30. August 2009, von

Amsterdamer Käse

Knapp einen Monat bis zur Bundestagswahl — und Sie wissen immer nocht nicht, welcher Kandidatin, welcher Partei, welcher politischen Strömung Sie Ihre Stimme geben sollen?  Vielleicht kann Ihnen Robbert helfen.  Robbert ist Holländer, lebt in Amsterdam und hat ein wunderbares Video ins Internet gestellt …

Aber von vorne:  Der US-Fernsehsender Fox ist nicht gerade bekannt für besonders liberale Weltansichten.  Vielmehr ist er ein Medium der politischen Rechten in den USA.  Mit der Wahl Obamas wird der Untergang der guten alten westlichen Werte befürchtet.  Folglich wird über den Verfall von Kultur und Sitten gezattert.  Rechte Medien-Ikonen wie Bill O’Reilly (interessant: wie Wikipedia ihn sieht) und seine Stichwortgeber sind dabei besonders eifrig.

Amsterdam, FahrradDas argumentative Ziel dieser Saubermänner und -frauen war vor ein paar Wochen Amsterdam.  Ein Schreckensszenario wurde gezeichnet:  Drogen und organisierte Kriminalität beherrschten die Stadt.  Republikanische Politikerinnen mit der geballten Kraft ihrer blonden Betonfrisuren und der Herzlichkeit einer kalten Mondnacht ereifern sich:

In Holland hätte man «naive Ideen, die Kinder über sicheren Sex aufzuklären und Haschisch zu rauchen», Amsterdam sei ein «unordentliches Durcheinander», so Margaret Hoover, eine Strategin der Republikaner.  Monica Crowley, eine in den USA bekannte Medienfigur, kann sich sogar zu dieser Äusserung hinreissen lassen:

Die Experimente in den Niederlanden mit sozialer Toleranz, freier Liebe, freien Drogen sind eindeutig gescheitert.  Amsterdam ist eine Kloake von Korruption und Verbrechen.  Alles ist ausser Kontrolle.  Es ist Anarchie!

Mit diesen herabsetzenden Äusserungen über «seine Stadt» war Robbert aus Amsterdam nicht einverstanden und stellte ein kurzes Video ins Internet, das mich beeindruckt hat:

Schön hat er das gemacht und es ist vermutlich die beste Methode, um Menschen wie O’Reilly entgegen zu treten.  Nicht, dass O’Reilly beeindruckt gewesen wäre, nein, weit gefehlt!  Er bezeichnete das Video in einer späteren Sendung als «süss» (cute) und Hanni und Nanni — äh, Margaret Hoover und Monica Crowley — durften erneut ihren bekannten Liebreiz über das verdorbene Leben in Amsterdam und die Gefahr einer ähnlichen Kultur in den USA versprühen.  Nur einen Gedanken verliert O’Reilly über die von Robbert eingebrachten Zahlen, die prozentualen (!) Vergleiche zwischen den USA und den Niederlanden:

Die Art, wie man Statistiken in Holland macht, ist anders — und es ist ein viel kleineres Land. […] Ich kümmere mich nicht darum, was die in den Niederlanden machen.

Das ist die Welt von FoxNews, Bill O’Reilly und seinen Bewunderinnen.

Amsterdam, KäseladenEs ist gut zu sehen, dass es Menschen wie Robbert aus Amsterdam gibt, die den O’Reillys dieser Welt zeigen, dass da mehr ist auf dieser Welt als Fast Food, spritfressende Autos, Waffen für Jedermann, religiöser Fanatismus, schlechte Schulbildung, miese Krankenversorgung, ungezügelter Kapitalismus, kurzfristiges Gewinnstreben und der Trend, missliebige Länder militärisch anzugreifen.

Habe ich da eben einen Teil der Realität in Herrn O’Reillys Land beschrieben — die guten alten Werte?  Hmm, tatsächlich — doch wenn wir dem Moderator und seinen Handpuppen glauben, dann liegt die wahre Gefahr für die Menschheit darin, dass in San Francisco ein paar Leute Marihuana rauchen und Menschen gleichgeschlechtliche Beziehungen haben, denn solche Sachen sind einfach — bäh!

Amsterdam, Plakat gegen RassismusAmsterdam ist ebensowenig eine Enklave guter Menschen oder das Paradies auf Erden wie der bevorzugte Tummelplatz der europäischen Kriminellen.  Hätte O’Reilly Zahlenpeters Blogbeitrag über Verbrechen in Holland gelesen, so wüsste er das.  Wer je in der niederländischen Hauptstadt war, der weiss, warum sie so einen Charme hat:  Vielfalt und Toleranz.  Das sind allerdings keine Werte, mit denen die O’Reillys dieser Welt verständig umgehen können.  Deren Themen sind ganz andere.

Ihr Kreuzchen, bitte.

-fj

Amsterdam, Plakat gegen Rassismus

Amsterdamer Pflaster: zu hart für Republikaner

PS.  Damit kein falsches Bild aufkommt:  Ich habe nie geraucht — weder Zigaretten noch anderes Zeug.  Mein Drogenkonsum beschränkt sich auf ein Glas Wein dann und wann.  Auch ein kühles Bier nach dem Laufen ist mir nicht unangenehm.  Ich lebe in einer heterosexuellen Beziehung.  Herrn O’Reilly dürfte das weitgehend gefallen.  Ich wette, er mag mich trotzdem nicht.  ;-)

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