18. August 2009, von

Ausbessern

Heute morgen fand es als redaktioneller Beitrag tatsächlich Erwähnung in HR1:  In Butzbach wird umgeleitet.  Vorletztes Wochenende habe ich die Auswirkung dieser Sommerloch-Meldung selbst «erfahren» dürfen.  Statt vier Kilometern Fahrstrecke ging’s auf eine Ehrenrunde von 26 Kilometern.  Die Fahrt zum Butzbacher Oldtimer-Treffen erschien mir endlos, der Tag war fast vorbei, als ich endlich ankam.  Trotzdem war es ein erhebendes Erlebnis:  Wenn sogar die Medien über die Umleitung berichten, dann fühlt sich eine solche Ehrenrunde fast so an, als wäre ich dabei gewesen, als in Butzbach Geschichte geschrieben wurde.  Ich bin ein Zeitzeuge!  Ein warmes Gefühl durchströmte mich …

Nebensache.  Viel wichtiger ist die Frage:  Was mache ich auf einem Oldtimer-Treff?  Bin ich überhaupt schon alt genug, um als Oldtimer durchzugehen?  Nein, es ging nicht um ältere Menschen, Oldtimer sind in unserem Sprachgebrauch vorwiegend alte Autos.  Doch die Fragestellung bleibt für manche Menschen sicher dieselbe:  Was mache ich auf einem Oldtimer-Treff?  Ich wurde von mehr oder weniger freundlichen Mitbürgern auf der Strasse schon als «Autohasser» bezeichnet — und für diese in Schwarz-Weiss-Kategorien denkenden Menschen ist es sicher völlig unverständlich, dass ich Freude an alten Automobilen habe.

Vielleicht schwingt bei mir auch ein wenig die Erinnerung mit, die Erinnerung an meine Kindheit, als die Strasse vor dem Haus nur wenig befahren war, die Busse noch abgerundete Formen hatten und die Sparkasse mit einem alten Mercedes in die Stadtteile kam?  Ach, wo hat sich das alles hin entwickelt?  Ist unser Leben tatsächlich besser geworden mit dem Auto im Mittelpunkt unserer Gesellschaft?  Ich habe Zweifel.  Starke.

In Butzbach aber traten alle Zweifel in den Hintergrund.  Es waren richtig schöne Fahrzeuge dabei, liebevoll restauriert, in der Sonne funkelnd, manches war ein Augenschmaus.  Dass — wie im letzten Jahr — die Hintergrundmusik genauso laut wie einfältig war, konnte ich beinahe ignorieren, ebenso das Interesse der meisten Zuschauer an einem unter immensem Lärm startenden Lanz Bulldog.  Laut macht was her.

Auf der Rückfahrt ging’s dann auf einer anderen Route nach Hause.  Die Fahrt auf der A45 war langweilig, aber immerhin umleitungsfrei.  Bei einer Fahrt über Landstrassen dagegen besteht  — siehe oben — in diesen Tagen ein erhöhtes Risiko, irgendwo vom direkten Weg weggeführt zu werden.  Baustellen überall!

Das Zauberwort heisst Konjunkturprogramm.  Kaum eine zuständige Verwaltung dürfte sich die Chance entgehen lassen, etwas «für den Bürger», «für die Infrastruktur» oder «für die Wirtschaft» zu tun.  So werden Strassen aufgerissen, wird ausgewählten Branchen Arbeit verschafft, den Anwohnern Dreck und Lärm beschert (und nach der Baumassnahme vermutlich noch mehr Verkehr).

Es fährt sich sicher prima auf den neuen Strassen.  Glatt wie ein Kinderpopo, so muss es sein!  Ist es nicht so, wird gegreint über den miserablen Zustand unserer Fahrbahnen.  Ein Blick in eine Winterausgabe der ADAC-Zeitschrift reicht aus, um mindestens einen Beitrag über unhaltbare Zustände auf unseren Strassen zu entdecken.  Jedes Jahr das gleiche Ritual.

Ist man in anderen Ländern unterwegs, dann ändern sich die Relationen:  Fussballgrosse Schlaglöcher auf Italiens Schnellstrassen habe ich in Erinnerung.  Bei Überlandfahrten wird ohne  erhöhte Aufmerksamkeit das Fahrzeug durchgeschüttelt, dass man einen Achsbruch befürchten muss.  Und:  Es geht auch dort!  Die Menschen leben, das Essen ist meist ausgezeichnet, die Orte sehen häufig freundlicher aus als bei uns.  Man ist weniger penibel in vielen Dingen.  Gewöhnt an unsere deutsche Gründlichkeit können wir damit manchmal nur schwerlich locker umgehen.  Und trotzdem funktioniert es dort irgendwie — auch ohne aalglatte Strassen.  Dabei sind die Italiener noch grössere Autonarren als wir:  Wie romantisch das italienische Verhältnis zu «La mia macchina» ist, vermittelt vielleicht dieses Lied von Fabio Concato.  Wir Deutsche dagegen setzen bei einem solchen Thema auf einen Kasper wie Markus und ein gekreischtes «Ich will Spass».  Hach, die Italiener können so etwas einfach besser!

Bei uns werden also Strassen ausgebessert im Rahmen des Konjunkturprogramms.  Viel mehr nehme ich nicht wahr, wenn ich an die Milliardenförderung denke.  Dabei könnte uns ein Blick in die Vergangenheit spannende Projekte abseits der ausgetretenen Pfade entdecken lassen.

