2. Dezember 2009, von

Brotzeit

Türkei, Ostanatolien, Lebensmittelgeschäft:  Ich stehe mit meinem daumendicken Wörterbuch vor dem Käseregal und versuche herauszufinden, was es dort im Angebot gibt.  Die Angestellten schauen mich verwundert an, als ich bei der Lektüre eines Etiketts plötzlich laut auflache:  Mein kleiner Übersetzer meint, das sei ein Käse im Dudelsack.  Ob das wohl so stimmt?

Manchmal ist es schwierig, für die Mittagspause einen ruhigen Platz zu finden.  Da wir nicht gerne am Strassenrand stehen, wo der Verkehr an uns vorbeidonnert, stellen wir uns dann gerne in kleine, etwas abseits gelegene Orte.  Wir steigen dann erst einmal aus, damit wir für die Dorfbewohner sichtbar und kein bedrohliches Geheimnis sind.  Nach diesem Erstkontakt wird unser fahrbares Privathotel ausgiebig begutachtet.  Meist erscheint kurz darauf eine freundliche Person mit Fladenbrot für uns.  Eines Tages, wir hatten uns bereits mit Brot eingedeckt, passiert es uns sogar zweimal: mittags und abends.  Damit wir nichts wegwerfen müssen, dominiert seit Anatolien Fladenbrot unseren Speisenplan.  Der Schokoholiker an meiner Seite opfert sich auf und isst es schon am Morgen mit einem kerngesunden Schoko-Haselnuss-Brotaufstrich.

Khoy ist die erste Stadt, die wir im Iran besuchen.  Neugierig schaue ich in die Fenster der Geschäfte, ebenso neugierig wird zurückgeschaut:  Westliche Touristen finden selten in diese düster anmutende Stadt.  Ein Bäcker bittet uns in seine Backstube, die gleichzeitig auch als Laden dient.  Wir werden auf zwei Stühle gedrückt und bekommen backofenwarmes Brot sowie zwei Gläser Tee.  Das Backwerk ist ähnlich dem Fladenbrot, das ich aus den türkischen Läden bei uns in Deutschland kenne.  Nur so frisch habe ich es noch nie gegessen!  Da kann ich auch darüber hinwegsehen, dass einer der Bäcker das Brot in Form bringt und dabei eine Zigarette im Mund hat.

Im Iran finden wir viele Mini-Restaurants, die Kebab-Spiesse anbieten.  Der Gast kann dort aus verschiedenen Fleischsorten auswählen.  Die werden dann gegrillt und mit dünnem, auf Kieselsteinen gebackenem Fladenbrot oder Reis serviert.  Solche Spiesse hatte ich schon einmal in Khoy getestet und war recht angetan.  In Tabriz bin ich noch mutiger und entscheide mich nicht für gehacktes Fleisch, sondern wähle etwas, von dem ich nur verstehe, dass es irgendwelche Innereien sind.  Ich koste:  Es handelt sich um sehr zähe Stückchen.  Nach intensiver Unterhaltung mit einem der Mitarbeiter verstehe ich dann, woran ich mich versucht habe: Lammdarm.  Meine iranische Lieblingsspeise wird das nicht.

In Tabriz stocken wir unseren Schokoladenvorrat auf.  Wir erstehen eine Packung, die auch als saisonunabhängiges Mitbringsel hervorragend geeignet ist:  In der Schachtel finden sich Schnee- und Weihnachtsmann, Osterhase, Blumen sowie andere Motive aus Schokolade.  Diese Packung wird allerdings kein Gastgeschenk sein, sondern den Gaumen, die Seele und das Herz meines Partners erfreuen.

Als Ausgleich zur fleischlastigen Ernährung essen wir mittags hin und wieder Obst und Nüsse.  Obst in Portionen zu kaufen, die zu einem zwei Personenhaushalt passen, gestaltet sich dabei im Iran nicht ganz einfach.  Einem kleinen Schnupfen möchte ich mit einigen Gläsern heißen Zitronensaft trotzen.  Meine Zeichensprache (ich zeige vier Finger und deute dann auf eine der gewünschten Früchte) wird nicht verstanden.  Der Verkäufer will vier Kilo einpacken.  Nach einigem hin und her bekomme ich ein halbes Kilo von den Zitrusfrüchten.  Die sind, so wie es sich später herausstellt, eine Art süße Zitrone und gar nicht so geeignet für das, was ich vorhabe.  Ich kaufe dann auch noch jeweils ein Kilo Bananen und Mandarinen.

Am Orumiyeh-See bekomme ich eine sehr große Menge saftiger Datteln und in Tabriz einen Granatapfel geschenkt.  Mit all dem wird die Erkältung wird erfolgreich bekämpft.

