25. August 2009, von

Negativ

Nein, der Reichelsheimer Bürgermeister Bertin Bischofsberger ist kein Fan der Wetterauer Weltbilder.  Mir war das bisher gar nicht bewusst, aber heute hat er mir seine Ablehnung in einem Telefonat sehr deutlich gemacht.  Seine Meinung zu meiner Meinung:  Viel zu wenig würde ich über die positiven Dinge berichten.  Die Artikel sind zu negativ und Halbwissen regiert diesen Blog, wenn man Bertin Bischofsberger glaubt.

Muss ich nun nachzählen?  Wie oft wies ich im vergangenen Jahr hin auf Mängel (= negativ) der Erde, der Republik, des Kreises — oder eben auch «meiner» Stadt Reichelsheim?  Wie oft waren meine Artikel dagegen reine Lobhudeleien auf das Leben in unserer Region?  Aus meiner Sicht ist es müssig gegenzurechnen:  Ich habe nicht nur gemäkelt.  Vielleicht entdeckt aber auch nicht jeder Leser meine offenen oder versteckten Liebeserklärungen an das Leben in der Wetterau?

Wenn ich aber laut Bürgermeister mehr Positives berichten soll, wie kann ich davon erfahren?  Wie stellt sich Herr Bischofsberger vor, dass Bürger wie ich von den zu bejubelnden Dingen Kenntnis erhalten (ich nehme an, er meint die positiven Nachrichten, die aus seinem Rathaus kommen).  Eine Antwort darauf habe ich heute bekommen:  Laut Herrn Bischofsberger muss man «mit den richtigen Leuten reden» und sich nicht von den falschen «Halbwahrheiten ins Ohr flüstern lassen».  Ist es zu negativ, wenn ich dabei an Klüngelei und Hinterzimmervereinbarungen denke?

Warum die Stadt ihre Bürger (oder im ersten Schritt wenigsten die Presse und private Seiten wie die Wetterauer Weltbilder) nicht aktiv informiert, konnte ich im Gespräch mit dem Bürgermeister nicht erfahren.  Die Welt wird es nicht kosten, eine regelmässig erscheinende städtische Informationsbroschüre für die Bevölkerung zu erstellen.  (Und Bertin Bischofsberger könnte durchaus ein wenig positives Marketing gebrauchen, so mein Eindruck nach unserem heutigen Telefonat.)

Bürgerveranstaltungen über aktuelle Projekte der Stadt oder geplante Aktionen des Rathauses — ebenso Fehlanzeige.  Die Anregungen zu dieser Art der offensiven Informationsvermittlung gab ich dem Stadtverordnetenvorsteher Holger Strebert neulich in einem sehr positiven Gespräch mit auf den Weg und er wollte das Thema beim Bürgermeister abladen.  Die Ausrede, dass kein Interesse in der Bevölkerung bestünde, ist spätestens nach den vollen Sälen bei der Bürgermeisterwahl nicht mehr zulässig.

Aber, geneigte und nicht geneigte Leser — wir alle ahnen, dass echte Politik auch in Reichelsheim ganz anders gemacht wird, als ich mir das so bügernah und blauäugig vorstelle:

Im September 2008, kurz vor dem entscheidenen Urnengang zur Reichelsheimer Bürgermeisterwahl, fand ich im Briefkasten eine Informationsschrift.  Absender: Bertin Bischofsberger.  Inhalt: Drei Programmpunkte des Kandidaten.  An erster Stelle stand die Verkehrsproblematik.

Wie viele Wähler werden sich wohl durch dieses gut getimte Anschreiben dazu entschieden haben, ihr Kreuz hinter dem Namen Bischofsberger zu machen?  Heute darauf angesprochen meint der Bürgermeister, die Verkehrspolitik wäre nur ein Punkt unter vielen gewesen und hätte keine besondere Priorität gegenüber anderen Themen.

