17. Dezember 2009, von

Durch den Iran

«Seid ihr verrückt?  Durch den Iran wollt ihr fahren?»  So lauteten die meisten Reaktionen daheim, als wir von unseren Plänen erzählten:  Der Weg zur Arabischen Halbinsel sollte uns für zwei Wochen durch das ehemalige Persien führen.

Gerade ein halbes Jahr ist es her, dass die Wahlen im Iran für Unruhen auf den Strassen sorgten.  Präsident Ahmadinejad hatte es irgendwie geschafft, eine Mehrheit an Stimmzetteln zu bekommen.  Bilder aus Teheran zeigten, dass gegen Demonstranten mit Gewalt vorgegangen wurde.  Die westlichen Medien vermitteln nicht erst seitdem das Bild eines ein unsicheren Landes.  George Bushs Legende von der «Achse des Bösen» hat auch in unseren Acht-Uhr-Nachrichten Wirkung hinterlassen.

Nun, um es vorweg zu nehmen:  Für «Normalreisende» wie uns ist der Iran sicher.  Ist man im Land unterwegs, sind die besorgten Ratschläge aus Deutschland nicht nachvollziehbar.  An der politisch dubiosen Situation des Landes ändert das allerdings nichts.  Nach überwiegender Meinung der Iraner, die wir auf unserer Reise getroffen haben, ist der Präsident ein Betrüger.  Viele Iraner sind gefrustet von der politischen Situation — aber unsicher ist das Land für Reisende deshalb nicht.

Kiwipflückerin am Kaspischen Meer

Stimmungsfetzen:  Der düstere Bazar mit wunderschönen, geziegelten Wänden und Kuppeln im konservativen Städtchen Khoy kurz nach der türkischen Grenze.  Die kitschige Buntheit im Vergnügungspark El Goli in Tabriz.  Die Dörfer am Kaspischen Meer mit Kiwiplantagen und Reisfeldern.  Das herausgeputzte, touristische Esfahan.  Die mystische Stadt Yazd in der Wüste im Osten des Landes.  Das schmutzige Hafennest Bandar Abbas an der Strasse von Hormuz — das sind nur ein paar der Orte, die uns länger festhalten, als wir es geplant hatten.  Beeindruckt bleiben wir statt zwei Wochen vier.  Dann sind unsere Visa abgelaufen.

Überall im Land sind die Iraner sehr neugierig auf die beiden grossen Westeuropäer, die mit ihrem — für iranische Verhältnisse — ungewöhnlichen Auto überall auffallen.  So kommen wir an jeder Strassenecke, auf jedem Platz ins Gespräch.  Manchmal werden wir nach Hause eingeladen, oft wird uns bei der Suche nach dem richtigen Weg geholfen.  Fast alle haben stolz ihre zwei Sätze Englisch parat:  «How do you do?» und «How do you like Iran?».

Grosse Frau — kleine Frauen

Wir versuchen, politische und religiöse Themen zu vermeiden, doch das gelingt kaum.  Immer wieder werden wir diesbezüglich angesprochen — nicht immer ist der Hintergrund für uns angenehm:  Viele Iraner sind stolz auf die angeblich gemeinsamen Wurzeln mit uns Deutschen.  Man bemüht die Abstammung von den Ariern — und das muss als verbindendes Element zwischen unseren Völkern herhalten.  Wenn sich meine grosse, blonde Frau mit den kleinen, schwarzhaarigen Iranerinnen unterhält, wirkt eine Gemeinsamkeit der Gene eher konstruiert.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist Adolf Hitler — nicht häufig zwar, aber der durchaus vorhandene Mangel an geschichtlicher Bildung und politischer Sensibilität ist erwähnenswert:  Den eigenen Präsidenten eben noch beschimpfend, geht einigen Iranern der Name des deutschen Diktators ohne Hemmungen und mit naiver Anerkennung über die Lippen.  Dass sie mit diesem Thema bei aufgeklärten Westeuropäern in politische und menschliche Fettnäpfe treten, ist vielen wohl nicht bewusst.

Aber natürlich treffen wir auch Iraner, die andere Länder bereist haben und deren Weltverständnis nicht engstirnig national oder gar rassistisch geprägt ist.  Es sind wunderbare Erfahrungen, wenn wir dann doch stundenlang über Politik, Religion und deren Auswirkungen auf den iranischen Alltag diskutieren können.  Der Meinungsaustausch ist offen, doch werde ich immer wieder gebeten, keine Personenfotos oder gar Namen zu veröffentlichen.  Für Iraner, die dem Regime gegenüber negativ eingestellt sind, könnte das mit Repressalien verbunden sein.

