20. Juli 2009, von

Paris — Wetterau

Ich bemerkte den kleinen Mann erst, als er mich ein paar Meter vor dem Einstieg zur Seite stiess, um die Metro noch zu erreichen.  So stand ich — mein inneres und äusseres Gleichgewicht ebenso suchend wie das französische Wort für «#@ζ↓@@≠!!!» — noch auf dem Bahnsteig, als die Türen der Bahn knapp hinter mon ami zugingen.  Er war drinnen, ich nicht.

Vermutlich wären meine guten Wünsche für den kleinen Franzosen in der Metro meiner Wünsche gar nicht richtig zur Geltung gekommen, denn er hatte beim behenden Sprung in den Waggon die Frau vor ihm fast zum Stürzen gebracht.  Dies führte zu einer äusserst angeregten Diskussion zwischen Beteiligten und Unbeteiligten auf dem Bahnsteig sowie ihr und ihm im Zug.  Meine innige Hoffnung war, dass die Frau dem Kerl ihre Einkaufstasche über den Schädel ziehen würde — und zuvor im Baumarkt eine Auswahl an Badfliesen abgeholt hatte.

Endlich am Ostbahnhof:  Der TGV ist rappelvoll.  Die lächelnde Zugbegleiterin steht am Eingang zu Wagen 12 und geht höflich ein wenig aus dem Weg, als ich meinen zentnerschweren Koffer hineinwuchte.  Vielleicht tritt sie aber auch nur beiseite, damit sie nicht in dem Sturzbach aus Schweiss weggeschwemmt wird, der an mir herunter fliesst.

Als ich sie frage, warum ich hier keine Regale für schweres Gepäck finde, erklärt sie mir immer noch lächelnd, dass grosse Koffer am anderen Ende des Wagens unterzubringen seien.  Ich verschlucke ein weiteres unübersetztes «#@ζ↓@@≠!!!»

Der Weg durch den Wagen gleicht mehr einem Hindernislauf auf extra schwerem Gelände, denn nicht nur ich reise mit grösserem Gepäck:  Besonders der riesige Metallkoffer, den eine Fahrgästin einfach neben ihrem Sitz im Gang abgestellt hat, ist eine Herausforderung.  Sowohl für Geschicklichkeit als auch für die Kunst, das Fluchen zu unterdrücken.  Muss die blonde Schickse aber auch ihre doppelte Schminkration dabeihaben?  Als ich mich erinnere, dass ich in meinem — nicht minder kleinen — Koffer das schwere (in Paris nicht einmal benutzte) Stativ herumrollere, beruhige ich mich ein wenig.

Vom guten Service im TGV hatte ich ja schon auf der Hinfahrt berichtet.  Und hier geht es auf den ersten Blick nahtlos weiter:  Die lächelnde Zugbegleiterin schiebt ein Wägelchen durch den Zug und bietet Getränke an.  Ich entscheide mich für einen Kaffee — und ebenso schwungvoll, wie sie das braune Trockenpulverzeugs aus dem kleinen Nescafé-Beutel in dem Pappbecher mit heissem Wasser auflöst, bekomme ich die Rechnung:  2,40 Euro.  Meinen zarten Einwand, dass der Kaffee auf der Hinfahrt nichts gekostet habe, erledigt sie mit einem ungelächelten «Nein!» — und ab geht’s zum Engländer gegenüber, der vermutlich auch ganz wild ist auf diese erlesene französische Kaffeespezialität.  «Tea, please.»

Später gibt’s eine Snackbox, die ist tatsächlich im Fahrpreis inbegriffen.  Kalte Pasta in Plastik, die Pute ist akzeptabel.  Bei den Zucchini melden meine Geschmacksknospen besorgt, dass ich vermutlich auf Ablösungen der Kunststoffverpackung kaue.  Es ist aber Fehlalarm, das gehört bei diesem Menü so.

Die winzige Portion Wein kommt gediegen im Glas — allerdings verschlossen mit einer Alufolie. Es ist ratsam, diese nur zu lösen, wenn man trockene Ersatzkleidung dabei hat.  Alternativ kann man den Syrah durch ein gepiekstes Loch über das Metall in die durstige Kehle fliessen lassen.  Da kommt ein bisschen Wehmut auf nach echter französischer Lebensart — und selbst Mannheim ist fast rehabilitiert.