Nun aber, liebe Leserinnen und Leser, Schluss mit dem Gegreine:  Es besteht nämlich gar kein Anlass über die Verkehrssituation in Reichelsheim zu jammern!  Die guten Nachrichten habe ich heute vom Bürgermeister Bischofsberger persönlich erfahren:

Der Magistrat hat eine Geschwindigkeits-Messanlage angeschafft. Diese wird an immer wieder verschiedenen Orten eingesetzt.  Die Auswertungen der Daten des Messgeräts hätten bewiesen, dass in Reichelheim gar nicht zu schnell gefahren würde, so der Bürgermeister.  Dass das von manchen Bürgern anders wahrgenommen wird, dazu meint er: «Ob jemand 30 oder 40 fährt, das kann niemand einschätzen.»

Endlich also positive Nachrichten!  Vergessen wir den unangenehmen Beigeschmack hinter dieser Meldung, dass die Reichelsheimer Bürger, die sich über die Raser mokieren, offenbar unter Wahrnehmungsstörungen leiden (denn es wird ja nun amtlich gar nicht zu schnell gefahren), sondern bejubeln wir das Positive:  Das Problem der Raser ist vom Tisch!

Die Messgeräte sind weithin sichtbar.  Dass viele Schnellfahrer deswegen ihr Tempo reduziert haben könnten, ist wohl ein zu negativer Gedanke, oder?  Ich will ihn also besser gar nicht erst erwähnen …

Positiv soll es also weitergehen — und Bürgermeister Bischofsberger hatte ja bereits heute entscheidenden Anteil an all den positiven Dingen, die ich auflisten durfte.  Ich hoffe natürlich, dass er auch in Zukunft weiter daran mitarbeitet, diesen positiven Grundton in die kleinen Artikel der Wetterauer Weltbilder einzuflechten.  Mit besseren Informationen wird es ihm sicher gelingen, meine «Halbwahrheiten» blosszustellen.  Also, Herr Bischofsberger:  Schreiben Sie einen Kommentar, wenn es unerträglich wird oder legen Sie mit einer Gegendarstellung den Finger in die Wunde meiner unseriösen Berichterstattung.  Die Leser werden es Ihnen danken.

Und es gibt weitere Hoffnung:  Ich warte auf den neuen Webauftritt der Stadt Reichelsheim, der erst für Mai, dann für Juni und später für den Sommer angekündigt wurde.  Dort werden dann sicher ebenso all die Erfolgsmeldungen aus dem Rathaus publiziert wie auch all die kleinen Dinge (Abfalltermine, übersichtlicher Kalender), auf die wir Bürger seit Jahren warten.

Die Frage, warum das nicht auf den aktuellen Webseiten der Stadt Reichelsheim getan wird, ist vermutlich nicht berechtigt.  Viel zu negativ!

-fj

7 Kommentare auf "Negativ"

  1. Martin sagt:

    Doch Frank, es gibt auch positive Nachrichten zu vermelden:

    Am Samstag erreichte mich ein Schreiben, in dem die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden abgefragt wurden. Und ich habe in Heuchelheim sogar schon eine Radarmessung erlebt!

    Ansonsten erhalte ich Informationen über die örtliche Politik alleine von der SPD, mangels anderer Informationen ohne diese den Wahrheitsgehalt prüfen zu können. Herr Bischofsberger hat mir auf eine entsprechende Mail hin versichert, dass die städtische Internetseite bald online geschaltet wird.

    Und das Positivste überhaupt: Das Raiffeisengelände wird mangels Investoren nicht wie geplant bebaut. Also besteht doch eine Möglichkeit, dass noch etwas Sinnvolles zustande kommt!

  2. Frank J. sagt:

    Martin schrieb: „Und das Positivste überhaupt: Das Raiffeisengelände wird mangels Investoren nicht wie geplant bebaut. Also besteht doch eine Möglichkeit, dass noch etwas Sinnvolles zustande kommt!“

    Vorsicht, Martin, so etwas zu formulieren gilt in Reichelsheim an mancher Stelle sicher als extra-negativ! :-)

    Ja, Du hast Recht: Ab und zu kommt eine SPD-Informationsbroschüre ins Haus. Dort wird aber (verständlicherweise) Parteipolitik betrieben. Als Informationsquelle ist sie nur bedingt geeignet — aber immerhin besser als gar nichts (so niedrig sind die Ansprüche schon).

