25. Januar 2010, von

Dubai — Kulturschock

Als der Journalist und Arabienexperte Peter Scholl-Latour kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit Leichenbittermiene das Ende der Spaßgesellschaft verkündete, da hatte er mindestens die Menschen einer Region falsch eingeschätzt: Dubai.  In den letzten Jahren konnte ich bei keinem meiner Besuche in diesem Emirat eine Abkehr vom Drang nach Vergnügen erkennen.  Der jetzige Aufenthalt bestätigte das erneut.  Doch der Reihe nach …

Nach den überaus warmherzigen, aber oft ärmlichen Erfahrungen im Iran kommen wir übernächtigt in den Vereinigten Arabischen Emiraten an.  Eine chaotisch organisierte Schiffspassage bringt uns vom iranischen Bandar Abbas in das Emirat Sharjah, ein wenig nördlich von Dubai.  Nach endlosen Prozeduren im Hafen können wir schliesslich den Zoll passieren — und die Glitzerwelt der Westküste der Arabischen Halbinsel erschlägt uns mit Wolkenkratzern, Konsumtempeln, Luxusherbergen und Stadtautobahnen. Es ist herrlich, an weissen Stränden entlangzufahren, die Sauberkeit zu sehen und einen halbwegs geordneten Verkehr.  Statt uralter schmuddeliger Rostlauben wie im Iran sind hier riesige SUVs und teure Sportwagen unterwegs — alle frisch gewaschen und poliert.  Auf den ersten Blick wirkt es wie das Paradies.

Traut man sich jedoch, einen zweiten Blick zu werfen, dann ist die Realität weniger schillernd:  Kaum ein Emirati geht einer sichtbaren Arbeit nach.  Anpacken, das ist alleine Sache der Gastarbeiter, die teils in ärmlichen Verhältnissen leben.  Männer aus Indien, Pakistan oder Sri Lanka sind es, die das Land durch manuelle Arbeit am Laufen halten.  Kein Müll würde weggeräumt, kein Haus gebaut, kein Kramladen um die Ecke betrieben, wenn nicht diese guten (und billigen) Geister Hand anlegten. Vorurteile nehmen da schnell ihren Platz ein:  Sind die Araber der Emirate tatsächlich arrogant, verwöhnt, reich und arbeitsscheu?  Wir wollen das nicht vorschnell beantworten — und können es auch nicht, denn die Emirati sind meist unnahbar.  Also fragen wir herum:  Deutsche, Australier, Briten — ebenfalls Gastarbeiter in den Emiraten — haben geteilte Meinungen über ihre Gast- und Arbeitgeber. Von einer Führungskraft aus Deutschland hören wir deutliche Worte:  Die Emirati bekämen nichts auf die Reihe, ihre Projekte verzögerten sich endlos.  Und es fällt tatsächlich der Begriff «arrogant».  Ein paar Briten teilen diese Ansicht, eine Australierin hat dagegen sehr gerne mit den einheimischen Arabern zusammengearbeitet.

Uns gelingt es nur selten, mit den Emirati in Kontakt zu treten — aber nicht etwa, weil sie heute weniger als 20 Prozent der Einwohner ausmachen.  Man ist zwar enorm neugierig, was da für ein seltsames Gefährt aus Europa am Strand steht und fährt gerne — nach unserem Geschmack etwas zu dicht — an uns vorbei, andererseits will man aber von sich selbst nichts preisgeben.  Nicht einmal einen Blick:  Die Autoscheiben der SUVs sind häufig extrem dunkel getönt.  Wenn dann doch einmal eine persönliche Begegnung klappt, ist sie in der Regel extrem oberflächlich. Eines können wir jedoch schnell lernen:  Araber fahren zu jeder Tages- und Nachtzeit gerne am Strand auf und ab, manchmal tönt dabei laute arabische Musik aus dem Wageninneren.  Morgens um halb vier reicht bei uns der Wunsch nach Lokalkolorit nicht aus, um das zu schätzen.

