusteigen.  Ob dieser Tipp für Louvre-Besucher den Geschmack der Durchschnittsleser trifft: «Sie können den Museumsbesuchs auch unterbrechen, indem Sie … eins der vielen internationalen Schnellrestaurants aufsuchen»?  Mona Lisa, McDonalds, Venus von Milo — so sieht also ein guter Tag in Paris aus.  Nun, wie Sie wissen, können Millionen Fliegen nicht irren, oder?

Das Bildchen rechts verdanke ich nicht einem Hinweis aus dem Führer von Marco Polo.  Aufgenommen habe ich es auf dem bereits erwähnten Marché d’Aligre.  Dort findet neben dem auf Einheimische ausgerichteten Lebensmittelmarkt auch ein kleiner Flohmarkt statt.  Solche Insider Tipps, die wegen der anders gelagerten Interessen des Otto Normaltourist vermutlich auch solche bleiben werden, findet man — Sie werden es erraten haben — eher unter Hella Broerkens Ratschlägen für einen erfüllten Paris-Aufenthalt als im Druckwerk von Marco Polo.

Orientierung gefunden

Zusammen sind die beiden Führer keine schlechte Kombination — wobei ich meine Vorliebe für die von Frau Broerken beschriebenen Seitenstrassen und meine Abneigung gegen die Aufzählung touristischer Standards bei Marco Polo sicher nicht allzu geschickt zwischen den Zeilen verstecken konnte.  Sehen Sie es mir, geduldige Leserinnen und Leser, bitte nach.

Aus beiden Büchlein kann man diesen Tipp bekommen:  Paris von oben muss nicht immer der Eiffelturm sein.  So beschert ein Besuch des Institut du Monde Arabe Ausblicke, die man mit weitaus weniger anderen Augen teilen muss als hoch oben auf dem gusseisernen Wahrzeichen der Stadt.  Klicken Sie ruhig einmal auf den gerade überlesenen Link:  Wenn Sie (in grösster Darstellung) genau hinschauen, können Sie eine handvoll Menschen erkennen, die auf dem nach links spitz zulaufenden Dach die Aussicht auf Notre Dame geniessen.

Zur gleichen Zeit steht der Durchschnittstourist gerne in einer längeren Schlange am Tour Eiffel — und zahlt nach einiger Wartezeit bereitwillig Eintritt.  Wenn das Wetter schlecht ist und die Aussicht begrenzt — das arabische Institut an der Seine ist vielleicht nicht nur dann die bessere Wahl (wenn man schon mal oben war auf Gustave Eiffels beeindruckendem Meisterwerk).

Gschmäckle am Ende

Nun, wie kann ich diesen kleinen Artikel aus Paris besser beenden als mit einem «chacun à son goût», dieser Idee persönlicher Freiheit, die gerne als Persilschein für die Rechtfertigung geschmacklicher Missstände benutzt wird?  Also:  Jeder nach seinem Geschmack, werde ich mir denken, wenn ich in den nächsten Tagen einen dieser Stadtrundfahrtbusse besteigen sollte, von dem aus Menschen aus aller Welt die Stadt «kennen lernen».

Wie sagt der amerikanische Europa-Tourist so schön: I did Paris. Nun, immer noch besser, als wenn die McDonald’s oder Starbucks dieser Welt eines Tages bekanntgeben: We bought Paris.

-fj


Die Buchempfehlungen


Mehr aus Paris:

 

Schreiben Sie einen Kommentar