17. Februar 2010, von

Kamel zu verkaufen

Wir bewegen uns südlich des omanischen Orts Ibri. Östlich liegt die Rub al Khali, die riesige Wüste im Innern der Arabischen Halbinsel.  Unwirtlich ist die Szenerie, weite Kiesflächen dominieren.  Durchbrochen werden sie ab und zu von sandigen Abschnitten mit meist spärlichem Bewuchs.  Diese Abwechslungen sind eine Freude für das Auge.

In einer solchen Sandlandschaft soll ein Kamelrennen stattfinden, Donnerstag in aller Frühe müssten wir da sein, so hatte man uns im Kamel-Camp von Ibrahim und seinen Freunden gesagt.  Wir wollen nichts verpassen und fahren bereits am Vorabend in die Gegend.  Die Rennbahn entdecken wir im letzten Tageslicht:  Ein endloser roter Zaun kennzeichnet abseits der geteerten Strasse die sechs Kilometer lange Rennstrecke.

Alles, was wir wissen, ist, dass die Strecke einen weiten Bogen beschreibt. Anfang und Ende können wir nicht erkennen — in welche Richtung sollen wir fahren?  Vorsichtig manövrieren wir das schwere Wohnmobil nach links über die manchmal recht weich wirkende Piste.  Irgendwo wird der Zaun ja zu Ende sein — doch in der schnell hereinbrechenden Dunkelheit kommen wir nicht gefahrlos weiter und halten schliesslich an.

In der Ferne erkenne ich ein paar Autoscheinwerfer und mache mich zu Fuss auf den Weg.  Ich komme näher und nehme immer mehr Pickup-Laster wahr, dahinter bemerke ich einen warmen Lichtschein.  Als ich durch die Reihen der Autos trete, stehe ich am Rande eines traumhaften Szenarios:  Mehr als 100 weiss gekleidete Araber sitzen in einem grossen Kreis rund um ein Feuer.  Die Stimmung ist seltsam gedämpft, die Ruhe zerrissen durch gelegentliche laute Rufe.

Wie ein Eindringling komme ich mir vor, stehe noch im Halbdunkel ausserhalb des Feuerscheins und beobachte die Szene.  Irgendjemand entdeckt mich schliesslich, man ruft, winkt — ich solle hineintreten in den Kreis.  Es wird gelacht, man deutet mit dem Finger auf den unerwarteten Besucher.  Natürlich fühle ich mich unwohl.  Was gäbe ich dafür, jetzt mit Ibrahim, Yassir oder Mohammed bekannte Gesichter zu entdecken!

Zu meiner Überraschung spricht einer der älteren Bedu ein verständliches Englisch.  Er lädt mich ein, zum Essen zu bleiben.  Ich erkläre unsere Situation und auch die beste Partnerin von allen wird höflich dazu gebeten — in eine Männerrunde aus mittlerweile vielleicht 150 Arabern.  Hastig stolpere ich durch die Dunkelheit der Wüste zurück zum Wohnmobil und versuche mir im dünnen Schein der Taschenlampe eine fahrbare Strecke zu merken.

Reis und KamelfleischKaum sind wir bei dem Fest der Bedu angekommen, da treffen wir Yassir.  Die Freude des Wiedersehens ist gross, ich habe das Gefühl, dass er uns nicht erwartet hatte.  Augenblicke später bringt er uns eine riesige Platte mit Reis und Kamelfleisch ans Wohnmobil.  Wir kennen unsere Probleme, Reis mit den Fingern zu essen, nur zu gut und sind in diesem Fall froh, dass wir abseits der uns unbekannten Menschen Messer und Gabel benutzen können.

Zum Kaffee werden wir in die Runde ums Feuer gebeten.  Vorsichtig setzen wir uns in die zweite Reihe — doch kaum entdeckt, werden wir mit einem lauten «Master Frank» auf den Teppich der Honoratioren gebeten.  Immer wieder werden wir auf das morgige Rennen hingewiesen.  Auf Nachfrage wird bestätigt, dass hier der Start wäre – um sieben Uhr.  Oder um halb Sieben — je nachdem, mit wem man redet.  1000 Autos würden kommen, ein grosses Spektakel.

Kochgeschirr in der WüsteDer Abend ist dann schneller vorbei, als vermutet:  Die ersten Pickups fahren ins Dunkel der Wüste, man hupt ein wenig und plötzlich ist der Platz wie ausgestorben.  Die riesigen Töpfe stehen noch herum, ebenso der Laster mit Trinkwasser.  Wir gehen zu Bett und stellen den Wecker früh.  Eigentlich unnötig, denken wir, denn am nächsten Morgen wird es hier brummen …

Es piept leise — zehn vor sechs.  Schlaftrunken stelle ich den Wecker aus.  Kein Laut durchbricht die Stille der Dämmerung.  Verwundert schauen wir aus dem Fenster.  Wo sind die 1000 Autos?  Warum hören wir keine Kamele brüllen?  In der Ferne sehen wir ein paar Scheinwerfer, sind nicht sicher, ob das Autos auf der Teerstrasse sind, denn durch die abendliche Fahrt im Dunkeln haben wir die Orientierung verloren.

