9. April 2010, von

Heimwärts

Sar­fayt — es ist soweit.  Hier, ganz im Süden des Sul­ta­nats Oman, keh­ren wir um.  Der Wen­de­punkt unse­rer Reise ist an der Grenze zum Jemen erreicht.

Wir haben diese Ände­rung unse­rer Route bereits seit ein paar Wochen geplant.  Die Gründe für unsere Ent­schei­dung gegen eine Reise durch den Jemen wur­den von den Omani meist falsch ein­ge­schätzt:  Das Land sei gefähr­lich, meinte man uni­sono — ohne detail­lierte Kennt­nisse zu haben.  Wir sehen das grund­sätz­lich anders.  Uns beun­ru­hi­gen nicht die seit Jah­ren immer wie­der auf­tau­chen­den Mel­dun­gen über Ent­füh­run­gen west­li­cher Tou­ris­ten in die­sem Land, denn wir hat­ten sowieso nicht geplant, in die betrof­fe­nen Gebiete zu rei­sen.  Viel­mehr berei­ten uns die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen der unkla­ren Grenz­si­tua­tion zu Saudi-Ara­bien Sor­gen:  Dort füh­ren die Sau­dis mitt­ler­weile offene krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den jeme­ni­ti­schen Rebel­len.  Schlösse Saudi-Ara­bien die Grenze oder auch nur die Bot­schaft in der Haupt­stadt Sana’a, bei der wir uns um Visa bemü­hen müss­ten, dann bedeu­tete das für uns einen län­ge­ren Rück­weg von meh­re­ren tau­send Kilo­me­tern.

So fah­ren wir durch die wüs­ten Kies­ebe­nen des Omans nach Nor­den.  In dem uns wohl­be­kann­ten klei­nen Fischer­dorf bei Mus­cat machen wir für ein paar Tage Sta­tion und wer­den freu­dig begrüsst.  Man erin­nert sich an unse­ren ers­ten Auf­ent­halt und heisst uns erneut herz­lich will­kom­men.  Es ist schön, ver­traute Gesich­ter zu erken­nen — doch nicht immer klappt das auf Anhieb:  Cap­tain Ali, der mich vor ein paar Wochen zum Fischen aufs Meer mit­ge­nom­men hatte, erkenne ich erst nach mehr­ma­li­gem Hin­schauen.  Er trägt statt Arbeits­klei­dung eine blü­ten­weisse Dish­da­sha mit Kumah.  Seine mar­kan­ten Gesichts­züge — viel­leicht ist er san­si­ba­ri­scher Her­kunft? — erkenne ich dann aber doch und er lächelt mich an, als wir die Hände schüt­teln.  Wir haben ein wenig Ver­trauen gewon­nen bei den Men­schen hier.

Spä­tes­tens nach die­sem Auf­ent­halt in Mus­cat emp­finde ich die Reise anders.  Mir fehlt etwas, das sich auf dem Weg nach Hause auch nicht mehr ein­stel­len wird.  Die Erwar­tung neuer Ziele ist geschwun­den, es ist nun tat­säch­lich eine Heim­reise.  Ande­rer­seits freue ich mich auf die Wet­terau — auch wenn der Weg noch weit ist.

Unsere Route führt uns zwangs­weise über die Ver­ei­nig­ten Emi­rate, denn es gibt kei­nen Grenz­über­gang vom Oman nach Saudi-Ara­bien.  In Abu Dhabi besor­gen wir uns die not­wen­di­gen Visa für die Wei­ter­reise.  Was nach ers­ten Aus­künf­ten fünf bis sie­ben Tage dau­ern soll, lässt sich durch beharr­li­ches Nach­ha­ken dann doch in fünf Stun­den erle­di­gen.  Wir sind froh, dass wir schnel­ler als erwar­tet auf­bre­chen kön­nen, denn Abu Dhabi prä­sen­tiert sich als wenig auf­re­gende ara­bi­sche Durch­schnitts­stadt.  Ein Abste­cher führt uns noch in die Dünen der Liwa-Oase, wo wir Abschied neh­men von den gross­ar­ti­gen Sand­wüs­ten des Südens der Ara­bi­schen Halb­in­sel.

Es geht nach Saudi.  Hier wird für Dro­gen­be­sitz die Todes­strafe ver­hängt und Frauen dür­fen kein Auto len­ken.  Dass gerade Sau­dis viel Alko­hol trin­ken, hören und lesen wir immer wie­der.  Mit eige­nen Augen sehen wir halb­wüch­sige sau­di­sche Jungs, die alte ame­ri­ka­ni­sche Autos schnit­tig durch die Stra­ßen len­ken.  Für uns geht’s weni­ger schnit­tig, dafür aber fast non­stop mehr als 1.500 Kilo­me­ter durch die sau­di­sche Wüste, nah der Grenze zum Irak bis zum Grenz­ort Al Hadit­hah:  Die Visa gewäh­ren uns ganze drei Tage für die Durch­reise.

Neben fah­ren, essen und schla­fen bleibt nicht viel.  Teils mise­ra­ble Stras­sen ent­schleu­ni­gen unsere Fahrt erheb­lich, doch im Gegen­satz zum wun­der­bar lang­sa­men Rei­sen im Oman schät­zen wir diese zwangs­weise Bum­mel­tour nicht.  Zeit­druck kommt auf.  Die zweite Nacht ist unru­hig, hef­ti­ger Wind schüt­telt das Wohn­mo­bil.  Als ich mor­gens ver­schla­fen die Augen öffne, nehme ich ange­nehm war­mes Licht wahr.  Prima:  Der Son­nen­schein ver­heisst einen schö­nen Tag.  Ich setze die Brille auf, schaue aus dem Fens­ter — und kann kaum fünf Meter weit sehen: Sand­sturm!