Nach dem «Essen» sitze ich brav vor dem Computer, die Schuhe sind unter den Sitz gewandert, Landschaften fliegen vorbei.  Das ist der schöne Teil am Zugfahren und ich geniesse ihn.  Manchmal döse ich ein wenig.  Plötzlich hält der Zug in einem Bahnhof.  Mir dämmert nach einigen Sekunden:  Das kann nur Karlsruhe sein — und ich muss hier umsteigen!  Keine Ansage (wie sonst vor jedem Halt) informierte die Fahrgäste über die kommende Station.  Da das Publikum im Wagen international ist, fluche ich wohl besser auf Englisch:  #@ζ↓@@≠!!!

Mit schwerem Koffer, halboffenem Rucksack, das piepsende Notebook unter dem Arm und dem rechten Fuss nur halb im Schuh stolpere ich auf den Bahnsteig.  Immerhin kann ich hier den verwundert dreinschauenden Bahnmitarbeiter auf Deutsch anzetern.  #@ζ↓@@≠!!! — und jetzt fällt mir auf einmal auch die französische Übersetzung ein.

Er verweist mich an die Zugbegleiter, die mit tiefen Zügen seelenruhig ihren Nikotinspiegel im Nichtraucherbereich anheben und den auf dem Bahnsteig stehenden Zug hingebungsvoll begleiten.  Man habe Probleme gehabt, zu wenig Personal, so die Erklärung des deutschen Personals mit französischer Leichtigkeit.  Sie seien auch nur Menschen, da könne es schon mal vorkommen, dass die Ansage des nächsten Bahnhofs ausfiele.

Wenn ich erst am nächsten Bahnhof, also in Stuttgart aus dem Zug gekommen wäre, hätte ich mich dort in einen Zug in Richtung Friedberg (Wetterau) setzen müssen.  Ob eine Erklärung ausgereicht hätte, dass ich auch nur ein Mensch sei, wenn ich meine dort nicht gültige Fahrkarte vorgezeigt hätte?

Wieder einigermassen manierlich angekleidet schaue ich auf die Uhr:  Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges in Richtung Heimat.  Da ist noch Zeit für ein kühles Getränk.  Ich entdecke McCafé.  Das ist McDonald’s verzweifelte Antwort auf Starbucks.  In Punkto Gemütlichkeit schlägt bei dem bedauernswerten Mann hinter dem Tresen die badische Ader voll durch.  Als ich endlich meinen Mocha Frappé in der Hand halte, muss ich auch schon mit grösseren Schritten zum Bahnsteig sechs eilen.  Koffer reingewuchtet, Rucksack auf dem Rücken, in der anderen Hand den kühlen Becher (menno, ist das kalt an den Fingern!) — ich lasse mich in ein Abteil fallen.

Seltsam leer hier — und warm.  Sehr warm.  Ich versuche den Mocha — und sauge grössere Eisbrocken durch den extra-dicken Kunststoffhalm.  Von Mokka kaum eine Spur.  Immerhin ist das geschmacksarme Getränk extra-kalt (Eis ist billiger als Geschmack) — und das brauche ich hier auch:  Die Fenster lassen sich nicht öffnen, die Klimaanlage funktioniert nicht — und ich habe das Gefühl, dass die Temperatur unter meinen Achseln niedriger ist als die im Abteil.  Der Zugbegleiter stellt mit dem sicheren Blick des Fachmanns fest, dass da kein kalter Zug aus dem Luftschlitz kommt, bietet mir freundlicherweise ein Gratis-Getränk an — und verweist mich auf die weitaus unbequemeren Sitze im Bistro-Wagen.

Eben dort warnt ein Schild davor, einen Computer auf den Tisch zu stellen (Datenverlust wegen Magneten) und ich werde an die Esstische umgeleitet.  Die bieten keinen Stromanschluss, so dass ich doch eher von den Magnetplätzen angezogen werde.  Auf einem harten Sitz, um 90 Grad gedreht, und mit dem stromverwöhnten, sehr heissen Computer auf den Oberschenkeln schreibe ich diesen Artikel.

Noch 23 Minuten bis nach Friedberg, wo hoffentlich die beste Partnerin von allen wartet, um mich abzuholen.  Ich freue mich — wie so häufig nach einer Reise — auf das Heimkommen.  Paris war toll, ich habe viel erlebt, aber was ist das gegen den Klang der vertrauten Heimat?  Mag auch der Wetterauer Dialekt nicht Musique sein in den Ohren, wenn man ihn vergleicht mit einem elegant gesäuselten Ohlala! der Boulespieler in den Tuilerien — aber mir ist er mittlerweile ein wenig ans Herz gewachsen.

Wieder zu Hause.  Die Frösche sitzen im Teich und quaken auf ihre Art eine Willkommensmelodie.  Irgendwie meine ich rauszuhören, dass sie nie nach Paris wollen.  Sie werden ihre Gründe haben.

-fj


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