4. März 2010, von

Der Sultan hat’s leichter

Mus­cat — viele den­ken dabei wohl eher an ein três chi­que geschrie­be­nes Gewürz als an eine Metro­pole.  Tat­säch­lich aber ist Mus­cat die Haupt­stadt des Oman und kein Nuss­baum.  Bereits mit der Aus­spra­che des Wor­tes tun sich viele Euro­päer schwer und pro­non­cie­ren «Mus­kaaat» — mit der Beto­nung auf der letz­ten Silbe.  Nun ist es im Oman Usus, dass es neben der ara­bi­schen Schreib­weise von Orts­na­men eine wei­tere Ver­sion in latei­ni­schen Buch­sta­ben gibt, damit auch nicht-ara­bi­sche Aus­län­der sich ori­en­tie­ren kön­nen.  Diese Namen wer­den in eng­li­scher Spra­che auf­ge­schrie­ben.

Schild in Muscat, OmanWeiss man um diese Eigen­heit, so liest man schon eher rich­tig: «Mas­kat» — mit der Beto­nung auf der ers­ten Silbe.  Fra­gen Sie jetzt bitte nicht, warum es nicht «Mas­kät» heisst — sol­che Klei­nig­kei­ten sind in ara­bi­schen Län­dern nicht wich­tig.  Als Euro­päer ist man schon froh, wenn sich die Bezeich­nun­gen eines Ortes auf den Hin­weis­schil­dern und Land­kar­ten eini­ger­mas­sen ähneln.  Ein Trost: Meine Wahl­hei­mat Rei­chels­heim ist auch nicht viel ein­fa­cher aus­zu­spre­chen — jeden­falls nicht für den Durch­schnitts-Omani.

Warum Mus­cat jemals eine Haupt­stadt wer­den konnte, wird ein Geheim­nis blei­ben — war und ist es doch nicht viel mehr als ein klei­nes Fischer­dorf zwi­schen ande­ren Fischer­dör­fern.  Sultanspalast in Muscat, OmanMitt­ler­weile beher­bergt es in schi­cker Lage den Palast von Sul­tan Qaboos sowie einige Minis­te­rien und ver­leibt sich die umlie­gen­den Orte ein.  Haupt­stadtregion Mus­cat wird die Gegend mit zirka 350.000 Ein­woh­nern des­halb heute tref­fend genannt.  Ähn­li­che Refor­men ken­nen wir aus Deutsch­land eben­falls: Ich wohne zwar in Heu­chel­heim, doch das ehe­mals eigen­stän­dige Dorf ist seit Jah­ren nur noch ein Stadt­teil von Rei­chels­heim.  Aller­dings hat Rei­chels­heim kei­nen Palast, in dem der Bür­ger­meis­ter auf Staats­kos­ten wohnt — kleine Unter­schiede gibt es also doch.

Das «rich­tige» Leben spielt sich für die aus­wär­ti­gen Besu­cher der oma­ni­schen Haupt­stadt meist in Mutrah ab (gespro­chen — Sie ahnen es: «Mat­trah»), einem die­ser von Mus­cat ein­ver­leib­ten Orte.  Hier liegt der alte Souk, die ara­bi­sche Form des Basars.  So etwas gibt es in Rei­chels­heim nicht.  In Mutrah dage­gen blüht noch der Ein­zel­han­del in klei­nen Geschäf­ten und macht das Ein­kau­fen zum Ver­gnü­gen.  Ein reich­hal­ti­ges Ange­bot an Lebens­mit­teln, Haus­halts­be­darf, Klei­dung, Weih­rauch und sons­ti­gen all­täg­li­chen Din­gen wird mit viel Enga­ge­ment feil gebo­ten.  Keine Dis­coun­ter-Well­blech­hütte mit des­il­lu­sio­nier­ten Kas­sen­kräf­ten hat es bis hier geschafft.

Kumah, die omanische KopfbedeckungBenö­tigt der Omani mal wie­der eine neue Kumah, also eine tra­di­tio­nelle Kopf­be­de­ckung, dann hat er eine breite Aus­wahl an Geschäf­ten für sein Anlie­gen.  Die Händ­ler im Souk ver­mit­teln nie­mals das Gefühl, dass poten­ti­elle Kun­den nur beim Gespräch mit Kol­le­gen stö­ren.  Hat man Glück, dann wird man unver­bind­lich zu einem Kaf­fee gebe­ten — und nie­mand ist ersicht­lich gestresst, wenn trotz­dem nichts gekauft wird.

