6. August 2009, von

Und jetzt alle!

Kennen Sie Dirmstein?  Nein?  Nun, bis vor kurzer Zeit war mir «die Perle zwischen Worms und Weinstraße» auch nicht bekannt — aber das dürfte den Dirmsteinern mit unserem Reichelsheim in der Wetterau nicht anders ergehen.

Mit 3.000 Einwohnern ist Dirmstein nicht mal halb so «gross» wie Reichelsheim, hat aber immerhin eine kleine Fussgängerzone, in der ein Hotel-Restaurant zum Draussensitzen einlädt.  Nett!  Zudem sind viele Gebäude im Zentrum in gutem Zustand und das Fachwerk ist ansehnlich.  Mitten im Ort ist ein grosser, eher unansehnlicher Platz, auf dem einmal eine alte Fabrik stand und der jetzt als Parkplatz genutzt wird.  Ob dort jemand einen Supermarkt plant?  Vermutlich nicht, denn in Dirmstein hält man es nach meinem Eindruck eher mit Kultur und Lebensgenuss.

Woher ich das alles weiss?  Na, ich war in Dirmstein, denn dort fand das jährliche Konzert im Schlosspark statt:  Die wunderbare Silje Nergaard sang und spielte ein leichtes, jazziges Sommerabendkonzert.  Begleitet wurde sie von ihrer Band sowie von fünf Orchestermusikern mit klassischen Instrumenten und einem dazugehörigen Dirigenten wie aus dem Lehrbuch:  Wallendes Haar, weisser Anzug, grosses Gezappele.  Zweifellos der wichtigste Mann auf der Bühne — dem aber kein Musiker viel Beachtung schenkte.

Palatia Jazz, DirmsteinMehr als 1.000 Zuschauer und -hörer waren gekommen.  Sie haben lokale Speisen und Getränke sicher ebenso genossen wie das Ambiente des Schlossparks — und einer Künstlerin gelauscht, die anspruchsvoll und unterhaltend war.  Die Musik wurde mit der Hand gemacht, die Instrumente waren akustisch und es wurden keine 400 beats per second aus einem wummernden Bass gepresst.  Nichts für den Wetterauer also, der im tiefergelegten Ego-Spielzeugauto mit Plastikspoiler und abgedunkelten Scheiben seine nervtötende rollende Disco ungeahndet durch Landschaft und Dorf steuern darf.  Eher etwas für den stilleren, anspruchsvolleren Geniesser …

Aber hören und sehen Sie selbst in diesem netten Video, was Silje Nergaard kann — hier mit dem alten, immer noch guten Jazzbarden Al Jarreau in einem Duett (das nach einer Minute fröhlichen Plapperns zwischen den Beiden beginnt).  Schön, oder?

Nun gibt es in der Wetterau bestimmt auch Konzerte, werden Sie denken.  Richtig — schauen wir mal nach:

Google ich nach „konzert wetterau“ (27.000 Links) oder nach „jazz wetterau“ (13.000 Links), dann sind Anschauen und schnell Aufgeben fast eins:  Wenn der Wetteraukreis auf der Google-Liste das Bad Vilbeler Open Air Festival des Jahres 2007 an prominenter Stelle bewirbt (Platz zwo!), dann dürfte es mit einem etwas anspruchsvolleren Jazzkonzert ohne Zeitmaschine nichts werden in der Wetterau.

Mein bereits nicht mehr vorhandener Enthusiasmus sinkt weiter merklich, wenn ich beim Wetteraukreis nochmal ausdrücklich auf die Übersichtsseite zu Konzerten klicke: Gerade fünf Orte sind dort gelistet — und da die Informationen dort vermutlich ebenso brandaktuell sind, wie die zum Jazzfest im Bad Vilbel, erspare ich mir das Stöbern.

Aber halt:  Da gibt’s ja noch den direkten Link zu besagtem Festival — und das sieht doch vielversprechend aus:  Es gibt ein Jazztival in Bad Vilbel auch im Jahr 2009!  2009!  Toll, das ist ja — jetzt!  Wer mag da wann auftreten?  Ah, hier steht’s:

Termine und Bandinformationen ab März 2009:  Klicken Sie bitte in der linken Menuleiste auf „Spielplan“

Habe ich gemacht — und wie es da aussieht, sehen Sie rechts:  gähnende Leere.  So kann man auch Marketing machen.

Aber habe ich nicht neulich dieses Tony-Marshall-Plakat in Gettenau gesehen?  Na, da sage noch einer, kulturell sei in der Wetterau nichts los!

-fj

ein Kommentar auf "Und jetzt alle!"

  1. Frank J. sagt:

    Hmm, das Internet ist schnelllebig und gerecht: Das oben erwähnte Bad Vilbeler Jazzfestival des Jahres 2007 taucht bei Google heute nur noch auf Platz drei auf. Platz zwei hat mittlerweile eingenommen: dieser Beitrag in den Wetterauer Weltbildern … :-)

    -Frank

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