    Die Radarmessungen der Ordnungsbehörde (also nicht nur die ohne Folgen) fanden meines Wissens selten statt. Die mir bekannte Begründung: Die Miete für das Gerät ist zu teuer.

    Wo wir nun lernen konnten, dass ja nicht zu schnell gefahren wird — ob wir da mit einer weiteren Verringerung der Kontrollen rechnen müssen?

    -Frank

  3. Alexander Hitz sagt:

    Frank J. schrieb: „Die Radarmessungen der Ordnungsbehörde (also nicht nur die ohne Folgen) fanden meines Wissens selten statt. Die mir bekannte Begründung: Die Miete für das Gerät ist zu teuer.“

    Dieser Aussage nach zu urteilen, scheint in Reichelsheim wirklich nicht gerast zu werden. Denn wenn die Miete zu teuer ist, würde das bedeuten, dass niemand oder nur so wenige beblitzt werden, dass sich weder das Gerät, noch der Verwaltungsaufwand lohnen. Es könnte natürlich sein, dass man an den falschen Stellen blitzt. Das glaube ich aber kaum, wenn ich über den „Buschfunk“ höre wer schon so alles in der OD Weckesheim oder der Ulmenstraße abgelichtet wurde.
    :o)

  4. Frank J. sagt:

    Nun, Alexander, um so eine Rechnung aufzustellen, müsste man mehr Details wissen:
    — Was kostet die Miete für das Messgerät?
    — Welche Kosten entstehen über die Miete der Messeinrichtung hinaus?
    — An wen fliessen die Einnahmen aus Verwarnungs- und Bussgeldern?

    Dann erst könnte man eine monetäre Kosten-/Nutzenrechnung aufstellen.

    Die Kosten für Geschwindigkeitsübertretungen findet man im Bussgeldkatalog. Auch, wenn ich das laut unserem Bürgermeister gar nicht kann, schätze ich die Geschwindigkeit mancher Verkehrsteilnehmer tagsüber auf 70 km/h hinter so manchem Ortseingangsschild der Reichelsheimer Stadtteile und auf 40 bis 50 km/h in den 30er-Bereichen der Ortsdurchfahrten. Das ergibt in der Regel ein Verwarngeld von 25 bis 35 Euro pro Verstoss.

    Da ich vermute, dass der Kostenbetrag für die Messung deutlich über 1.000 Euro pro Tag liegt, dürften am Tag geschätzte 40 Geschwindigkeitsverstösse in diesem Bereich kaum ausreichen, um die Kosten zu decken.

    Die Probleme liegen meiner Ansicht nach aber woanders:

    Wenn ich mit Anwohnern spreche, höre ich immer wieder die Meinung, dass zu den falschen Zeiten gemessen wird. Auch Pendler berichten, dass sie genau wissen, zu welcher Tageszeit und wo kontrolliert wird.
    Meine Wahrnehmung ist: Nicht erwischt werden die rücksichtslosesten Raser, weil wohl nur wochentags in Kernzeiten gemessen wird. Erwischte man die Raser am Wochenende und vor allem nach Einbruch der Dunkelheit, dann wäre die Kostendeckung der Aktion vermutlich schon nach kurzer Zeit gegeben.
    Die Verbindungsstrassen zwischen den Stadtteilen sind oftmals Rennstrecken — und dort habe ich noch nie eine Messung erlebt. Wie auf der für Raser seit letztem Jahr prima ausgebauten Strasse zwischen Weckesheim und Beienheim gefahren wird — es ist nur eine Frage der Zeit, bis dort der erste Frontalzusammenstoss passiert. Immer wieder werde ich auf der engen Strasse bei Einhaltung der erlaubten 70 km/h überholt.
    Jeder Anwohner hier in Heuchelheim weiss, wie unvernünftig manche Verkehrsteilnehmer auf der geraden Strecke nach Gettenau fahren. Am Ort des Unfalls vom 18. August prahlten ein paar junge Leute, dass man hier „locker 220“ erreichen könne. Später hörte ich noch die Geschichte, dass eine Anwohnerin es nur auf 190 km/h gebracht hätte. Das ist die Denkweise mancher Menschen.

