15. Juli 2009, von

Verknallt in Paris

Als am Vorabend des Nationalfeiertags die Jugendlichen auf ihren Motorrollern die Avenue Daumesnil herunterknatterten und Böller abfeuerten, haben viele Menschen das sicher unter dem Motto «ist doch nur Spass» abgetan.  Trotzdem erschienen kurze Zeit später einige Polizeiwagen mit Sirenengeheul.  Das letzte Auto der kleinen Kolonne blieb mehr mit einem unterdrückten Rülpser alsa mit einem grossen Knall liegen — direkt vor der Bar, in der ich gerade sass.

So konnte ich das Schauspiel geniessen, wie vier Uniformierte sich aus dem viel zu kleinen Zivilfahrzeug quälten, hektisch-hilflos wie Louis de Funès unter die Motorhaube blickten und letztlich das Auto an die Seite schoben.  Um die vermeintliche Schmach ein wenig zu lindern, wurden strenge polizeiliche Blicke in die Runde geworfen und man stand so eindrucksvoll um das Auto herum, als hätte da noch Sarkozy drin gesessen.

Am nächsten Tag, dem 14. Juli, dann endlich das grosse Ereignis:  Der französische Nationalfeiertag ist wohl weltweit mit dem Bild paradierender Truppen auf dem Champs-Elysée verbunden — dem Défilé, wie die Franzosen sehr akzentuiert sagen.  Ich wollte einen Blick auf das Spektakel werfen — aber nicht mal das wurde es.  Mir erschien die Metro-Station an der Place de la Concorde ein guter Ort zu sein, um von dort aus die Pariser Prachtstrasse zu erreichen.  Nun, man liess uns Fahrgäste dort zwar aus dem Zug, nicht aber an die Oberfläche.

Nach Wanderungen in langen Gängen erblickten wir schliesslich an der Rue de Rivoli das Tageslicht wieder, wo die kleine Menge durch eine fast ebenso grosse Anzahl an Uniformierten in Schach gehalten wurde.  Jede Bewegung wurde kontrolliert:  Wer den Fuss vom Bürgersteig auf eine breite und weithin freie Strasse setzte, wurde oft harsch zurückgepfiffen.  Unsinnigste Wegbeschränkungen wurden nicht nur hier strikt durchgesetzt und das Publikum fügte sich ohne zu murren.  Zum Champs-Elysée war jedenfalls kein Durchkommen, überall Sperren und Polizei.  Auch an den meisten Strassen um Eiffelturm und Trocadero stand alle 50 Meter ein Aufpasser.

Später, auf der Terrasse des Palais de Tokio, traf ich eine begeisterte alte Dame, die wohl näher dran war als ich:  Ob ich die Militärparade nicht auch so schön gefunden hätte?  Nun, zum ersten Weltkrieg wurden Soldaten noch mit solch  glänzenden Augen verabschiedet in der Erwartung, dass die jungen Männer in ein paar Tagen und in bester Ausflugsstimmung mal eben heldenhaft «den Feind» besiegen — doch heute wissen wir, dass die Kriege lang sind, die Tode unzählig und das Töten nicht heldenhaft.

Schön?  Naja, Madame, da kommen wir nicht zusammen:  Wenn Panzer durch Städte rollen, verbinden viele Menschen das heute eher mit Schreckensszenarien.  Nicht so in Paris:  Die Stadt wird am Nationalfeiertag von einer Armee besetzt.  Davon dürfte so mancher Diktator träumen, der nichts vom Leben auf unserem Planeten verstanden hat — warum aber die Franzosen?

Auf der Esplanade des Invalides wurden die Augen des potentiellen Nachwuchs‘ leuchtend gehalten, indem man Kinder geduldig mit dem Kriegsspielzeug vertraut machte.  Die Abteilung mit den Leichensäcken hatte keinen Informationsstand, soweit ich das erkennen konnte.

Die Panzer am Trocadero zogen am späten Nachmittag ab.  Der Strassenbelag wurde an einigen Stellen durch die Ketten der Fahrzeuge aufgerissen.  Das wird von den Planern des Spektakels sicher gerne in Kauf genommen, denn Spuren soll diese martialische Schau ja schliesslich hinterlassen, oder?

Spät abends dann das Feuerwerk und die Lichtshow am Eiffelturm.  In einer Szene wurden immer wieder kämpfende Soldaten auf das Wahrzeichen projiziert.  Eine erzählerische Auflösung des gezeigten Sterbens — beispielsweise die Vision einer friedlichen Welt — habe ich vermisst.  Statt dessen stiegen die toten Soldaten per Lichteffekt in den Himmel auf.  Die Szene wurde beendet mit Beifall des Publikums und — einem riesigen Knall.

-fj


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