Die meisten städtischen Attraktionen der Emirate liegen in Dubai.  Der Blick auf die neueste Errungenschaft der Scheichs — der Burj Khalifa wurde vor ein paar Tagen mit viel Pomp eröffnet — ist allerdings eher nüchtern:  Das derzeit höchste Gebäude der Erde ist ein stufiger Glasbau mit runden Formen — und architektonisch nichts Besonderes.  Da bieten einige kleinere Gebäude im neo-orientalischen Stil schon mehr Hingucker — kratzen aber eben weniger an den Wolken. Historisches hat die Stadt Dubai nur sehr beschränkt zu bieten — kein Wunder:  Die Stadt ist noch jung.  Der wenige ältere Charme, den man mühsam entdecken kann, weicht oft einer banalen Verwestlichung.  Zwar kann man sich auch heute noch immer für fast kein Geld in alten, rauhen Holzschaluppen, den Abra, über den Creek setzen lassen und die Dieselmotoren tuckern genauso laut wie vor Jahren — doch es gibt bereits Drehkreuze an den Zugängen der Stege.  Man versucht, so etwas wie einen Fahrplan zu etablieren und verkauft Mehrfach-Fahrkarten wie in der Metro von Paris — als ob die dreiminütige Fahrt in den letzten Jahrzehnten nicht mit weit einfacherer Organisation geklappt hötte.

Die ausrangierten Autositze, auf denen es sich die Kapitäne der alten Boote früher während der Fahrt lümmelbequem machten, sind dagegen nicht mehr zu finden.  So entzaubert man in Dubai die letzten Reste einer liebenswert ungeordneten Kultur. Das Spassbedürfnis der Einheimischen ist hiervon kaum betroffen, denn nur wenige Emirati benutzen diese kleinen Boote.  Viel lieber fährt man in schicken Yachten den Dubai Creek auf und ab und lässt sich bewundern — oder erheischt die Aufmerksamkeit des Publikums durch endlose Spritztouren mit lärmenden Jet Skis auf dem Wasser.  Gross, laut, schick und westlich — das sind die Attribute, die in Dubai und den angrenzenden Luxusemiraten zählen. Nach den Wochen im Iran sind die Emirate für uns ein Kulturschock — und je mehr wir von der verschwenderischen Lebensweise mitbekommen, um so tiefer geht er.  Kaum etwas ist übrig geblieben von der traditionellen Lebensweise der Einheimischen.  Was Wilfred Thesiger in seinem spannenden Expeditionsbericht «Die Brunnen der Wüste» bereits vor fünfzig Jahren voraussagte, ist tatsächlich eingetreten:  Der Zerfall einer einzigartigen, durch die Wüste geprägten Gesellschaft durch den Einzug westlicher Attribute.  Mit dem aufkommenden Ölreichtum stiegen viele Araber vom Kamel direkt in das klimatisierte Luxusauto.

Gerade die Araber in den Emiraten haben so in den letzten Jahrzehnten ihre Identität gewechselt.  Waren Kamele früher überlebenswichtig, so sind sie heute nur noch als Zuchtobjekte für Rennen interessant.  Die Wüste ist nicht mehr der bevorzugte Lebensraum für die Emirati, sondern nur noch Zuflucht für deren Wochenendvergnügen.  Vielleicht folgt man einer Sehnsucht nach früheren Zeiten? In die Wüste fährt der Emirati heutzutage nur noch am Wochenende zum Entspannen.  Kaum eine Sanddüne, die nicht von Reifenspuren überzogen ist, kaum ein Abend, an dem die Stille der Wüstenlandschaft nicht durch Motorenlärm zerrissen wird. Der obligatorische Teppich für das Picknick wird aus dem Kofferraum geholt, ein Tag verbracht, wie ihn die Älteren vielleicht noch aus ihrer Kindheit kennen — und dann geht’s zurück in die quirlige Grossstadt.  Den Picknickmüll lässt man übrigens liegen in der Wüste — auch wenn kein Pakistani den einsammeln wird, wie die Emirati das in Dubai gewohnt sind.

-fj

Nachtrag I:  Dieser Artikel ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon fast zwei Wochen alt.  Geschrieben habe ich ihn im Oman wo wir wunderbare Tage verleben.  Was in fast allen Internet-Cafes fehlt, sind stabile Internetverbindungen, saubere Rechnerinstallationen und immer wieder Umlaute …

Nachtrag II:  Ich freue mich sehr über die neuen Abonnenten, die sich in den letzten Wochen angemeldet haben — doch zur Zeit vernachlässige alle Abonnenten sträflich.  Wegen der oben erwähnten Internet-Probleme funktionieren weder die Verwaltungssoftware noch der Benachrichtigungsdienst bei neuen Artikeln.  Wohl denen also, die ab und zu einmal einfach so vorbeischauen und nach Neuem stöbern …

Eine Übersicht über alle Arabia-Artikel ist hier zu finden:

ein Kommentar auf "Dubai — Kulturschock"

  1. Andreas Möschl sagt:

    Hi ihr 2, viele Grüße aus Dubai ….

    bin noch bis Samstag nacht hier, dann wieder in das kalte Hessen

    Ciao bis bald

    Andreas

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