20. September 2009, von

Bum budi bum (I)

Der Mensch …
ist schon eine seltsame Kreatur:  Er bezeichnet sich selbst zwar als vernunftbegabtes Wesen, macht aber trotzdem Dinge, die ihm nicht gut tun.  Ich meine dabei noch nicht mal solche Absurditäten, dass wir nicht wissen, wie und wohin wir unseren Atommüll entsorgen — und manche Eltern trotzdem Atomkraft befürworten (genau wissend, dass ihre Kinder und unzählige weitere Generationen mit einer giftigen Hinterlassenschaft belastet werden).

Billy Joel, 1978Nein, ich meine Menschen wie mich, die in ihrer Jugend gerne mal in ein Konzert gingen und abends beim Einschlafen so ein seltsames Fiepen im Kopf hatten. Nun, dass das nicht besonders gesund ist, war uns damals noch nicht klar — aber heute sollte jeder Pubertierende wissen, dass so eine volle Dröhnung für die Ohren mit bleibenden Hörschäden bezahlt werden kann.

War meine «Generation Beat» die erste, die meinte, dass Lautstärke in der Musik besondere Kräfte weckt?  Oder haben meine Eltern Lonny Kellners und Peter Frankenfelds fröhliches Liedchen «Mein Herz macht bum budi bum» Anfang der Sechziger vielleicht ebenso laut gehört wie die jungen Leute von heute Emilíana Torrinis nicht weniger einfältiges Stück «Jungle Drum»?

Nun, haben sie nicht, denn das scheiterte damals bereits an der nicht vorhandenen Verstärker-Anlage.  Es war natürlich leiser als heute!  In unserer Zeit aber ist es wohl kaum noch möglich, eine Musik- oder Tanzveranstaltung mit angemessener Beschallung durchzuführen.  Laut muss es sein, vor allem laut.

An dieser Stelle tritt unter Garantie ein freiheitsliebender Michel mit Marlboro im Mundwinkel, bleischwerem Gasfuss am Bein und Sofamusterabdruck am hängenden Hintern der Jogginghose auf den Plan.  Gesundheitsschäden oder Nachtruhe kümmern ihn nicht — statt dessen trägt er unterm Arm das abgewetzte Zitatebuch und beeindruckt mich mit der Aussage des Alten Fritz, dass schliesslich jeder nach seiner Façon glücklich werden soll.  Und natürlich fordert er Toleranz ein vom greinenden Schreiber dieses Blogs.  (Michel schreibt Toleranz übrigens mit zwei «l»).

Letzten Freitag
… fand in Bingenheim eine Zeltdisco statt.  Die Veranstalter hatten offenbar die Absicht, die halbe Wetterau von der Musik profitieren zu lassen.  Der von der besten Partnerin von allen und mir erhoffte gemütliche Abend bei leiser Musik (eigener Wahl) und einem Glas Rotwein bekam deshalb einen anderen Rhythmus als erhofft:  «Bum bum bum bum» — kein «budi».  Lonny und Peter hatten damals mehr drauf als die Sänger von heute.

So laut dröhnten die Bässe durch unsere Bleibe, dass ich eine Runde durch den Ort drehte, um die verursachende Quelle zu erforschen und die (sonst bestimmt sehr netten) Nachbarn über die unangemessene Lautstärke ihres Tuns zu informieren.  Sie ahnen es — mein kleiner Ausgang dauerte länger als gedacht:  Ich fand nichts!  Als ich am Rand unserer ruhigen Siedlung ankam, wehte der hämmernde Bass von weit her über das Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried.

Der freundliche Polizist in Friedberg wusste bereits von dem Problem, denn es hatten sich bei ihm schon diverse Bürger wegen des Lärms gemeldet.  Trotzdem dauerte es noch sehr lange, bis endlich Ruhe einkehrte:  Laut Auskunft der Polizei fehlt nach Abschaffung der hessischen Lärmschutzverordnung im Jahr 2005 die Grundlage für ein Eingreifen, falls die Gemeinde das Fest und die Lautstärke genehmigt hat (wovon seiner Meinung nach auszugehen war).