Wir sind an der falschen Stelle, das ist klar.  Der rote Zaun der Rennstrecke ist nicht zu sehen.  Recht weit weg ist in der Dämmerung eine Staubwolke zu erkennen, in diese Richtung fahren wir.   Schliesslich erkennen wir die Rennbahn.  Der Weg, auf dem wir neben ihr fahren, wird immer breiter.  Als wir der Staubwolke recht nahe gekommen sind, sehen wir eine Armada von Pickups – alle in unsere Richtung stehend.  Ich ahne Böses und schaffe gerade noch einen Bogen rechts um die Autos herum, als das Rennen beginnt.

Unter Gehupe und Gejohle setzen sich nicht nur ein knappes Dutzend Kamele auf der Rennbahn in Bewegung, sondern auch ungefähr 50 Pickups.  Eine Minute später, und wir wären dieser wilden, rasenden Horde direkt entgegen gekommen.  Die Kamelrennen dauern bis zum späten Mittag und wir sind letztlich doch hautnah dran.  Besonders der Start ist ein Spektakel, bei dem jeder Kamelführer den kleinsten Vorteil für sein Tier herausholen will.  Die improvisierte Startlinie wird ständig überschritten, andere Teams behindert.  Jeder will beim Start eine bessere Position ergattern.

Um so etwas wie Ordnung zu schaffen verteilt der Rennleiter durchaus ernsthafte Stockhiebe — auf die Kamelführer.  Diese sind entweder Gastarbeiter (überwiegend aus Indien, Pakistan und Bangladesh), in meist bunt zusammengewürfelter Kleidung gekleidet oder omanische Bedu in ihren Dishdashas.  Die Farbe Weiss überwiegt bei diesem traditionellen Kleidungsstück — jedenfalls zu Beginn der Rennen, als Staub und Kameldreck sich noch nicht eingenistet haben.

Kamelrennen im Oman: Roboter statt KinderjockeysDie Tiere sind für die Stockhiebe des Rennleiters tabu.  Sie bekommen im Laufe des Rennens allerdings noch genügend auf den Hintern.  Ausschlaggebend sind hier allerdings keine Jockeys, sondern kleine Roboter, die den Renntieren aufgeschnallt werden.  Eine batteriebetriebene Peitsche soll den Vierbeinern zusätzlich Beine machen, Funkgeräte sorgen für Fernsteuerung und Anfeuerung.

Für die Eigentümer der Kamele kann ein gewonnenes Rennen durchaus eine grössere Summe Geld bedeuten, denn siegreiche Tiere aus dem Oman werden von reichen Emiratis gerne gekauft.  Ob die dabei immer wieder genannten, recht hohen Summen stimmen, mag dahingestellt bleiben.  Vielleicht verhält es hierbei ähnlich wie mit den angekündigten 1000 Autos:  Wenn es 200 Fahrzeuge waren im Laufe des Tages, dann habe ich sicher schon grosszügig geschätzt.

Nicht jeder Anwesende hat übrigens Kamele am Start.  Viele sind offensichtlich nur wegen des Vergnügens hier, mit dem Pickup neben den galoppierenden Tieren herzufahren.  Ist eines der Rennen beendet, die heute zwischen einem und drei Kilometern lang sind, dann macht die staubige Kolonne kehrt, um sich am Start erneut aufzustellen.  Schon hier wird um die vorderen Plätze gerangelt, denn schliesslich sieht man weiter hinten so gut wie nichts mehr und die Staubschicht im Innenraum des Fahrzeugs wird immer dicker.

Als ich eine dieser Fahrten mitmache, spüre ich das Vergnügen der Omani bei diesem wilden Ritt ohne viel Sicht nach vorne.  Mit einer Geschwindigkeit um die 50 Stundenkilometer schenken sie dem Renngeschehen kaum einen Blick — auf die Piste wird allerdings auch kaum mehr geachtet.  Man vertraut darauf, dass der Vordermann nicht bremst, teilt der Renngemeinschaft seine Existenz durch häufiges Hupen mit und schielt vor allem darauf, ob der Nebenmann nicht vielleicht in eine Lücke stossen möchte.  Wenn diese Gefahr mit einem schnellen Manöver verhindert werden kann, so besiegelt ein fröhliches Grinsen ins Nachbarauto den kleinen Erfolg.

Kamelrennen bei IbriOb Ibrahims oder Yassirs Kamel ihre Rennen gewinnen konnten, habe ich nie erfahren.  Zu hektisch und durcheinander ist das Geschehen.  Ein Moment der Besinnung tritt eigentlich nur in einem Moment ein:  Ein Mann in einem grossen SUV mit Kennzeichen aus Abu Dhabi winkt mich mit einer herablassenden Handbewegung an sein Auto.  Durch die halboffene, dunkel getönte Scheibe kann ich eine vielköpfige Familie erahnen.  Der Mann bietet mir den Kauf eines Kamels an.  Es sei eine gute Investition, ich würde reich werden.

Glückliches Arabien, denke ich da schmunzelnd.  Hier kann man als Verkäufer ein Gebrauchtkamel offerieren und dem potentiellen Kunden dabei eine goldene Zukunft ausmalen.  Wie viel schwerer haben es bei uns daheim die Gebrauchtwagenverkäufer, wenn sie nichts Ahnenden und noch viel weniger Wissenden eine durstige Rostlaube andrehen wollen!?

Ich kaufe das Kamel trotzdem nicht.

-fj

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ein Kommentar auf "Kamel zu verkaufen"

  1. Ines sagt:

    Hallo Anke und Frank,

    „schade“ – ein Kamel in Nachbarsgarten wäre auch ein netter Anblick gewesen!
    Lasst es Euch während Eurer Rückreise gut gehen!
    LG
    Ines

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