20. Februar 2010, von

Reisbericht

Daheim, in Heuchelheim, packte ich vor unserer Abreise eine Lebensmittel-Notfallkiste.  Dabei waren Nudeln, Knäckebrot, Zwieback, Kondensmilch, Fischkonserven und eine Tüte Kochbeutelreis, ein Rest aus dem Vorratsschrank.  Auch wenn es sicherlich kein Notfall war, öffnete ich diese Kiste schon in den ersten Tagen unserer Reise:  Auf dem nass-kalten Balkan freuten wir uns über abendliche Nudelgerichte.  Ab der Türkei änderte sich das.  Wir bekamen dort viel frisch gebackenes Brot geschenkt — was gibt es Leckereres? — und es dominierte ab sofort unseren Speisenplan.  Die Pastapackung blieb seitdem unangetastet.

Hier im Oman werden wir häufig zum Essen eingeladen.  Es wird dann meist gross aufgetischt — wobei für diese Region ein anderes Wort als «auftischen» besser zuträfe:  Es wird auf dem Fussboden, also auf einem Teppich gespeist.  Letzterer ist oft durch eine Einweg-Plastikfolie geschützt.

Im allgemeinen wird hier mit den Händen gegessen.  Unsere Gastgeber legen uns jedoch häufig einen Löffel und auch mal eine Gabel hin.  Es gibt aber trotzdem immer wieder Gelegenheiten, in denen wir die gekochte Nahrung mit der ursprünglichsten Esshilfe, unseren Fingern, in den Mund bugsieren müssen. Für uns keine einfache Übung, wenn dabei sowohl wir, als auch der Platz einigermassen sauber bleiben sollen.

Die oft zuerst gereichte, scharf gewürzte Gemüsesuppe wird noch gelöffelt, doch dann ist reine Handarbeit angesagt.  Es kommen Hühnchen — gebraten und als Curry — Schaf, Ziege, Fisch und auch mal geschmortes Kamel auf den Teppich.  Dazu gibt es in riesigen Mengen Reis, gewürzt, manchmal vom Safran gelb-orange gefärbt und appetitlich angerichtet.

Weiter werden Fladenbrote sowie Salat aus sehr fein geschnittenen Gurken, Tomaten und Zwiebeln serviert.  Hin und wieder stehen zusätzlich Hommos (Kichererbsencreme), Mutabel (Auberginencreme) und eine scharf gewürzte Sauce auf dem Teppich.  Als Nachtisch gibt es häufiger Obst, manchmal als Salat vorbereitet.  Einmal kommen wir auch in den Genuss einer süssen und cremigen Nachspeise, die ein wenig an Tiramisu erinnert.

Manche Rituale wiederholen sich überall:  Der Gastgeber füllt dem Gast den Teller.  Zuerst wird dabei eine grosse Portion Reis aufgehäuft, darauf kommt das Fleisch.  Das passiert in der Regel nicht nur einmal.  Immer wieder werden wir gedrängt mehr zu essen.  Die Gastfreundschaft der Araber geht soweit, dass der Gastgeber lieber hungern würde, als seinen Gast nicht völlig gesättigt zu wissen.

Hat man seinen Reisberg mühsam verdrückt, dann muss man darauf achten, dass nicht eine ebenso grosse zweite Portion auf den Teller geschaufelt wird.  Eine Mahlzeit ohne Reis ist im Oman im häuslichen Umfeld schwer zu finden, aber auch Restaurants haben hier ihren Schwerpunkt.  Auf unsere Frage an die Bedienungen, was es denn gäbe, bekommen wir immer wieder als Antwort: «Reis».

Selbst unter Umständen, die ich als schwierig für die Zubereitung eines gelungenen Reis einschätze, wird nicht darauf verzichtet:  Als wir mit unserem Wohnmobil am Strand von Madrakah stehen, treffen wir auf Angler aus Muscat.  Sie laden uns zum Abendessen ein.  Ismael ist für das Essen verantwortlich:  Auf einem improvisierten Grill brät er Hähnchenkeulen in einem mit Öl gefüllten Topf.  Als sie knusprig braun sind, legt er sie zur Seite.

Währenddessen schält er ein paar Kartoffeln, schneidet sie in Scheiben und gart sie im inzwischen frei gewordenen Topf zusammen mit ein paar Tomatenstücken.  Die garen Kartoffelstücke verteilt er gleichmässig auf dem Topfboden.  Sie sollen den Reis, den er dann darauf gibt, vor dem Anbrennen bewahren.

Mittlerweile hat Ismael zusätzlich einen Kessel mit Wasser aufs Feuer gestellt.  Es kocht, er übergiesst den Reis damit und lässt das Ganze auf dem Feuer gar ziehen.  Damit die vielleicht ausgekühlten Hähnchenteile wieder warm werden, legt Ismael sie kurz vor dem Essenfassen zum Reis in den Topf.  Der Mann macht dies nicht das erste mal — die Geflügelbeine sind saftig.  Der Reis ist würzig, nicht klumpig, schon gar nicht angebrannt — und vor allem reichlich für acht hungrige Mäuler.  Familien im Oman sind häufig noch grösser:  Acht und mehr Kindern sind keine Seltenheit.  Entsprechend gross muss auch hier die Portion Reis sein, die täglich gekocht wird.

In den Lebensmittelgeschäften ist das Angebot entsprechend:  Reis aus Oman, Iran, Indien, Pakistan und vielen anderen Ländern liegt bereit.  Die angebotenen Portionen passen zur Nachfrage: Säcke mit 29 oder gar 40 Kilogramm stehen zum Kauf.  Ein Omani erzählt mir, dass in seiner Familie 29 Kilo Reis gute drei Wochen reichen.

Ich staune über die Reisberge in den Läden und denke, dass bei meinem Verbrauch daheim eine solche Menge viele viele Jahre und noch länger reicht.  Aber wer weiss — vielleicht ändert sich das?  Zurück in Heuchelheim, werde ich mich sicherlich daran versuchen, den Reis so schmackhaft zuzubereiten, wie ich ihn hier überall essen kann.  Vielleicht steigt dann auch der Verbrauch schlagartig?  So inspiriert überlege ich sogar, schon auf der Rückreise den mitgebrachten Beutelreis zu kochen.  Bisher diente er nur zur Anschauung — ein Omani staunte seinerseits ungläubig, als er den 125 g Beutel sah. Für zwei Portionen, versteht sich …

-af

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