25. Oktober 2009, von

Wetterauer Kartoffeln auf dem Balkan

Der Weg über den Bal­kan führt uns durch Rumä­nien und Bul­ga­rien. Sturm, Regen, Schnee und Eis sind unsere Beglei­ter, keine Spur des erhoff­ten mil­den Herbs­tes.  Wir neh­men uns trotz­dem Zeit — bei teils sehr löch­ri­gen Stras­sen ist das aller­dings sowieso eine gute Ent­schei­dung.  In Rumä­nien wird die Über­que­rung eines Kar­pa­ten-Pas­ses mit über 2000 m Höhe kri­tisch:  Bevor unser Fahr­zeug von der Strasse rutscht, wol­len wir ihm Schnee­ket­ten anle­gen.  Wir müs­sen raus — unsere für die Rück­reise mit­ge­nom­me­nen Win­ter­sa­chen wer­den aus dem Stau­raum geholt.

in den KarpatenDer Fah­rer des hin­ter uns auf Som­mer­rei­fen schlit­tern­den VW-Bus­ses kommt zur Hilfe, legt sich in den Schnee und die Ket­ten fach­män­nisch an.  Ich kann ihn in sei­ner Hilfs­be­reit­sc­frhaft kaum stop­pen.  Wir bie­ten an, sei­nen Klein­bus nach oben zu schlep­pen, aber er ent­schei­det sich, doch lie­ber umzu­keh­ren.

Oben auf dem Pass hat ein Restau­rant geöff­net.  Die Spei­sen­karte ist dünn, das Essen erin­nert an sozia­lis­ti­sche Schmal­kost — die Wärme des Kachel­ofens strahlt dafür behag­lich zu uns her­über.  Wir rich­ten uns auf eine Win­ter­nacht im Wohn­mo­bil ein, legen alle ver­füg­ba­ren Decken aufs Bett und las­sen die Gas­hei­zung an.  Der Sturm bläst sie irgend­wann in der Nacht aus — am Mor­gen sind gerade noch drei Grad Cel­sius im Innen­raum.  Das Früh­stück fällt wegen Kälte aus, die Mor­gen­wä­sche geht sehr viel schnel­ler als sonst.  Die Abfahrt bewäl­ti­gen wir sicher, doch ist die Strasse so über­sät mit Ril­len und Schlag­lö­chern, dass wir kaum einen Schnitt von 20 km/​h fah­ren kön­nen.

in den KarpatenDie Nacht auf dem Berg­pass war aller­dings eine Aus­nahme:  Meist über­nach­ten wir in klei­nen Dör­fern, die wir in der Däm­me­rung anfah­ren.  So sam­meln sich im bul­ga­ri­schen Ört­chen Velik­den­che die Frauen beim letz­ten Abend­licht neu­gie­rig um unser Fahr­zeug, nach­dem wir auf dem Dorf­platz hal­ten.  Autos sind hier sel­ten.

Ein Blick aus dem Fens­ter und die beste Part­ne­rin von allen bin­det sich noch schnell ein Tuch um den Kopf, bevor wir aus­stei­gen:  Das trägt man hier so.  Sie wird von den schnat­tern­den Frauen mehr in Beschlag genom­men als ich — aller­dings beschränkt sich das «Gespräch» mehr auf Deu­ten und einige bul­ga­ri­sche Wör­ter aus unse­rem Rei­se­füh­rer.

Ein Wohn­mo­bil hatte man hier noch nicht gese­hen und ist ver­wun­dert, dass wir darin schla­fen wol­len.  Eine etwas mür­risch drein­bli­ckende Frau wehrt ent­setzt ab, als wir ihr mit einem Blick ins Innere ein wenig Ver­trauen ver­mit­teln wol­len.  Die Dorf­frauen dis­ku­tie­ren und schliess­lich dür­fen wir blei­ben.  Dobre - gut.  Nun ent­brennt ein Rin­gen, vor wes­sen Haus wir par­ken sol­len.  Eine Frau tritt dabei beson­ders ener­gisch auf und sie ver­mit­telt mir den Ein­druck einer Kol­cho­sevor­sit­zen­den aus sozia­lis­ti­schen Zei­ten.  Sie ist es wohl gewohnt zu befeh­len.

Selime und MustafaIch folge lie­ber der Ein­la­dung eines ruhi­gen, älte­ren Man­nes.  Kaum haben wir den Motor abge­stellt, da wer­den wir von ihm schon ins Haus gebe­ten.  Eigent­lich woll­ten wir mit unse­ren Vor­rä­ten aus dem hei­mi­schen Gar­ten etwas Kochen, doch so blei­ben die Wet­ter­auer Zuc­chini, Kar­tof­feln und Zwie­beln in der Vor­rats­kiste.  Mus­tafa führt uns in den klei­nen Wohn­raum, kurze Zeit spä­ter erscheint Selime, seine Frau.  Schon draus­sen auf dem Platz war sie die freund­lichste — wir haben die rich­tige Wahl getrof­fen.  Sie lacht über beide Backen, ser­viert uns Brot, Käse, in Blät­ter gewi­ckel­ten Reis und Joghurt.  Für den Schnaps ist Mus­tafa zustän­dig.