So erfahren wir — auch in vielen zufälligen Unterhaltungen auf der Strasse (natürlich auch hier in relativ «mithörsicherem» Englisch) — von den Nöten, Ängsten und Wünschen der Bevölkerung.  Eines wird dabei klar:  Die meisten unserer Gesprächspartner wollen das Land verlassen, denn Hoffnung auf eine Änderung der politischen Situation gibt es kaum.  Und sie wird immer geringer, je mehr gebildete Menschen endgültig ausreisen.

In der Altstadt von Yazd

Viele ältere Iraner waren bei der Revolution von 1979 mit Begeisterung dabei, als der korrupte und verschwenderische Schah abgesetzt wurde.  Die meisten sehen nicht erst heute, dass sich ihre Hoffnungen kaum ansatzweise erfüllt haben.  Ein diktatorisches System wurde durch das nächste abgelöst.  Um etwas zu ändern, fehlt aber eine einigende Kraft.  Es mangelt an Organisationstalent und Disziplin, um eine weitere Revolution zu versuchen — und es regiert Angst:  Der jahrelange Krieg mit dem Irak hat Hunderttausende das Leben gekostet, und er hat die Menschen vorsichtig gemacht.  Immer wieder werden die möglichen blutigen Folgen einer erneuten Revolution erwähnt.  Resignation macht sich nach der Wahl vom Juni 2009 breit.

Trotzdem haben sich die Menschen eine überwältigende Freundlichkeit bewahrt — solange sie kein Fahrzeug führen.  Hinter dem Steuer wandelt sich der Durchschnittsiraner:  Der eigene Vorteil, die Chance auf ein paar Zentimeter Raumgewinn lassen ihn zum rücksichtslosen Rambo mutieren.  Andere Verkehrsteilnehmer sind lediglich lästige Konkurrenten.  Nicht zufällig hat der Iran seit einigen Jahren die weltweit höchste Todesrate auf seinen Strassen zu verzeichnen.  Wir hatten nicht den Eindruck, dass man auf diesen Spitzenplatz verzichten möchte.

Auf dem Imam-Platz in Esfahan

Grundsätzlich aber — ohne seine motorisierte Droge — ist der Iraner ein bemerkenswert liebenswerter, hilfsbereiter Mensch.  In Esfahan treffen wir Reza, einen aufgeweckten Schüler, der uns ein wenig von seiner Stadt zeigen möchte.  Er kann allerdings unser Interesse am ursprünglichen Teil des Bazars nicht verstehen:  Wenn dort ein alter Händler mit beeindruckender Ruhe die grossen Zuckerhüte für den Verkauf zerkleinert, dann ist das Reza peinlich.  Dass sich in den engen, lärmenden Gängen Fussgänger, Handwagen und die hier nicht erlaubten Motorräder verknäulen, ist ihm sichtlich unangenehm.

Unsere lokale Begleitung begeht diesen alten Teil des Bazars tatsächlich zum ersten Mal.  Immer wieder steuert er mit uns in die Richtung der für Touristen polierten Läden, vor denen die oft allzu freundlichen Haie auf touristische Beute warten.  Nein, wir benötigen keinen Teppich.  Falls Reza irgendwann einmal ein Visum für Deutschland erhält, werden wir ihm mit Vergnügen unsere Welt zeigen.  Was wird ihm dann wohl besser gefallen:  Die Skyline-Fassade des modernen Frankfurt oder die ländliche Beschaulichkeit eines ruhigen Tages in der dörflichen Wetterau?

-fj

Fotos zum Thema Iran finden Sie hier: Iranische Impressionen

Eine Übersicht über alle Arabia-Artikel ist hier zu finden:

6 Kommentare auf "Durch den Iran"

  1. Laila & Karsten sagt:

    Dear Anke & Frank

    We wish you a merry christmas and a happy new year.
    We hope that you are doing fine, and that the weather is better thant it is in Denmark and a lot of Europe, here is a lot of snow.

    All the best wishes
    Laila and Karsten

  2. hani sagt:

    hi , your pictures are amazing and you are the best photographer in the world but we want more pic from iran and also esfahan ! thank you… hani

  3. hani sagt:

    i hope we see you again in iran

  4. Frank J. sagt:

    Hi Hani,

    thank you for your kind comment. That’s the Hani I know — always extreme. :-)

    Let’s agree on this: I might be not too bad as a photographer — for sure not the best, ok? I hope you make progress with your photography.

    For more pictures: Did you see the Iranian Impressions?

    All the best to you, your family and the beautiful city of Esfahan from

    -Frank

  5. ja,genau so ist es-schoener bericht-sollten viele lesen-und vorallem sollten viele das land sehen und die menschen im iran kennenlernen.
    nicht die politik ist es,was ein land und deren bewohner auszeichnet!
    khosh amadid, e. k

  6. christoph sagt:

    ihr habt ne schöbne informative seite gebaut. macht lust auf ne tour durch den iran!

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