17. Juli 2009, von

Paris: kurze Profile

Eine bedauerlicherweise oft nicht mehr sehr hochwertige Pariser Attraktion sind die Bouquiniste:  Antiquarische Buchverkäufer an der Seine, die ihre dunkelgrünen «Läden» oben auf der Kaimauer verankert haben.  Heutzutage ist die Zunft — wie bei der exponierten Lage nicht anders zu erwarten — teilweise umgeschwenkt auf billigen Touristennepp.

Wenn Sie also einen Eiffelturm für daheim benötigen, dann können Sie den hier ebenso erwerben wie andere geschmacklose Andenken.  Sollte Ihnen später einmal entfallen, wie dieses seltsame, verstaubte Metallding auf Ihrer Schrankvitrine heisst (Tour … hmm, Tour irgendwas, wie hiess das doch noch?  Tour de France?  Nein, da habe ich Zweiffel …) — lesen Sie es einfach nach auf dem wunderschönen Stück:  Für besonders vergessliche Touristen hat man auf manchen der Kunstwerke den Namen extra hinzugefügt.

Ein althergebrachter Bouquiniste ist Jean-Pierre.  Er fällt auf mit seinem Hut, der Fliege und einem professionellen und freundlichen Auftreten.  Seinen Stand findet man am rechten Seineufer (Quai François Mitterand).  Ich suchte eine alte Zeitschrift mit Claudia Cardinale — und Jean-Pierre fand in seinem Sortiment die Ausgabe einer Kinozeitschrift von 1963 mit der damals noch sehr jungen Dame auf dem Titelblatt.

Ein paar Schritte weiter, auf der Île de la Cité, dann eher unangenehme Begegnungen:  Bosnischen Frauen, jedesmal mit der selben Eingangsfrage (Do you speak English?) und jeweils mit einem handgeschriebenen Zettel, der aggressiv unter höfliche, aber nichtsahnende Touristennasen gehalten wird.  Darauf steht eine immer herzzerreissende Geschichte:  Vom im Krieg getöteten Vater, der kranken Mutter und dem grossen Hunger ist dort zu lesen.  Das Leidensszenario wird unterstrichen durch einen vorm Spiegel perfekt einstudierten Dackelblick.

Organisiertes Betteln wird natürlich auch hier in Paris betrieben.  Wenn die Kandidatinnen allerdings zu wohl genährt sind, wirkt das Anliegen nicht sehr überzeugend.  Arme Seelen dürften diese Frauen trotzdem sein, denn es wäre verwunderlich, wenn dahinter nicht irgendwelche Verbrecher stünden, die das erbettelte Geld einstreichen.  Warum die Polizei gegen das organisierte Betteln nicht vorgeht, wird eines der vielen Geheimnisse dieser Stadt bleiben.

Auf der Brücke zur nächsten Insel, der Île Saint-Louis, hatten viel fröhlichere Gesichter Position bezogen.  Kostenlose Massagen wurden dort angeboten — und nachdem ich André, dem Initiator dieses Projekts, bei seiner Massage einige Zeit zugesehen hatte, habe mich auch getraut.  Nicht getraut habe ich mich natürlich, wieder zu gehen, ohne der Masseurin Virgine ein gutes Trinkgeld zu geben, aber das war es auch wert:  Meine müden Füsse fühlten sich deutlich beschwingter nach den zehn Minuten Entspannung.  Ein vermutlich gutes Geschäftsmodell also, das sich André ausgedacht hat — und eine gute Hilfe für erschöpfte Stadtgänger.

Ein paar Tage habe ich in Paris privat gewohnt.  Über die Plattform couchsurfing.org habe ich mich einige Zeit vor dem Parisaufenthalt bei Anne-Lise gemeldet und sie hat mir ihre Gästecouch angeboten.  Die Idee hinter couchsurfing.org ist, dass man auf Reisen in Kontakt mit Einheimischen kommt, Übernachtungskosten spart und selber auch etwas für andere Reisende anbietet.

Durch Anne-Lise konnte ich also auch Einblick nehmen in ein privates Leben in einem Aussenbezirk von Paris, habe morgens einen Kaffee bekommen, für sie gekocht, und sie hat mir ein wenig von ihrem Arbeitsplatz gezeigt, der alten Bibliothek.  Die Bibliothèque nationale de France in der 58, Rue Richelieu ist einen Besuch wert.  Einen Blick in den ovalen Lesesaal konnte ich zwar werfen, aber Fotografieren war nicht erlaubt.

Während ich bei Anne-Lise wohnte, meldete sich bei ihr eine Journalistin der Le Monde.  Diese grosse Tageszeitung gibt natürlich auch eine Online-Ausgabe heraus und Helène arbeitete dafür an einem Bericht über couchsurfing.org.  Sie suchte Informationen von Pariser Teilnehmern und wollte diese interviewen.  Dass bei Anne-Lise gerade ein Gast anwesend war, machte die Sache für Helène noch spannender und so trafen wir uns zu einem Gespräch zu dritt im Jardin du Palais Royal.  Wenn ich Glück habe, werden die Wetterauer Weltbilder also in ein paar Wochen in der Le Monde erwähnt — und mein Profil wird gleich neben Monsieur Sarkozy auf Seite eins zu sehen sein.

Naja, vielleicht doch nicht, denn nach einer anstrengenden Woche Paris sah ich unter meinem Fotografenhut vermutlich nicht allzu vorzeigbar aus.

-fj


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2 Kommentare auf "Paris: kurze Profile"

  1. Old Friend sagt:

    Salut Frank!

    There we go, you did it again!

    Congratulations, those are very skillfully written miniatures. This is one great example of your better, truly inspired pieces. (Sorry that I was afraid you’d lost it.)

    This kind of ‚erlebte Geschichten‘ resonates very well with me. The combination of provoked immersion, literary inspired new-view-seeking, and intensively self-experienced stories make definitely for high quality reading.

    It makes me instantly yearning to go on a journey myself. (If only to grab my camera and lose myself in a local photo safari. :-) )

    That’s probably the best advertising you can put out for your work.

    Chapeau, WhiteHatRat ;-)

    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0e/OldManonPhotoshop1850.jpg

  2. Frank J. sagt:

    Oh, the hat is brown beige. :-)

    -Frank

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