1. Februar 2010, von

Im Oman

End­lich Oman!  Wir wer­den wie­der beach­tet — anders als in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten.  Neu­gie­rige Men­schen win­ken uns zu, wenn wir vor­bei­fah­ren, schüt­teln uns die Hände, wenn wir anhal­ten.  Dass wir diese Nähe meist schät­zen, ist nicht etwa unse­ren Egos zuzu­schrei­ben, die sich nach Bauch­pin­sel­ein­hei­ten seh­nen, nein, es ist ein­fach die Gele­gen­heit, immer wie­der Men­schen ein wenig näher ken­nen­zu­ler­nen, als das nor­ma­ler­weise in so kur­zer Zeit mög­lich ist.

In Sohar, der dritt­gröss­ten Stadt des Lan­des, bemerke ich bei der abend­li­chen Stell­platz­su­che, dass wir von einem Auto ver­folgt wer­den.  Da man eher im Lotto gewinnt, als dass man im Oman über­fal­len wird, ist es zwei­fel­los Neu­gier, die den Fah­rer treibt, uns nach­zu­fah­ren.  End­lich traut er sich und spricht uns an.  Schnell wird eine Ein­la­dung dar­aus, die mehr­fa­che Wie­der­ho­lung zeigt uns, dass sie ernst gemeint ist.  So kön­nen wir ein wenig oma­ni­sches Fami­li­en­le­ben erle­ben.  Im Gegen­satz zu ihren bei­den Kin­dern sind Haney und seine Frau anfangs ein wenig schüch­tern, doch bei einem gemein­sa­men Abend­essen tauen sie bald auf.

Die Gesprä­che dre­hen sich buch­stäb­lich um Gott und die Welt, und das ist hier im Oman — anders als auf vor­he­ri­gen Sta­tio­nen unse­rer Reise — fast jeder­zeit mög­lich:  Man kann hier pro­blem­los über Glau­bens­an­ge­le­gen­hei­ten plau­dern.  Mehr als 70 % der Omani sind iba­di­ti­sche Mus­lime, die eine sehr tole­rante Ein­stel­lung gegen­über ande­ren Reli­gio­nen haben.

Diese Offen­heit ist immer wie­der zu spü­ren im Land — und sicher ein Grund für die freund­li­che und hilfs­be­reite Grund­ein­stel­lung der meis­ten Omani.  Die Anzahl der uns förm­lich auf­ge­dräng­ten Tele­fon­num­mern für den Fall, dass wir «irgend­wel­che Pro­bleme» haben, ist immens.  Aller­dings rufen wir nie an, denn es ist nicht ein­fach, im Oman Pro­bleme zu bekom­men.  Das Land ist zu fried­lich und die Men­schen sind zu freund­lich, um Ärger zu haben.

Wir tren­nen uns nur schwer von Haney und sei­ner Fami­lie — aber auch von Sohar, der ange­nehm ver­schla­fe­nen Stadt im Grü­nen.  Es ist traum­haft, bei einer leich­ten Brise mit dem Motor­rol­ler lang­sam die end­lose Ufer­pro­me­nade ent­lang zu fah­ren.  Sie trennt die weis­sen Häu­ser vom tür­kis­far­be­nen Was­ser, die blauen Later­nen wei­sen zum Him­mel, der alles wie­der ver­eint.  Ein zau­ber­haf­ter Ort …

Auf aus­län­di­sche Tou­ris­ten tref­fen wir erst wei­ter süd­lich.  Was in erträg­li­cher Bus­reich­weite der Haupt­stadt Mus­cat liegt, gehört zum Stan­dard­pro­gramm der Rei­se­ver­an­stal­ter.  Sohar gehört nicht dazu, die kleine Stadt Nakhal dage­gen schon.  Dort haben wir das berühmte Fort am frü­hen Mor­gen noch für uns alleine, am spä­te­ren Vor­mit­tag bevöl­kern geführte Grup­pen eines in Mus­cat lie­gen­den Kreuz­fahrt­schiffs das bes­tens restau­rierte Bau­werk.  «Geeerd, das ist nicht unsere Gruppe, wir sind hier drüü­ü­ben», schallt es unge­niert laut über den gros­sen Hof.  Gerd hatte wohl nicht auf­ge­passt und sich dem fal­schen Men­schen­knäuel ange­schlos­sen.  Neben der Ent­de­ckungs­tour im alten Gemäuer kön­nen wir nun auch Fall­stu­dien in Sachen Tou­ris­mus vor­neh­men.