Nach einer Stunde beru­higt sich das Wet­ter.  Der Sand ist aller­dings schon über­all ein­ge­drun­gen — ein auf dem Bett lie­gen­des Buch hin­ter­lässt, als ich es in die Hand nehme, ein hel­les Recht­eck auf dem Laken.  Son­nen­strah­len kom­men her­aus und wir gut voran.  Nach kur­zer Zeit dro­hen dunkle Wol­ken neues Unheil an.  Der Regen ist hef­tig, aber immer nur kurz.  Erneut setzt star­ker Wind ein, der den Wüs­ten­sand vehe­ment vor sich her bläst.  Schräg von vorne kom­men uns Schwa­den ent­ge­gen und die Sicht lässt dras­tisch nach.  Unser Fahr­zeug wird immer lang­sa­mer, der Kraft­stoff­ver­brauch steigt merk­lich.  Die nächste Tank­stelle ist nicht besetzt, der Tank­wart hat sich ver­ständ­li­cher­weise vor dem Unwet­ter ver­zo­gen.  Da in Saudi-Ara­bien die Strafe für Dieb­stahl die Ampu­ta­tion einer Hand ist, ver­werfe ich den Gedan­ken, ein­fach sel­ber zu tan­ken.  Wir fah­ren wei­ter, schaf­fen es aber nicht mehr bis zur nächs­ten Tank­ge­le­gen­heit:  Kurz vor Turaif rollt das Wohn­mo­bil ohne Treib­stoff aus.

Yous­sef, ein ver­gnüg­ter Saudi, gabelt mich samt Reser­ve­ka­nis­ter auf.  Begeis­tert will er mehr erfah­ren von unse­rer Tour — schon lange träumt er vom Rei­sen in frem­den Län­dern.  Natür­lich fährt er mich zur nächs­ten Zapf­säule und zurück.  Der Die­sel­mo­tor unse­res Autos springt klag­los an.  Yous­sef beglei­tet uns trotz­dem zur Tank­stelle, um das Voll­zu­tan­ken zu über­wa­chen.  Er will sicher sein, dass wir keine Pro­bleme mehr haben.  Unser ein­zi­ger sau­di­scher Kon­takt auf der Tour de Force durch das Land ist beein­dru­ckend hilfs­be­reit:  Er besteht dar­auf, die Rech­nung zu über­neh­men und drückt mir noch 50 sau­di­sche Rial (etwa zehn Euro) in die Hand.  «Für einen Kaf­fee», meint er lachend.

Wir fin­den die Front unse­res Wohn­mo­bils vom Sand­sturm an man­chen Stel­len übel zer­kratzt, als wir im letz­ten Abend­licht an der Grenze zu Jor­da­nien ums Auto gehen.  Auch die­ses Land ist für uns nur eine Tran­sit­stre­cke, wir durch­que­ren es in ein weni­gen Stun­den.  In Syrien las­sen wir uns jedoch ein paar Tage von der wun­der­ba­ren Alt­stadt Damas­kus‘ beein­dru­cken.  In den alten Souks geht es zwar ähn­lich emsig zu wie in den Istan­bu­ler Baza­ren, doch ist das Geschäfts­le­ben deut­lich ursprüng­li­cher.  Unge­stör­tes Bum­meln ist fast über­all mög­lich, die auf west­li­che Tou­ris­ten ein­ge­stell­ten Schlep­per mit ihren unwi­der­steh­li­chen Ange­bo­ten nicht benö­tig­ter Waren sind erfreu­lich sel­ten.  Doch auch in Syrien gesteht uns das Tran­sit­vi­sum nur drei Tage Auf­ent­halt zu.  Ein Tou­ris­ten­vi­sum zu bean­tra­gen, wäre zu zeit­auf­wän­dig.

So fah­ren wir bald in die Tür­kei ein — und es ist fast schon wie ein Ankom­men in unse­rer Welt.  Die Grenz­kon­trolle ist über­wie­gend erträg­lich, Ort­schaf­ten und Men­schen ori­en­tie­ren sich auch hier im asia­ti­schen Teil des Lan­des an euro­päi­scher Kul­tur:  Es geht recht west­lich zu.

Daheim ange­kom­men lesen wir wie­der Zei­tun­gen und sehen Nach­rich­ten.  Frau Mer­kel besucht gerade Ankara und Istan­bul.  Ihre Unsi­cher­heit vor der isla­mi­schen Welt ist greif­bar.  Die Tür­kei möchte gerne der EU bei­tre­ten, doch unsere Kanz­le­rin möchte das ver­hin­dern.  Mit der Idee einer «pri­vi­le­gier­ten Part­ner­schaft» wird sie jedoch weder die Her­zen der Tür­ken gewin­nen, noch das Land zwi­schen den Kon­ti­nen­ten enger an Europa bin­den.  Statt staats­frau­li­cher Kurz­be­su­che emp­fehle ich ihr eine lang­same Reise zu den Men­schen.  Gerne leihe ich ihr und ihrem Mann ein Wohn­mo­bil.

-fj

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