Am Kaspischen Meer gesellen sich noch Kiwis dazu.  Sie werden dort in Massen angebaut und ich kann zusehen, wie sie gepflückt werden.  Von einem Kiwibauern werden wir sogar zum Tee eingeladen.  Es werden dazu reife Kakis und andere Früchte (Fajika), die ich nicht kenne, gereicht.

Die iranische Gastfreundschaft und das Interesse an uns sind sagenhaft.  Kaum in Esfahan angekommen und aus dem Wohnmobil gestiegen, spricht uns ein älterer Herr auf Englisch an.  Nach einer Unterhaltung lädt er uns für den Abend zu sich ein.  Wir prüfen, ob es sich nicht um «Tarouf» handelt, also ein typisch iranisches Angebot, das nur aus Höflichkeit ausgesprochen wird, aber nicht ernst gemeint ist.  Diese Einladung ist allerdings eindeutig herzlich.  Abends treffen wir uns pünktlich, fahren ein Stückchen mit dem Bus und sind recht bald da.  Seine Frau begrüßt uns überaus freundlich und bietet Eiskreme und Früchte an.  Dem Schokoholiker und auch Eiscreme-Fan an meiner Seite ist das sehr recht.  Ich allerdings hoffe insgeheim auf die laut Reiselektüre wohlschmeckende iranische Hausmannskost.  Irgendwann schlägt der Hausherr vor, Pizza zu bestellen!  Da macht es sich doch bemerkbar, dass er in den 70ern länger in der USA lebte.  So sitzen wir bald zu Tisch vor Pappkartons und Dosengetränken und essen eine iranische Pizza.  Mit meiner Idee einer Pizza hat sie nicht viel zu tun, außer das sie ebenfalls rund ist, aber sie schmeckt mir gut.  Der Abend ist ohnehin ausgesprochen nett und wir hören und lernen viel über das Land und seine Leute.

Reisenden in Esfahan empfehle ich, die dortige Spezialität «Berjan» zu probieren.  Es werden zweierlei Fleisch auf einem dünnen Fladenbrot mit den obligatorischen gegrillten Tomaten, rohen Zwiebeln und einer Schale mit verschiedenen Kräutern serviert.  Bei dem Fleisch handelt es sich um Hack und Leber, beides gebraten. Brot, Fleisch und Kräuter mit Joghurt genossen sind ausgesprochen schmackhaft!

Bandar Abbas, unsere letzte Station im Iran, liegt am Meer.  Uns gelüstet es nach Meeresgetier.  Ein Fischrestaurant finden wir nicht.  Im Wohnmobil können wir kochen — also gehen wir zum Fischmarkt, um Frischfisch zu kaufen.  Es ist allerdings schon früher Abend — der eigentliche Fischmarkt in einer Halle hat geschlossen.  Um die Fischmarkthalle herum bieten einige Händler jedoch Fisch und Garnelen an.  Der Boden ist vom Regen aufgeweicht und glitschig, Fischabfälle und sonstiger Müll liegen herum.  Katzen schleichen durchs Dunkel.  Es riecht — hmm, intensiv.  Verschiedenste Menschen sind dort im Halbdunkel zu sehen:  Frauen mit Schador (schwarzer Umhang), mit Burka (Gesichtsmaske), in bunten Tüchern, Männer mit Turban — und zwei westliche Touristen.

An einem fahrbaren Stand finden wir große Garnelen.  Die Ware liegt auf Eis, also gehen wir das kleine Risiko ein und kaufen welche.  Es wird uns noch angeboten, für ein geringes Entgelt das Krustengetier zu putzen und auch dieses Angebot nehmen wir an.  Dazu hocken sich eine Frau und ein Mann auf den matschigen Boden und schälen die Krabben.  Die geputzten Tiere werden in einen Beutel gefüllt, ebenfalls auf dem Boden.

Wir stehen für die Nacht direkt am Persischen Golf. Im Wohnmobil bereite ich die Garnelen mit Knoblauch in der Pfanne zu.  Dazu gibt es natürlich Fladenbrot.  Wir essen gemeinsam mit Bärbel und Bernd, einem deutschen Ehepaar, das wir zufällig ein paar Stunden vorher getroffen haben.

Bis spät in die Nacht hinein ist es warm, wir sitzen am Meer und erzählen uns unsere Reisegeschichten:  Zum Beispiel die vom Bäcker in Yazd, der mich beim zweiten Besuch wiedererkannte.  Ich bestellte aber nicht nur ein Brot wie am Vortag, sondern diesmal gleich acht.