Apro­pos Kaf­fee — da haben der Oman und Rei­chels­heim etwas gemein­sam: Es gibt kein rich­ti­ges Café.  Fehlt in der Wet­ter­auer Stadt der gemüt­li­che Charme einer deut­schen Kon­di­to­rei (ganz zu schwei­gen von einem Ange­bot an schmack­haf­ten Rem­brandt­schnit­ten und nahr­haf­ten Nuss-Mar­zi­pan­tor­ten), so man­gelt es im Oman an Schank­stu­ben für den klei­nen Schwar­zen (an eine Kuchen- oder Tor­ten­aus­wahl ist hier gar nicht zu den­ken).  Zwar trin­ken jeder Omani und jede Oma­nin Kaf­fee, doch das fin­det meist im pri­va­ten Rah­men statt.

Die über­all prä­sen­ten «Cof­fee Shops» bie­ten oft nicht ein­mal Kaf­fee an — und wenn doch, dann rührt der inha­bende Inder eine stark gesüsste hell­braune Brühe zusam­men, lieb­los ser­viert in einem klei­nen Papp­be­cher.  Dabei hat der Oman eine schöne, por­zel­la­nige Kaf­fee­kul­tur — das man­gel­hafte Ange­bot an stil­vol­len Kaf­fee­stu­ben ist völ­lig unver­ständ­lich.  Die Latte-Mafi­ato-Ket­ten wie Star­bucks und Co. haben das ent­deckt und sich in den moder­nen Vor­or­ten Mus­cats eta­bliert.  Der tren­dige Ein­hei­mi­sche ist hier gerne Gast und trinkt einen völ­lig un-oma­ni­schen «Grande Iced Mocha» — auch hier aus einem Papp­ge­fäss.

Kaffeeausschenker im Souq von Mutrag, OmanIm Souk von Mutrah fin­det man statt einer Star­bucks-Filiale seit mehr als 50 Jah­ren einen alten Mann.  Jeden Tag kau­ert er hier auf dem Boden, aus­ge­rüs­tet mit einer Metall­kanne vol­ler Kaf­fee, unter der eine Schale mit glü­hen­der Holz­kohle ver­drah­tet ist.  In einem Plas­tik­ei­mer düm­peln eine hand­voll klei­ner Por­zel­lan­tas­sen im anfangs noch sau­be­rem Was­ser — und gegen 100 Baisa (das sind zirka 20 Euro­cent) kann man sich dazu stel­len oder set­zen und den gut duf­ten­den, heis­sen Kaf­fee mit Kar­da­mom ein­schen­ken las­sen.  Es sind kaum ein paar kleine Schlu­cke, die in so ein Täss­chen pas­sen — doch man kann sich mehr­mals nach­schen­ken las­sen.  Ver­su­chen Sie das ein­mal mit Ihrem Grande Iced Mocha bei Star­bucks in Frank­furt!

Doch vom Kaf­fee­satz zurück in die ver­glei­chende Poli­tik: Im Gegen­satz zum Rei­chels­hei­mer Bür­ger­meis­ter wurde der oma­ni­sche Sul­tan Qaboos nicht gewählt.  Viel­mehr endete eine kleine Unstim­mig­keit in der Herr­scher­fa­mi­lie im Jahr 1970 damit, dass der Sohn den Vater ins Exil schickte und den Job kur­zer­hand selbst über­nahm.  Das wäre in etwa damit ver­gleich­bar, wenn Rai­ner Schau­er­mann von der Rei­chels­hei­mer SPD den bis­he­ri­gen SPD-Bür­ger­meis­ter Gerd Wag­ner nach Ech­zell oder Ilben­stadt ver­bannt und die Rei­chels­hei­mer Regie­rungs­ge­schäfte im Hand­streich über­nom­men hätte.  Nun, Letz­te­res hätte er ja fast auch — nicht im Hand­streich zwar, aber per Wahl.  Wäre da nur nicht der Sou­ve­rän gewe­sen, das Volk also, wel­ches vor­wie­gend durch Abwe­sen­heit von den Wahl­ur­nen einen ande­ren Kan­di­da­ten bevor­zugte — aber das ist eben einer der Unter­schiede zwi­schen Mon­arch- und Demo­kra­tie: Der eine darf nicht wäh­len, der andere tut‘s nicht.

Geld regiert die Welt — ebenso regiert es Län­der und Städte.  Im Gegen­satz zum armen Rei­chels­hei­mer Bür­ger­meis­ter hat es der oma­ni­sche Sul­tan da viel bes­ser: Reich­lich Rial sind im Säckel vor­han­den.  Damit tut er viel Gutes für seine Unter­ta­nen – und den so Begüns­tig­ten fällt es folg­lich leicht, ihren Chef zu mögen.  Ja, man schätzt den Sul­tan im Oman tat­säch­lich sehr — im Gegensa… Nein, das ginge jetzt doch zu weit.

