26. März 2010, von

Kultureller Kleinkram

Ganz im Süden des Omans, unweit von Salalah, treffen wir Lachlan.  Gegen seine Geschichte mutet unsere knapp halbjährige Reise an wie ein Wochenendausflug zum Goetheturm in Frankfurt:  Der Australier ist seit sieben Jahren unterwegs, sechs davon auf dem Fahrrad.

Es ist heiss und wir laden ihn zu einer Erfrischung ins Wohnmobil ein.  Er ist ein ebenso guter Erzähler wie Zuhörer und so tauschen wir munter Erfahrungen aus.  «Hast Du das auch erlebt mit den Indern, wenn Du nach dem Weg fragst?» möchte die beste Partnerin von allen wissen.  «Klar», meint Lachlan — und wir müssen alle grinsen.  Tatsächlich lässt sich die angesprochene Geschichte immer wieder reproduzieren:  Fragt man einen Inder nach der Fahrtrichtung, so schaut dieser nett, wackelt in typisch indischer Art mit dem Kopf und deutet in die bereits eingeschlagene Richtung.  Dass der freundliche Mann nicht einen blassen Schimmer hat, wo der erfragte Ort liegt, ja, er vermutlich nicht mal von dessen Existenz weiss, das wird er nie zugeben.

Im Oman leben und arbeiten viele Menschen aus dem indischen Subkontinent, sie prägen einen guten Teil des öffentlichen Lebens.  Nun aber alle Inder, Pakistani, Bangladeshi und Sri Lanker über einen Kamm zu scheren, ist natürlich unfair — es muss Ausnahmen geben.  Und tatsächlich trafen wir einmal einen Inder aus Kerela, der uns präzise Anweisungen gab, um unser gewünschtes Ziel zu erreichen.  Doch wie soll man wissen, ob man nur einer kopfwackelnden kulturellen Eigenheit aufsitzt, oder gerade wertvolle Informationen erhält?

Lachlan verrät uns dafür seinen ganz einfachen Trick:  «Ich frage zuerst nach dem letzten Ort, durch den ich gefahren bin.  Wenn daraufhin richtigerweise gegen meine Fahrtrichtung gedeutet wird, dann ist die Chance gut, dass der Mann auch den anderen Weg kennt.» Wir haben die Hoffnung, den radelnden Australier später nochmals im Oman zu treffen, aber unser Wunsch wird sich nicht erfüllen.  Vielleicht hat ihn ja doch jemand in die falsche Richtung geschickt?

Nun können wir über die Eigenheiten anderer Kulturen unsere Spässe machen — doch vergessen wir nicht, dass auch unsere Lebensart jederzeit einer kritischen Analyse unterzogen werden kann.  Dabei denke ich noch nicht einmal an  kurze Hosen, aus denen blasse Beine ragen, die weissbesockt in Riemensandalen enden, nein, ich meine den oftmals positiven Ruf, den Deutsche im Ausland geniessen.  Ein Grund für diese Zuneigung ist die Ansicht, dass wir Germanen Dinge genau machen, sorgfältig auf Kleinigkeiten achten und prima organisieren können.  Ab und zu stimmt das sogar.

Da diese Meinung über uns im Oman so häufig mit leuchtenden Augen geäussert wird, liegt die Frage nahe:  Warum wird das dort nicht einfach genauso gemacht?  Warum strukturiert man Dinge nicht in ähnlicher Weise wie bei uns?  Hat man vielleicht den Preis erkannt, den wir für unser durchorganisiertes Leben zahlen?

Eine eindeutige Antwort darauf kann ich nicht geben — nur eine Vermutung:  Ist es nicht gerade eine Stärke vieler Kulturen, sich mit weniger organisatorischem Kleinkram zu belasten als wir?  Das Leben wird dadurch einfacher, viel Ballast unserer überstrukturierten westlichen Welt entfällt.

Ein schönes Beispiel für diese uns oft ferne Leichtigkeit erleben wir bei dem Versuch, auf die omanische Insel Masirah überzusetzen.  Wir erreichen den Fährhafen nach einer anstrengenden Fahrt über rauhe Schotterpisten bei Einbruch der Dunkelheit.  Ein Schiff liegt bereit zum Ablegen, doch möchten wir die Überfahrt bei Tageslicht geniessen und erkundigen uns nur nach den Abfahrtzeiten.  Morgens um sechs ginge die erste Fähre und dann jede Stunde, so sagt uns ein indischer Matrose.  Prima, da können wir ausschlafen und ohne Druck die passende Uhrzeit wählen.  Beruhigt parken wir auf dem Anleger und fallen nach dem Abendessen in tiefen Schlaf.

Gegen 4:20 Uhr klopft jemand ans Wohnmobil.  Schlaftrunken öffne ich das Fenster.  Aus dem Dunkel fragt ein indischer Akzent, ob wir jetzt nach Masirah  wollten.  Nein, wir wollen nicht — jedenfalls nicht um diese Uhrzeit.  Einmal wach beginne ich, die Umgebung wahrzunehmen:  Der Schiffsdiesel bollert fast noch lauter als der Laster, der schon mal seinen Motor warmlaufen lässt, um die 40 Meter bis zur Rampe schadlos zu schaffen.  30 Minuten später ist er dann an Bord, gegen fünf Uhr legt der Kahn ab und ich mich wieder ins Bett.  Einschlafen kann ich nicht mehr.