Wenn ich mir allerdings die Aussage des hessischen Innenministers Volker Bouffier aus dem Jahr 2005 ansehe, dann hätte die Polizei hier weitaus früher für Ruhe sorgen können, als erst um Mitternacht.  In Verbindung hiermit lese ich § 117 des Ordnungswidrigkeitengesetzes so, dass die Polizei durchaus hätte effektiv einschreiten können:

Ordnungswidrig handelt, wer ohne berechtigten Anlass oder in einem unzulässigen oder nach den Umständen vermeidbaren Ausmass Lärm erregt, der geeignet ist, die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft erheblich zu belästigen oder die Gesundheit eines anderen zu schädigen.

Erstmal sehe ich also keinen Grund, warum man diesen akustischen Terror bis Mitternacht ertragen musste, denn die Lärmentwicklung war zweifellos «nach den Umständen vermeidbar», sprich:  Man hätte den Verstärker einfach leiser stellen können.  Eine angedrohte Geldbusse (bis zu 5.000 Euro) hätte sicher auch in einem alkoholisierten Hirn eine Warnleuchte aufflackern lassen.

Am heutigen Sonntag
… kann ich nicht klären, ob die Gemeinde Echzell das Spektakel tatsächlich so genehmigt hat oder nicht.  Sollte sie dem infernalischen Krach wirklich zugestimmt haben, dann bleibt der Verdacht, dass den zuständigen Personen ihr Augen…, äh, Ohrenmass abhanden gekommen ist.  Ob so etwas dem Allgemeinwohl zuträglich ist, darf bezweifelt werden.

Interessiert bin ich allerdings schon, was da am Wochenende los war in Bingenheim.  Also fahre ich vorbei und spreche mit ein paar Anwohnern.  Ein älterer Herr beklagt sich nicht nur über den freitäglichen Lärm der Musik bis gegen Mitternacht, sondern auch über die mit quietschenden Reifen und lauter Bordmusik an- und abfahrenden Besucher.  Am Samstag sei es noch schlimmer gewesen, so seine Frau:  Eine Band spielte im selben Zelt bis um 2 Uhr morgens. «Vor drei fand ich keinen Schlaf», so die ältere Dame.

Andere «wohnen nach hinten raus» und finden Schlaf bei geschlossenem Fenster.  Na, geht doch — Hauptsache, die Zeltbesucher hatten ihren Spass.  Dieses Gequengele über ein verdorbenes Wochenende für die Anwohner der Gegend, das ist wirklich nicht tolerant!

So ähnlich wird es wohl auch der Veranstalter, der KSV Bingenheim empfinden.  Als ich dort am Sonntagnachmittag ein paar Eindrücke sammeln möchte, wird man misstrauisch:  Ein beleibter Herr nähert sich mir mit bedrohlicher Miene.  Ich spreche ihn auf den Lärm der letzten Nächte an, muss aber feststellen, dass wir zumindest heute nicht Freunde werden:  Er verweigert jede Stellungnahme in der Sache, seine Ansprache ist barsch und er verweist mich des Platzes.

Auf die Frage, wer er sei, stellt er sich als der 1. Vorsitzende des Sportvereins vor.  Seinen Namen möchte er mir nicht verraten, sein Mut endet wohl in den kräftigen Armen.  Ich verlasse den Platz — aber für seinen Geschmack nicht schnell genug.  Die kleine körperliche Attacke des namenlosen Herrn ist unerzogen, wirft mich aber nicht um.  Zwei junge Leute, die sich mit finsteren Blicken zu uns gesellen, lockern die Stimmung nicht gerade auf — und mein Herz macht bum budi bum budi bum budi …

«So jemanden haben wir hier gerade noch gebraucht», fährt mich der namenlose Herr an.  Ja, warum schickt er mich dann weg?, denke ich.  Die offensichtliche Hilflosigkeit dieses erwachsenen Menschen, die Bedrohungen und die körperliche Gewalt lassen mich vermuten, dass das Gewissen ob der beiden nächtlichen Ruhestörungen wohl nicht allzu rein ist.

Das Wissen
… um die nicht nur belästigenden, sondern sogar schädlichen Auswirkungen von Lärm ist noch nicht überall angekommen in unserer Gesellschaft.  Immer wieder höre ich im Zusammenhang mit nächtlicher Ruhestörung, dass man ja den Nachbarn Bescheid gesagt habe und eine Feier im Jahr ja wohl erträglich wäre.