Die Kran­ken­ver­sor­gung im Oman ist (fast) kos­ten­los, ein Stu­dium wird sogar finan­zi­ell geför­dert, jeder Bür­ger bekommt ein Grund­stück geschenkt — wenn man es dank Son­nen­schutz­fak­tor 50 nicht sowieso schon ist, wird man blass vor Neid in unse­rer Kür­zungs­ge­sell­schaft.  Ledig­lich beim Stras­sen­bau kann ein Wet­ter­auer Stadt­ober­haupt noch mit­hal­ten: Dafür ist irgend­wie immer Geld vor­han­den, wenn man die Bau­stel­len als Mass­stab nimmt.  Schlag­lö­cher in Stras­sen sind schlecht für Karosse und Wie­der­wahl.

Im eben­falls auto­p­hi­len Oman glänzt man dies­be­züg­lich aber noch ein wenig mehr: Die meis­ten neuen Fahr­bah­nen haben Welt­ni­veau — und es wer­den so viele Stre­cken aus­ge­baut, dass man keine aktu­elle Stras­sen­karte bekommt.  Dazu wer­den gerne selbst noch die aller­letz­ten Fahr­bah­nen­den bis hin zum Wüs­ten­be­ginn mit gleis­sen­der Beleuch­tung ver­se­hen — viel­leicht ist das eine Anre­gung, wie man bei uns wei­tere Steu­er­eu­ros ver­schwen­den könnte? Die Omani nut­zen ihre glat­ten Renn­bah­nen jeden­falls begeis­tert — und eine erschre­ckend hohe Anzahl an Ver­kehrs­to­ten ist die Folge.

Khanjar in Muscat, OmanTrotz­dem ist Sul­tan Qaboos hoch ange­se­hen und zeigt sich bei offi­zi­el­len Anläs­sen gerne.  Dazu trägt er tra­di­tio­nell über dem weis­sen Gewande einen Krumm­dolch im Gür­tel, den Khan­jar.  Jeder Schelm erin­nert sich dabei natür­lich an Dio­nys, Damon und die Häscher (oder not­falls auch an Heinz Erhards Ver­sion von Schil­lers Bürg­schaft) und denkt an düs­tere Mord­pläne am Tyran­nen.  Doch gemach – das ist alles nicht so scharf, wie es geges­sen wird: Ich hatte so ein oma­ni­sches Schmuck­stück, das für den Sul­tans­pa­last bestimmt war, bei einem Dolchma­cher in der Hand.  Scharf war der Dolch nicht, es besteht also wohl keine beson­dere Gefahr für den Herr­scher.

Wäre so ein krie­ge­ri­scher Schmuck bei uns denk­bar? Man stelle sich vor: Die Rei­chels­hei­mer Stadt­ver­ord­ne­ten tra­gen Solin­ger Schnitt­werk­zeuge bei ihren Sit­zun­gen! End­lich ein Hauen und Ste­chen, das Span­nung in die Rou­tine brin­gen könnte! Doch in der Rei­chels­hei­mer Poli­tik sind schnei­dende Argu­mente Man­gel­ware — hier wird statt des­sen fleis­sig Frak­ti­ons­dis­zi­plin geübt: Die müh­sam erwor­bene Demo­kra­tie ent­zieht sich ihrer Grund­lage.  Könnte man da nicht gleich eine Mon­ar­chie nach oma­ni­schem Vor­bild ein­füh­ren, den Bür­ger­meis­ter zum Sul­tan ernen­nen?

Bertin Bıschofsberger

Ber­tin Bischofs­ber­ger: Auch ohne Kumah schon genug Kum­mer?

Manch­mal trägt Sul­tan Qaboos eine Kumah, dar­un­ter lächelt er weise und gütig.  Das brachte mich auf die Idee, dem Rei­chels­hei­mer Bür­ger­meis­ter eine sol­che oma­ni­sche Kopf­be­de­ckung mit­zu­brin­gen.  Das wäre etwas! Eine Kumah auf Ber­tin Bischofs­ber­gers Haupt — exo­ti­scher Chic in der Wet­terau, gelas­sen-ele­gant, sou­ve­rän, fast sul­tan­haft.  Dann ver­warf ich den Ein­fall, denn viel­leicht wird‘s ja doch noch mal etwas mit einer geleb­ten Demo­kra­tie.  Und das wäre Kum­mer genug für so man­chen Poli­ti­ker.

-fj

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