Für Einheimische ist diese Menge gar nicht ungewöhnlich.  Mich fragt der Verkäufer jedoch mehrmals, ob ich das auch wirklich so meine.  Eine West-Touristin, die so viel Brot kauft, kommt dort vermutlich selten in die Bäckerei.  Vielleicht überlegt er nun, ob die Almani nicht nur wegen der persischen Teppiche, sondern auch wegen des köstlichen Brots in den Iran reisen?

-af

Eine Übersicht über alle Arabia-Artikel ist hier zu finden:

6 Kommentare auf "Brotzeit"

  1. Hallo Anke, hallo Frank,

    schön, dass es euch gut geht. Ich verfolge Eure Reise interessiert auf der Karte!
    Gute Reise weiterhin!

    Gruss
    Alexander

  2. Gommel sagt:

    Hallo Anke, hallo Frank,

    nach etwa zweimonatiger Reise seid ihr nunmehr auf der arabischen Halbinsel angekommen.
    Wie waren die Fährfahrt über die Strasse von Hormus, die visagen Einfuhrmodalitäten in die V.A.E. und aus welcher Entfernung konntet ihr bereits den Burj Dubai ausmachen?

    Alles Gute
    Gommel

    PS Keinesfalls heute Abend ungeputzte Schuhe vor die Haustür stellen.
    PPS Niemals nach morgiger Weiterfahrt den seine Schuhe suchenden Partner mit den Worten „stehen draussen!“ ansprechen.

  3. Frank J. sagt:

    Hallo Alexander,

    ja, uns geht es gut — und das nicht nur wegen der 25 Grad am Meer. Schoen zu wissen, dass daheim jemand mitliest. Eine schoene Weihnachtszeit Dir und Deiner Frau!

    -Frank

  4. Frank J. sagt:

    Na, „Gommel“, danke fuer die Tipps! Hier in den Emiraten wird zwar auch „auf Weihnachten“ gemacht (Kitsch as Kitsch can), aber den Nikolaus haben wir verpasst. Geputzte Schuhe haette ich sowieso nicht gehabt — und die hier von mir bevorzugten Wandersandalen (ohne Socken) haetten auch kaum etwas gefasst.

    Die Faehrfahrt in einem alten Kasten war eine Kombination aus iranischer Unfaehigkeit, irgendetwas sinnvoll oder puenktlich zu organisieren und der Gedankenlosigkeit der Araber, dass da noch ein paar Leute mit Auto im Hafen stehen, die einreisen moechten. Es ging immerhin schneller als die 19 Stunden Einreise in den Iran, nach fuenf Stunden waren wir durch alle Formaliaeten in den UAE.

    Dabei ist es uns noch besser ergangen als zwei anderen Reisenden, die tatsaechlich zwei Naechte in ihrem Wohnmobil im Hafen von Sharjah schlafen mussten. Die Geschichte ist aber zu lang fuer eine Internet-Cafe-Sitzung.

    Der Burj Dubai ist obenrum so schlank, dass er kaum aus groesserer Entfernung gesehen werden kann. Irgendwann stand er da: Als wir am Strand in Dubai ankamen, lugte er verschaemt ueber die anderen Haeuser. Aber fertig/eroeffnet ist er immer noch nicht — die Krise in Dubai hat wohl auch hier fuer eine Verzoegerung gesorgt.

    Alles Gute in den Norden von

    -Frank

  5. Günther sagt:

    Hallo Ihr beiden,

    es ist Heiligabend, ich sitze hier bei der Arbeit auf Spätschicht und lese nebenbei Eure Reiseberichte. Da bekomme ich wieder Sehnsucht …

    Unser WoMo „Elvira“ muß leider noch bis zum 28.02. schlafen. Ich finde Eure Tour klasse, man muß ja nicht immer die klassischen Routen fahren. Ihr zeigt, dass auch sogenannte „kritische Länder“ befahrbar sind, wenn man sich anpasst, normal benimmt und auch das Gastgeberland ernst nimmt und an den Menschen Interesse zeigt. Uns ist das auf dem Balkan so ergangen. Mal sehen, wie Eure weitere Berichte sind. Macht Ihr nachher eine CD fertig oder ähnliches?

    Frohes Fest Euch dort unten und einen guten Übergang nach 2010.

    Günther

  6. Frank J. sagt:

    Hallo Guenter,

    vielen Dank fuer den netten Kommentar. Ich werde ab Herbst mit einer Multimedia-Schau ueber die Reise unterwegs sein — Inschallah. Vielleicht wird auch noch mehr daraus. Bis dahin wird es hier immer mal wieder einen kleinen Artikel zu lesen geben und ein paar Bilder zu sehen.

    -Frank

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