Der Busfahrer, die Ärztin oder der Arbeiter mit Frühschicht soll sich nach dieser Ansicht einfach nicht so haben, wenn er oder sie morgens um fünf Uhr aufstehen muss, um zur Arbeit zu fahren.  Dass in der Nacht wegen des Lärms kein Auge zugemacht wurde — Pech!  Schliesslich wurde ja überall plakatiert, dass die Nacht ein akustisches Inferno werden würde.  Neben vielen Klagen über den Krach musste ich mir solche Meinungen allen Ernstes auch anhören.

Dass nach dem gerade genossenen unruhigen Wochenende ein paar Tage später eine Zeltdisco im Dorf nebenan stattfindet, dann das Bürgerfest im eigenen Ort folgt, ein Rockkonzert auf dem Acker nebenan veranstaltet wird und natürlich noch diverse Nachbarn ihre Sommerfeiern abhalten wollen, widerspricht dem Gedanken, dass so etwas ja wohl einmal im Jahr auszuhalten wäre.  Nein, liebe Feiernde, ist es nicht!  Und einen Rechtsanspruch auf eine erlaubte Ruhestörung im Jahr ist ebenfalls im Reich der Mythen anzusiedeln.

Feiert, liebe Mitmenschen, feiert wann ihr wollt!  Feiert von mir aus lange und intensiv — aber verschont den Rest der Welt vor eurem persönlichen Vergnügen!  Man muss kein Philosoph sein um festzustellen, dass die Freiheit dort aufhört, wo sie die der Anderen einschränkt.  Dieser Punkt ist in unserem Rechtssystem nicht diskutabel.

Ob ihr nun Lonny Kellner und Peter Frankenfeld (bum budi bum) auflegt oder Emilíana Torrini (rakatungtungrakatungonburubummbummbunn) ist mir egal.  Genau hier kann Toleranz greifen:  Hört was ihr wollt!  Toleranz einzufordern bei offensichtlichen Verstössen gegen den Lärmschutz und der Verseuchung ganzer Landstriche durch exzessiven Krach, das zeugt allerdings von völligem Unverständnis unserer rechtlichen Leitlinien und einem ungesunden Verhältnis zu einem gemeinschaftlichen Leben in einer aufgeklärten Welt.

Es ist tatsächlich noch ein weiter Weg, bis unsere Gesellschaft endlich lernen wird, welche Beeinträchtigung unseres Lebens von Lärm ausgeht.  Bis dahin empfehle ich die Lektüre dieser Zeilen von Wilhelm Raabe:

Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei.
Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück
und das echte Heldentum.
Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird.

Ob der Herr ohne Namen vom KSV Bingenheim aber so zarte Töne versteht?

-fj

Ein weiterer Artikel zum selben Thema ist hier zur finden.

8 Kommentare auf "Bum budi bum (I)"

  1. tiklat sagt:

    Und ich dachte, das wäre von unserer Nachbarstraße (wohne in Gettenau).
    Sehr interessanter Artikel.
    Herzliche Grüße

    Herrlich fande ich das Gedicht:
    Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei

  2. Patty sagt:

    Also ! Ich finde es wird langsam echt überttrieben!
    Einerseits heisst es die Vereine machen nichts mehr für die Jungen Leute!
    Dann wird mal etwas getan und dann sowas absolut unverständlich meinerseits!
    Zu dem punkt das am Freitag die Musik bis 24 Uhr viel zu laut gewesen sei und die Polizei nichts getan hat kann ich nur sagen das die Polizei schon 22 uhr30 im Zelt war und umgehend die Musik leiser gemacht wurde!
    Und dann noch was in Bingenheim ist jetzt seit keine ahnung ca. 3 Jahren mal wieder ein Discoabend gewesen und die Musik hört man auch nur wenn der Wind Bläst! Wir wohnen direkt in Echzell und wir haben nicht gehört! Ich höre eher Inheiden und mach auch net so ein zinober und ich habe ein kleines Kind zuhause!
    Wenn ihr der Jungend nicht dass anerkennt was ihr selber vor jahrzenhnten hattet Pech für Euch! Absolute IGNORANTEN!!!!

  3. Anwesende sagt:

    Frank J. ist ein Mensch der vieeeeeel Zeit hat…Dem sehr langweilig ist…. Wahrscheinlich auch etwas (SÜD) hat aber naja egal…

    Ich finde es eine riesen Frechheit so über dieses Event zu schreiben… Die Bockband ist eine super Truppe und ich fand es echt klasse, das in Bingenheim mal wieder was los ist!