In den USA wurde während der grossen Rezession in den Dreissigern eine ungewöhnliche Aktion gestartet:  Präsident Roosevelt entwarf unter anderem ein Programm für arbeitslose Akademiker, das zu einer hervorragenden Dokumentation der Geschichte und Kultur der amerikanischen Nation führte.  Schriftsteller, Fotografen und Historiker arbeiteten in dem Federal Writers’ Project genannten Programm.

In einem Land, in dem eine erschreckende Anzahl ganz normaler Menschen unter einem kommunistischen Verfolgungswahn leidet, waren und sind sicher viele von Roosevelts Entscheidungen umstritten, denn es waren zentralistische Massnahmen.  Aber es wurden Werte geschaffen, die die Zeiten überdauert haben und heute noch in Antiquariaten und teilweise sogar komplett im Internet (Big Brother Google hilft) zu finden sind.

Experten dokumentieren den Alltag — ist das nicht eine wundervolle Idee?  Heute kann man in diesen Werken viel erfahren über das Amerika vor siebzig Jahren.  Wenn künftige Generationen etwas über uns in den Archiven finden, werden das dann die Doku-Soaps der Schundkanäle sein?  Wird man in 100 Jahren glauben, dass die Super-Nanny eine umjubelte Heldin unserer Gesellschaft war?  Wird man glauben, dass eine Sendung wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» tatsächlich ein Abbild unseres heutigen Lebens darstellt?  Ich weiss es nicht.

090818_ausbessern05_320x220Denke ich aber ein halbes Jahrhundert zurück, an meine relativ unbeschwerte Kindheit mit nur wenigen Automobilen, einfachen Kinderspielen und endlosen, draussen verbrachten Sommern, dann ist das ein Abschnitt in unserer Geschichte, den ich nur schlecht dokumentiert sehe.  An die fahrbare Sparkassenfiliale kann ich mich kaum erinnern.  Den riesigen Büchereibus, in dem ich als Kind spannende Bücher fand, die Zugreisen mit Dampflok-gezogenen Waggons — das sind kleine, verblassende Momente eines Lebens, einer Zeit.  Aber jeder dieser Momente ist eben auch ein Ausschnitt aus einer Kultur — zugegeben, es sind sehr kleine Ausschnitte, doch diese Ausschnitte gehören zu diesem Land.  Wüssten wir mehr darüber, so könnten wir einschätzen, wie sich unser Leben bis heute im Vergleich zu damals entwickelt hat.  Diesen Teil des Lebens in Deutschland von vor 50 Jahren zu dokumentieren und somit zu bewahren, das wäre vielleicht nicht schlecht — um mehr über heute zu lernen.

Das Leben geht weiter.  Die Anforderung bleibt die Gleiche:  Was ist mit den kleinen Alltagsdingen der heutigen Zeit?  Wird man sich in einigen Jahrzehnten daran erinnern, dass Oldtimer-Treffen in diesen Jahren eine beliebte Wochenendbeschäftigung waren?  Dass auf den Schulhöfen vermehrt Drogen und Waffen auftauchten?  Dass im Rahmen des Konjunkturprogramms die Strassen poliert wurden, aber Geld für Bildung und Erziehung an allen Enden knapp war?  Dass Kulturbudgets immer weiter gekürzt wurden?

Krisen bieten die Chance zum Umdenken, zur Erneuerung.  Um etwas Neues zu wagen, ist es allerdings gut, die Vergangenheit samt Stärken und Schwächen zu kennen.  Höre ich heute Politikern zu, so beten diese weitgehend dieselben Standards unserer aufgeklärten Zeit rauf und runter wie seit Jahrzehnten.  Eine ausgewogene Analyse von Vergangenem, eine verständige Bewertung erreichter Standards ist dagegen so gut wie nie zu hören.  Es sind die gewohnten Rezepte, die ohne Blick zurück ständig wiederholt werden.

Strassenbau ist so ein Rezept.  Wenn das alles ist, was den Politikern einfällt, dann wird tatsächlich alles so weitergehen wie bisher.  Bis zur nächsten Krise.  Es ist sicher ein Glück für diese Politiker und Pech für dieses Land, dass Vergleiche mit anderen Zeiten meist ausfallen mangels Kenntnis.  Rückschau ist nicht angesagt.  Das haben seit ein paar Jahren sogar Fussballspieler kapiert, die den Medien nach den ersten zwei mauen Spielen der neuen Bundesligasaison die üblichen Hohlphrasen anbieten:  «Wir müssen jetzt nach vorne schauen.»  So etwas wird gerne gesendet und möglicherweise haben die Kicker sogar Recht:  Ein Vergleich mit der Vergangenheit könnte peinlich ausfallen.  Lassen wir das besser.

Dass ein solches Messen mit früher für die profillosen Automobile der heutigen Zeit peinlich ist, das kann man auf diesen Oldtimer-Treffen sehen.  Und man kann dort lernen:  Manchmal ist es vielleicht gar nicht so falsch, ein vergessenes, älteres Modell nur etwas auszubessern.  Es kann an Wert gewinnen und es bringt die Insassen trotzdem von A nach B.  Vielleicht nicht so schnell, aber hat das langsame Reisen nicht eine Qualität?  Doch wozu langsam fahren auf unseren blendend ausgebesserten Strassen?  Dort vorne, gleich hinterm Horizont, dort wartet doch bestimmt eine tolle Zukunft.  Sollten wir dort nicht möglichst schnell hin?

Daran müssen wir nur ganz fest glauben.  Und vor allem nach vorne schauen.

-fj

 

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