So bekomme ich mit, dass die angekündigte Sechs-Uhr-Fähre nicht auftaucht.  Auch zum Morgenkaffee um sieben bleibt alles ruhig auf dem Anleger.  Die achte Stunde des Tages vergeht ebenfalls ohne den Anblick eines Schiffs, die Neun-Uhr-Fähre erscheint dann pünktlich um halb zehn.  Wir satteln den Motorroller, packen — für den äusserst unwahrscheinlichen Fall, dass es mit der Rückfahrt irgendwelche Probleme geben sollte — ein paar Nachtsachen ein und begeben uns an Bord.  Gegen 10:30 Uhr hoffe ich, dass wir vor halb zwölf ablegen werden.

100325_kultur07_320x220Irgendwann geht es los und die Überfahrt ist ruhig.  Der Steuermann steuert stoisch Schlangenlinien in die See, doch die Insel kommt trotzdem näher.  Die Männer unter den Passagieren schlendern über die Brücke, mitten durch das Ruderhaus.  Ihre weissen Dishdashas leuchten gegen das türkisfarbene Meer.  Die Frauen machen ein Nickerchen — entweder auf einer der wenigen Bänke oder einfach auf dem harten Schiffsboden.  Burka und bunte Kleidung bestimmen das Bild.

Auf der Insel:  Der Roller tuckert brav, wir geniessen Landschaft und Sonne.  Orte träumen vor sich hin, mittags beherrschen Ziegen die Einkaufsstrasse.  Die Rückfahrt ist für 17 Uhr angesetzt, wir haben uns erkundigt.  Um sicher zu gehen, sind wir bereits 45 Minuten vorher am Hafen.  Schon von weitem sehen wir unser Schiff.  Ha, gut geplant, nichts verpasst!  Ein paar müde Inder hocken an Deck und machen uns behäbig klar, dass heute nichts mehr geht.  Das letzte Schiff sei irgendwann um — ach, ist ja auch egal — gefahren.  Wir sollten morgen wiederkommen.

Das billige Hotel wird zumindest dem Attribut sehr gerecht.  In der Küche direkt neben unserem Zimmer zerteilen zwei Inder mehrere grosse Fische mit kräftigen Messerhieben — um ein Uhr in der Frühe.  Wie in einem Hotel wirkt das nicht.  Auf meine Bitte, leise zu sein, wackeln beide nett mit den Köpfen, lächeln gelassen, nicken zustimmend — und hacken zwei Minuten später weiter auf den Holzbrettern herum.  Ob die hinzugerufene indische Nachtwache bei den beiden kochenden Gästen (!) um Ruhe gebeten oder nur nach dem Rezept gefragt hat, werde ich nie erfahren.  Mich im Bett wälzend male ich mir die Küchenszene mit gackernden Hühnern anstatt stummen Fischen aus.  Sofort bin ich ein wenig entspannter.  Spät schlafe ich ein und träume von Hühnern, die mit Fischmehl gefüttert werden.

Ändern werde ich hier nichts können, denke ich am nächsten Morgen.  Lernen muss das Motto heissen — lernen von anderen Kulturen.  Ich versuche es und wackle an der Rezeption ein wenig mit dem Kopf, als ich beiläufig nur die Hälfte des geforderten Geldes auf den Tresen lege.  Der Inder schaut mich erst fragend und dann nur wenig beeindruckt an, als ich erkläre, dass das der angemessene Preis sei für Zimmer und Ambiente.  Warum ich denn überhaupt etwas zahlen würde, wenn ich nicht zufrieden sei, so sein verwunderter Kommentar.

Die Rückfahrt verläuft ohne besondere Vorkommnisse.  Ich drücke den Fahrpreis mittels meiner neuen Gelassenheit und einem Lächeln ohne Probleme von fünf auf drei Rial und ignoriere den Geruch, der aus einem der Laster tropft:  Es muss Meeresgetier auf Eis unter der Plane liegen — das fischige Schmelzwasser verteilt sich übers Deck.  Das gehört so, beschliesse ich.  Irgendwann kommen wir auf dem Festland an, die Zeit ist nebensächlich.

Ob ich diese Gemütsruhe bis daheim konservieren kann?  Sollte mir das gelingen, so werde ich vermutlich einem verwunderten Schaffner auf dem Frankfurter Bahnhof die Hand schütteln, wenn sich der ICE mal wieder um läppische 45 Minuten verspätet hat. Während ich mich bei ihm für die angenehme Fahrt bedanken werde, quengeln maulige Manager am Telefon mit ihren Sekretärinnen.

Für das nächste Team-Building empfehle ich diesen gestressten Geschäftsleuten ein günstiges Hotel auf Masirah.

-fj

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