Die Ver­stän­di­gung ist aller­dings schwie­rig.  Selime tele­fo­niert, sie erzählt etwas von «Ger­ma­nia» — und wid­met sich lächelnd wie­der den Socken, die sie strickt.  Minu­ten spä­ter erscheint Bekir, der Sohn.  Er arbei­tet jeweils vier Monate pro Jahr im Aus­land und spricht etwas hol­län­disch — so kön­nen wir uns ganz gut ver­stän­di­gen.  Ein Sprach­ge­misch aus nie­der­län­di­schen, deut­schen und bul­ga­ri­schen Bro­cken erfüllt den war­men Raum an die­sem Abend.  Der Ofen bol­lert, der Fern­se­her zeigt ein Auto­ren­nen, wird an die­sem Abend aber nicht beach­tet.  Fami­li­en­bil­der wer­den gezeigt, es wird viel gelacht und wir ler­nen etwas über­ein­an­der.  Beein­druckt von der auch hier über­wäl­ti­gen­den Gast­freund­schaft gehen wir schla­fen.

Blick auf Velikdenche in BulgarienAm nächs­ten Mor­gen bekom­men wir von Selime Tee und Brot ans Wohn­mo­bil gebracht, Lebens­mit­tel für die Reise und selbst­ge­strickte warme Socken für uns beide.  Selbst­ge­machte Klei­dung kön­nen wir nicht bie­ten, aber unsere Zuc­chini, Kar­tof­feln und Zwie­beln aus der Wet­terau ebenso wie selbst­ge­mach­tes Apfel­ge­lee wer­den von Selime mit Freude ange­nom­men.

Der Abschied fällt etwas schwer.  Ver­mut­lich wer­den wir diese wun­der­ba­ren Men­schen nie wie­der tref­fen.  Doch wir wol­len Bil­der schi­cken — und bestimmt kom­men die ins Foto­al­bum.  Beim nächs­ten Fami­li­en­tref­fen wird Selime dann auch etwas zei­gen kön­nen, wenn sie erzählt von den Bei­den aus Ger­ma­nia.

-fj

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8 Kommentare auf "Wetterauer Kartoffeln auf dem Balkan"

  1. Brita Bielke sagt:

    Hallo Frank, hallo Anke,

    gerade hat mich Mar­tin auf Euren neuen Bericht auf­merk­sam gemacht. Ich glaube, ich werde das jetzt regel­mä­ßig lesen, weil: humor­voll, empha­tisch und infor­ma­tiv.

    Viele liebe Grüße aus der Wet­terau
    Brita und Mar­tin

  2. Rosemarie Tänzer sagt:

    Hallo. Ihr bei­den Wel­ten­bumm­ler,

    ganz herz­li­chen Dank für Euren sehr auf­schluß­rei­chen Bericht über Eure Über­que­rung des Bal­kans. Ich wün­sche Euch wei­ter­hin eine gute Fahrt ohne grö­ßere Zwi­schen­fälle und hoffe auf wei­tere Nach­rich­ten.

    Freund­li­che Grüße
    Rose­ma­rie Tän­zer, Heu­chel­heim, Haupstr. 12

  3. Hallo Anke, hallo Frank,

    eine Geschichte, wie ich sie nur zu gut aus einem ande­ren Land kenne. Und das erlebt man wirk­lich nur weit abseits von Tou­ris­mus und kom­mer­zi­el­len Urlaubs­an­ge­bo­ten.

    Gute Reise wei­ter­hin!

    Gruss
    Alex­an­der

  4. Andreas Möschl sagt:

    Hallo ihr 2 - echt toll, an eurer Reise teil­neh­men zu dür­fen ! - Hal­tet euch tap­fer und viel Spass wei­ter­hin !!

    Andreas

  5. Andreas Möschl sagt:

    guckt mal ins Forum und zu den Bil­dern - ist auch schön …

    http://www.wer-kennt-wen.de/club/cgu1qu9y

  6. Laila & Karsten sagt:

    Dear Anke and Frank
    Thank you for some com­for­ta­ble hours in the snow i Ruma­nia. Good to see that You get down well. On our way down we meet some people from a tv-sta­tion in Ruma­nia, the would like to have an inter­viewe about what we think about the area, so there I stud tal­king about have beau­ti­ful the land­s­cape was, wheel my legs was shaking of fear.
    We had some nice days in our lit­tel vil­lage.
    Now we are back in Den­mark and back to work.
    Have a nice trip and take care.
    Kind regards
    Laila & Kars­ten

  7. Tom Wettig sagt:

    Hallo Anke und Frank !
    Wie Andreas schon schreibt. Klasse, dass ihr das Tage­buch pflegt. Viel Spaß wei­ter­hin und immer eine hand­voll Asphalt unter den Rei­fen…
    Grüße von der Heu­chel­hei­mer Feu­er­wehr
    Tom

  8. R. Fischer sagt:

    Halli hallo,
    statt wüs­ter Wüs­ten­ge­schich­ten nun also eine warm­her­zig-sym­pa­thi­sche Anek­dote aus dem eisi­gen Velik­den­che (bei uns ja auch als ‚Frau­en­list‘ bzw. ‚Män­ner­treu‘ bekannt ;-)).
    Da wohl kein Satel­li­ten-Inter­net an Bord ist, will ich Euer Schwei­gen mal als ver­hei­ßungs­vol­les Zei­chen für inten­sive Erleb­nisse neh­men, die alles andere ver­ges­sen machen… Das ver­pflich­tet dann spä­ter aber unbe­dingt zur aus­führ­li­chen Bericht­erstat­tung! :-)
    Mit etwas nei­di­schen Grüs­sen: Gute Reise!

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