Den stau­nen­den Rei­sen­den wer­den die ste­reo­ty­pen ara­bi­schen Weis­hei­ten erzählt.  Die Mär, dass in isla­mi­schen Län­dern nur mit der rech­ten Hand geges­sen wird, wer­den die Schiffs­rei­sen­den ver­mut­lich kaum an der Wahr­heit mes­sen kön­nen.  So wer­den sie nicht erfah­ren, wie unter­schied­lich die ara­bi­schen Tisch- und Boden­sit­ten — denn geges­sen wird häu­fig auf der Erde sit­zend — tat­säch­lich sind.  Häu­fig erle­ben wir es, dass die Linke von Mus­li­men eben­falls zum Essen benutzt wird.  Viel­leicht hat Gerd es rich­tig gemacht, als er bei der Füh­rung ein wenig unauf­merk­sam war.

Dass andere lan­des­ty­pi­sche Sit­ten von den Tou­ris­ten weit­ge­hend unbe­ach­tet blei­ben, scheint in der Rei­se­gruppe nie­man­den zu stö­ren:  Frauen mit haut­enger Klei­dung und viel sicht­ba­rer Haut sind unter den Tou­ris­ten ebenso zu sehen, wie Män­ner mit kur­zen Hosen.  Dass man die Schuhe — ent­ge­gen der über­all prä­sen­ten Sitte — kol­lek­tiv nicht ablegt, wenn Räume mit Tep­pi­chen betre­ten wer­den, dafür hat die Rei­se­lei­te­rin eine Erklä­rung parat:  «Wenn wir jedes mal die Schuhe aus­zie­hen wür­den, dann wären wir ja mor­gen noch hier», erklärt sie reso­lut auf Nach­frage einer Rei­sen­den.  Jaja, es geht wei­ter, immer wei­ter — ver­wei­len ist nicht ihre Sache.

Wir wol­len die Tou­ris­ten­busse hin­ter uns las­sen und fah­ren über Rustaq wei­ter ins Lan­des­in­nere.  Hier sind wir schnell alleine.  Ver­las­sene Städte aus Lehm oder die uralten Bie­nen­korb­grä­ber von Al Ayn sind für Pau­schal­rei­sende zu weit ent­fernt von Mus­cat.

Beson­ders span­nend wird es für uns jeweils am spä­ten Nach­mit­tag, wenn wir in kleine Sei­ten­wege oder in die Wüste abbie­gen, um einen ruhi­gen Platz für die Nacht zu fin­den.  Was wird uns erwar­ten?  Zu unse­rer Freude erweist sich unser Wohn­mo­bil als recht robust:  Solange irgend­et­was unser Weg ist, das den Namen Fahr­bahn ver­dient und nicht allzu steil ist, kom­men wir auch auf rup­pi­gen Pis­ten wei­ter, auch wenn ein Vier­rad­an­trieb fehlt.  Die in den Schrän­ken umge­fal­le­nen Glä­ser kön­nen den Knuff ver­tra­gen und die leicht besorgte Bei­fah­re­rin beru­higt sich meist schnell wie­der, wenn ein schö­ner Über­nach­tungs­platz gefun­den wurde.

So kom­men wir abseits der geteer­ten Stras­sen auf ebe­nen, san­di­gen Stre­cken auch in etwas abge­le­ge­nere Gegen­den — und tref­fen eines abends uner­war­tet auf ein Kamel-Camp in der Sand­wüste Adh Dha­hi­rah süd­lich von Ibri.  Der wei­che Weg hatte uns bis zu ein paar Zel­ten geführt, dane­ben käuen Kamele in aller Ruhe wie­der.  Ein paar Män­ner tau­chen auf, man­che wir­ken in der ein­bre­chen­den Dun­kel­heit etwas wild.  Eine kurze Ver­hand­lung — und man ist ein­ver­stan­den, dass wir dort für die Nacht ste­hen blei­ben.