    Wir alle wissen um die Probleme einer angemessenen Verkehrsüberwachung. Ressourcen und Kosten stehen auf der einen Seite — die Gefährdung von Menschen durch unverantwortliches Verhalten auf der anderen.

    Zu schnelles Fahren ist offensichtlich für viele immer noch ein Kavaliersdelikt und das Risiko des Erwischtwerdens gering — und so ändert sich nichts. Verkehrssicherheit fängt aber bei jedem selber an: Einfach mal tatsächlich 30 in den Ortsdurchfahrten fahren (freiwillig — so steht’s doch als Bitte auf vielen Schildern) oder tatsächlich „nur“ 70 zwischen Weckesheim und Beienheim. Den Drängler und Raser anzusprechen (denn manche wird man kennen) auf das rücksichtlose Verhalten und die Gefährung der Mitmenschen wäre auch kein schlechter Anfang.

    Wer aber vorrangig etwas tun könnte, das sind Magistrat und Politik. Anstatt uns weismachen zu wollen, dass wir unter Demenz leiden und in Reichelsheim nicht gerast wird, wäre eine offensive Thematisierung der Problematik angebracht. In diesem Jahr war das Thema aber weder in der Stadtverordnetenversammlung auf der Tagesordnung, noch hat der Magistrat eine Offensive gegen das Rasen gestartet. Wenn ich es jemandem zugetraut hätte, dann war es Bürgermeister Bischofsberger wegen der deutlichen Pointierung des Themas in seinem Wahlkampf.

    Nun, ich lag wohl falsch. Verstimmt, sozusagen.

    -Frank

  5. Alexander Hitz sagt:

    Ich glaube nicht, dass sich das Messen zu den von Dir vorgeschlagenen Zeiten rechnet, denn da müssten ja auch noch Überstunden/Wochenendarbeit bezahlt werden. Und ob man genau dann gleich mehrere Raser zur Kostendeckung erwischt…?

    Auf den Verbindungsstraße – also außerhalb der Ortschaften – darf soweit mir das bekannt ist, nur die Polizei Messungen durchführen.
    (Vgl. Rundschreiben des Ministeriums des Innern und für Sport
    vom 24. August 2004 (18 103-8.1/341) MinBl. 2004, S. 310
    Abs.3.1
    „Die Zuständigkeit besteht nur innerhalb der geschlossenen Ortschaft. Dies ist nach § 42 Abs. 3 StVO der durch die Ortstafeln Zeichen 310, 311 umgrenzte Raum ohne Rücksicht auf die Bebauung.“)

    Aber wie auch immer. Mein Beitrag war eher ironisch gemeint.
    Zustimmung gibts von mir auf jeden Fall für die Tatsache des Rasens. Das sind aber eben immer nur Ausnahmen im Bezug auf die gesamte Menge, die hier durchrollt. Und die bekommt man dann doch etwas schwerer…

  6. Frank J. sagt:

    Alexander schrieb:

    „Mein Beitrag war eher ironisch gemeint.“

    Kam auch so an, Alexander. Mir vergeht bei diesem Thema aber das Schmunzeln — deshalb meine bierernste Antwort.

    Und er schrieb weiter:

    „Zustimmung gibts von mir auf jeden Fall für die Tatsache des Rasens.“

    Tststs! Noch ein wahrnehmungsgestörter Reichelsheimer! Lass das nur nicht den Bürgermeister lesen …

    Und er ergänzte:

    „Das sind aber eben immer nur Ausnahmen im Bezug auf die gesamte Menge, die hier durchrollt. Und die bekommt man dann doch etwas schwerer…“

    Da hast Du Recht — aber hast Du auch das Gefühl, dass man versucht, diese Typen zu erwischen?

    -Frank

  7. Alexander Hitz sagt:

    Nein, eigentlich nicht…

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