6. September 2009, von

Kultur mittendrin

 

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. (Karl Valentin)

Mit der Kultur ist das meist so:  Gibt’s keine, wird deswegen gemeckert.  Gibt’s dagegen ein Angebot, gehen nur wenige hin.  Um ein Kulturprogramm zu etablieren, um Sichtbarkeit in der Bevölkerung zu erreichen, ist meist ein langer Weg zu beschreiten.  Wenn im kleinen Heuchelheim (so um die 420 Einwohner) zu einer Lesung 180 Besucher erscheinen, dann muss vorher etwas passiert sein.  Einfach so klappt das nicht.

Was bewegt die Besucher, zu einer Kulturveranstaltung auf dem Lande so zahlreich zu erscheinen?  Werbung!  Als erstes denke ich da an Plakate.  In unseren Strassen lächeln mich junge Damen an, die tolle Sachen anbieten.  Momentan werben SPD, CDU und FDP im A1-Format mit knackigen Mittvierzigerinnen (naja, bei genauerem Hinsehen ist eine der Damen Herr Westerwelle, die andere der Drittplatzierte im mittelhessischen Hänschen-Rosenthal-Ähnlichkeits-Wettbewerb).  Spätestens nach der Wahl wird das vertrauenerheischende, ach so positive Lächeln aber wieder aus Strassenbild und Gesichtern verschwinden.

Plakatkultur in ReichelsheimDauerhafter sind da schon die Werbebotschaften mancher lokaler Veranstalter, die kulturelle Höhepunkte mit aufregenden Bezeichnungen wie «Seitensprung-Party» oder ähnlich anpreisen.  Die Damen auf diesen Plakaten sind weitaus jünger als Fr…, äh,  Herr Westerwelle.  Oft räkeln sie sich in nassen T-Shirts — umrahmt von diversen Rechtschreibfehlern.  Letztere fallen aber wegen Pisa und der ins Auge springenden Argumente jener jungen Damen kaum auf.  Nun, jede Gesellschaft schafft sich die Kultur, die sie verdient.

Was nicht zu finden ist im Reichelsheimer Strassenbild, das sind Hinweise auf die Lesungen.

Vermutlich ist Mundpropaganda die beste Werbung.  Dazu muss man aber in Vorleistung treten, etwas Gutes abliefern — und dann kommen beim nächsten Mal hoffentlich mehr Besucher.  Und tatsächlich:  Die Erfinderinnen der Lesungsreihe — die Frauengruppe «mittendrin» — haben mit ihrer privaten Initiative eine qualitativ ansprechende Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt.  Was unter dem verträumten Namen «RomanTisch» im Jahr 2008 mit etwas zögerlichem Besuch in der Reichelsheimer Kirche und einer nett gelesenen Erzählung von Mark Twain begann, zog immer mehr Publikum an.

090906_kultur_mittendrin01_320x220So versammelte sich später im Jahr bereits eine wesentlich grössere Gruppe Interessierter in der alten Hofreite der Marloffs um Gitta Seckel aus Bingenheim.  Sie trug sehr überzeugend einen Krimi aus dem Winzermilieu vor:  Verschmitzt, nachdenklich, immer mit einem kraftvollen Mienenspiel, so dass nicht nur die Ohren gefüttert wurden.  In der Pause wurde Wein verkostet — eine runde Veranstaltung.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das gestiegene Publikumsinteresse in diesem Jahr sicher zumindest teilweise erklären: Die Veranstalter haben ein prima Programm auf die Beine gestellt und in einer ansonsten kulturell eher armen Gegend wird das angenommen.  Es gibt aber noch mehr: Aufmerksamkeit in den Medien.

Die Reichelsheimer Initiative mittendrin war so gut und erfolgreich, dass sie Landessieger wurde im Wettbewerb «Ab in die Mitte!  Die Innenstadt-Offensive Hessen 2009» (weitere Preisträger aus der Wetterau: Friedberg und Wölfersheim).  Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgte bereits im Februar 2009, und schon hier war das Medieninteresse gross.

Jüngst wurde über einen Besuch der hessischen Bewertungskommission in Reichelsheim berichtet:  Ende August traf man sich, um das Programm des RomanTischs vorzustellen — und der hohe Besuch war begeistert (nachzulesen bei alexanderhitz.de).  Tolle, positive Nachrichten also für Reichelsheim.  Unverständlich nur, dass Bürgermeister Bischofsberger wegen einer «Terminkollision» nicht an diesem Treffen teilnahm.  Allzu oft dürfte sich jemand vom hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung nicht nach Reichelsheim aufmachen.

Dass trotzdem nicht jede Veranstaltung ein voller Erfolg ist, zeigte die oben erwähnte Lesung vor 180 Besuchern:  Die Tische ächzten unter einem mächtigen Buffet, es waren keine freien Plätze mehr auf den Bänken auszumachen (die nun ihrerseits ächzten nachdem die Speisen verdrückt waren).  Bis hierhin gab’s nur zufriedene Gesichter.  Die etwas steife Aufführung der Line Dancer teilte das Publikum dann bereits.

Als schliesslich die Lesung begann, war die Kälte dieses aussergewöhnlichen «Sommer»abends (minimale Nachttemperatur in Heuchelheim: 5° C)  wohl allen Beteiligten bereits in die Knochen gekrochen.  Das Publikum rückte zwar näher zusammen, doch die von Jochen Rudolph vorgetragene Geschichte erwärmte diesmal nicht so richtig.  Nach der Pause war folglich nur noch die Hälfte der Plätze besetzt und es war ein allgemeines Aufatmen über das Ende des Abends zu spüren.

Der Theaterkritiker aus meiner Kindheit hätte die Publikumsreaktion an diesem Abend als «freundlichen Beifall» bezeichnet.  Dieser war auch verdient, wenn man bedenkt, was die Damen von mittendrin bisher auf die Beide gestellt haben.  Da kann auch mal eine etwas schwächere Veranstaltung verkraftet werden und mein Eindruck ist:  Die Verantwortlichen haben die Schwächen dieses Abends erkannt.  Auch wenn die Politiker auf den Plakaten vermutlich eine ganz andere Meinung haben:  Letztlich kann man aus negativen Dingen viel mehr lernen als aus gefälligen Lobhudeleien, oder?

Am nächsten Freitag (11. September, 20 Uhr, Gärtnerei Hoffmann, Bingenheimer Straße 52, Reichelsheim) findet die nächste Lesung statt — und es gibt noch ein paar Karten.

-fj

 


siehe auch: Kultur aussenvor

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