    Über die Lautstärken von Events brauch man sich weiß Gott nicht zu streiten… Das ist halt nunmal so, einfach hinnehmen… Ohne Scheiß Frank J. -> Du warst doch auch mal Jung… Soll uns denn jeder Spaß genommen werden? So eine engstirnige Denkweise findet von meiner Seite definitiv keinerlei Unterstützung… Ich habe in meinem Leben auch schon vieles gehört und gesehen, aber solch eine Frechheit wie die des Frank J. ist mir selten zu Ohren gekommen!

    So mehr Zeit möchte ich damit jetzt auch nicht verschwenden! Wollte meinem Gewissen nur mal Luft schaffen, denn als ich die obigen Seiten las bin ich fast geplatzt…

    Ach und Frank J. Jetzt am Wochenende is Kerb in Bingengeim also Ohren spitzen :o)

    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    Die da träumen fort und fort,
    Und die Welt hebt an zu singen,
    Triffst du nur das Zauberwort.

    Joseph von Eichendorff

  4. Marco Klein sagt:

    Ich gehe jetzt einfach mal davon aus das der Verfasser dieses Artikels neben dem Bingenheimer Sportgeländes wohnt oder zumindest in der unmittelbaren Nähe ?
    Ansonsten fände ich diesen Artikel mehr als lächerlich tut mir Leid . Ich war auf beiden Veranstaltungen und weiss ehrlich gesagt nicht wo der infernalische alles zermürbende Risse in der Hauswand produzierende geschlechtsteile absterben lassende Krach her gekommen werden soll . Man kann , man kann wirklich , aber auch nur wirklich wenn man das unbedingt möchte in den Krümeln dieser Welt suchen und man wird immer einen Grund finden sich über irgendeinen Scheiss aufzuregen . Heute ist es der Discoabend vom Wochenende , morgen die spielenden Kinder auf der Strasse und übermorgen stört der Ameisenknochen vor der Garage ???

    Leute leute lasst mal die Kirche im Dorf und regt euch net immer über den kleinsten scheiss auf nur weil ihr mit dem falschen Fuss aufgestanden seid und den ganzen Tag eh nur nach Ärger sucht !!!

    Grüsse Marco Klein aus Bingenheim :)

  5. Veilchen sagt:

    Vorteil
    Der Vorteil eines Blogs ist, dass ich ihn nicht lesen muss, wenn ich den Inhalt nicht mag. Das geht ganz einfach: Ich schließe das Browserfenster, meine Augen oder navigiere zu anderen, mir gefälligen Webseiten.

    Nachteil
    Der Nachteil einer lautstarken Fete in der näheren und auch weiteren Umgebung ist, dass ich in meinen eigenen vier Wänden das Gewummere hören MUSS. Trotz geschlossener Fenster und eigener Geräuschkulissenwahl. Stundenlang. Ich kann mich dem nicht entziehen, auch nicht mit Kissen über dem Kopf.

    Westside-Story
    Ich wohne in Heuchelheim, westlich der Hauptstrasse und MUSSTE den „Spass“ am vorletzten Freitag in meiner Wohnung, trotz geschlossener Fenster und dicker Wände mitmachen. Das war nicht die Atmosphäre, wie ich sie gerne zur Entspannung nach einer 40-Stunden Woche habe. Ich bekam Kopfschmerzen und war sehr froh, dass zu meiner Schlafenszeit Ruhe war.

    Ruheschutz
    Dem Wort nach, wird der „Lärm geschützt“ – eben Lärmschutz. (Alle anderen Worte mit „Schutz“ am Ende, wie Kinderschutz, Naturschutz, Tierschutz, …, beschreiben im Wort davor das, was geschützt werden soll.) Verfechter des „Ruheschutz“ (also die, die es gerne ruhig mögen) werden schnell (s.o.) als Ignoranten und Langeweiler dargestellt. In einer „pro und kontra Lärm-für-Alle-Diskussion“ überzeugt mich das nicht als Argument für den Lärm.

  6. Frank J. sagt:

    Angeregt durch die Kommentare hier der zweite Teil zum Thema:

    Bum budi bum (II)

    -Frank

  7. Hr. Hans sagt:

    ich lebe in bingenheim und habe nichts davon mitbekommen, wann war das?

    Gruß Hans

  8. Frank J. sagt:

    @Hans:

    Bester Mann, bereits ein flüchtiger Blick in den Artikel kann die Frage beantworten.

    -Frank