Die wil­den Män­ner sind — wir sind nicht über­rascht — die net­tes­ten Jungs der Gegend: Ein paar freund­li­che Belut­schen aus Paki­stan laden uns zum Essen ein, das wir beim Schein eines Mobil­te­le­fon-Dis­plays in einem ansons­ten stock­dus­te­ren Zelt zu uns neh­men: frisch geba­cke­nes Fla­den­brot und scharfe Boh­nen­suppe, bestimmt ein paki­sta­ni­sches Rezept.  Am nächs­ten Mor­gen fin­den wir die geöff­ne­ten Sup­pen­do­sen neben der Brot­back­tonne.

Die Belut­schen sind Gast­ar­bei­ter, die den Omani bei der Arbeit mit den Renn­ka­me­len hel­fen.  Chef im Sat­tel — bes­ser: auf der Kamel­de­cke — sind aber immer die ara­bi­schen Wüs­ten­be­woh­ner, die Bedu.  Wir ler­nen sie am nächs­ten Mor­gen als neu­gie­rig und sehr freund­lich ken­nen:  Ibra­him, Yas­sir und Moham­med neh­men uns ein wenig unter ihre Fit­ti­che.  Schnell wer­den wir inte­griert, essen mit ihnen zu Mit­tag.  Man sorgt sich gera­dezu um unser Wohl­erge­hen und drängt uns zum Blei­ben.

So erle­ben wir die Vor­be­rei­tun­gen zu einem Kamel­ren­nen:  Die wert­vol­len Tiere (es sind nach unse­rem Schul­wis­sen natür­lich Dro­me­dare, aber nie­mand nennt sie hier anders als Kamele) wer­den vor so einem Ereig­nis mit Was­ser und Seife gewa­schen und danach in Tücher gepackt.  Manch­mal wird gewit­zelt, dass die Bedu Kamele bes­ser behan­deln als ihre Kin­der.

Mit Begeis­te­rung haben wir auf unse­rer Reise Wilf­red The­si­gers «Brun­nen der Wüste» gele­sen.  Sein mehr als sech­zig Jahre alter Rei­se­be­richt über Land und Kul­tur der Bedu ist fas­zi­nie­rend.  Nun sel­ber mit­ten unter die­sen Men­schen in der Wüste sit­zen zu kön­nen, ist ein Höhe­punkt unse­rer Fahrt.  Es geht ein­fach zu, Strom ist nicht vor­han­den und jeder Liter Was­ser muss her­an­ge­schafft wer­den.  Die neue Zeit ist aller­dings schon lange in Form von Pickup-Las­tern und Mobil­te­le­fo­nen ange­kom­men.  Trotz­dem zie­hen man­che Bedu das ein­fa­che Leben in der Wüste dem in «ordent­li­chen» Behau­sun­gen vor.

Ver­schmitzt grin­send lässt uns Ibra­him ein paar Meter auf einem Kamel rei­ten — wir hän­gen ver­mut­lich wie Was­ser­sä­cke auf den lang­sam dahin schrei­ten­den Tie­ren.  Welch ein Genuss dage­gen, die Men­schen hier ele­gant auf einem galop­pie­ren­den Kamel rei­ten zu sehen!  Unser Ehr­geiz ist geschürt und es reift der Wunsch, etwas mehr Zeit auf einem Kamel­rü­cken zuzu­brin­gen.  Wir möch­ten mehr über diese Men­schen ler­nen und pla­nen, in zwei Tagen zum Kamel­ren­nen zurück­zu­keh­ren.  Mehr dazu im nächs­ten Bericht aus dem Oman …

-fj

Eine Über­sicht über alle Ara­bia-Arti­kel ist hier zu fin­den:

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