29. Mai 2010, von

Live vom Eurovision Song Contest (2010)

Ah, ich bin zu spät dran.  Ich hätte hier schon seit Beginn der Übertragung mitschreiben sollen, zu komisch war’s bisher.  Jetzt war gerade der britische Held dran, der die Töne nicht traf und über dessen Lied der Sprecher Peter Urban (hörenswert wie jedes Jahr) sinngemäss treffend sagte:  «Viel Aufwand für ein sparsames Lied.»

Jetzt, um 22:09 Uhr singt ein Blondchen aus Albanien einen amerikanischen Song aus den achtziger Jahren, hektisch und profillos.  Irgendwie muss bei solchen Liedchen immer ein wenig drumherum passieren:  Der dazugestellte Geiger erhöht die Qualität der Vorstellung um 95 %.

Mein klarer Favorit bisher war der junge Mann im etwas zu engen Konfirmationsanzug (nur Weste, ohne Sakko) aus Belgien:  Tom Dice  präsentierte unaufgeregt ein abwechslungsreiches Lied mit guter Stimme: «Me and my Guitar».  Das hatte Klasse.  Musik kann einfach und schön sein.

22:15 Uhr
Island.  Mir fällt dazu ein:  Die Oper ist erst aus, wenn die dicke Frau nicht mehr singt — oder so ähnlich.  Die isländische Naturgewalt brüllte spurlos an meinen Ohren vorbei.  Wo kam die nochmal her?

22:17 Uhr
Die ukrainische Dame im Gegenwind (macht sich bei  langen blonden Haaren immer gut) zieht während des musikalischen Vortrags ihre schwarze Kapuzenweste aus.  Das unterstreicht sicher den künstlerischen Anspruch.  Immerhin traut sie sich, alleine aufzutreten.  Keine hampelnden Kaschper um sie herum.

22:20 Uhr
Kaum hatte ich sie nicht vermisst, sind sie schon wieder präsent: Die hampelnden Kaschper.  Der französische Beitrag soll wohl Lebensfreude symbolisieren.  Nun, wenn man einfach genug gestrickt ist, dann gefällt das bestimmt:  «Allez, allez, allez» und «dadadadamdedam».  Ist das das Land der Gilbert Becauds und Julien Clercs?

22:24 Uhr
Rumänien kommt in schwarz daher.  Passend, wenn man die dünne musikalische Schau als Massstab nimmt.  Aber wenn man auf die ins enge Lederkostüm geschossene Sängerin guckt — was interessiert da die Musik?

22:28 Uhr
Russland zwischen der Traurigkeit der weiten Tundra und dem Versuch, etwas Anspruchsvolles zu schmettern.  Natürlich auf englisch.  Mochte ich das?  Ich kann mich nicht entscheiden.  Immerhin haben die sich was getraut.

22:32 Uhr
Nein, ich hab der armenischen Sängerin natürlich nicht in den Ausschnitt geschaut.  Vielmehr bewundere ich die folkloristischen Einlagen im Hintergrund — und so ist das wohl auch beabsichtigt.  Der Wonderbra lag vermutlich nur zufällig in der Künstlergarderobe herum.  Immerhin werden diese zwei beeindruckenden Punkte im Gedächtnis bleiben.

22:36 Uhr
Deeeeeuuuutschlaaaaaand, Deeeeeuuuutschlaaaaaand!  Die Volksseele hat ihren Star.  Lena darf endlich singen.  Können Sie sich an früher erinnern, als die Beiträge am Wettbewerb im Vorfeld nicht gespielt werden durften?  Da war’s noch spannend.  «Satellite» habe ich schon so oft gehört, es wird bereits langweilig.  Doch Lena ist mit dezentem Hintergrundchor, aufgesetzter Backfisch-Ungelenkigkeit und dem kleinen Schwarzen im Vergleich zu ihren Konkurrentinnen und Konkurrenten gut.  Denke ich allerdings an Roger Cicero mit seinem wirklich hörenswerten Gänsehaut-Lied zwei (oder schon drei?) Jahre zurück, dann muss das nichts heissen.

22:41 Uhr
Die portugiesische Sängerin kann bestimmt singen und die Ballade ist mächtig.  Doch irgendwie habe ich das alles schon mal gehört.  Schade.

22:45 Uhr
Der Israeli Harel Skaat strengt sich an — ist aber aufgeregt und trifft nicht jeden Ton.  In einem anderen Umfeld wäre er bestimmt richtig gut.  Aber was sucht ein Sänger mit seiner Qualität, ohne aufgeregte Schau, konzentriert auf ein Lied, hier in der lustigen Tierschau der zappelnden Phillippe?  Was kann in unserer Welt Kleinkunst gegen Zirkus ausrichten?

22:48 Uhr
Dänemark will mit aller Macht gewinnen.  Dafür schrecken sie auch vor einfältigem Mainstream-Pop nicht zurück.  Alleine schon deshalb:  Nicht wählen!  Sonst muss ich dieses austauschbare Retortenstück die nächsten zehn Monate morgens und abends beim Zähneputzen auf HR1 hören.  «Wir spielen die Originale» — nur welches Original dieses Stück am besten abgekupfert hat, habe ich noch nicht herausgefunden.

22:52 Uhr
Wann haben Sie das letzte spanische Musikstück ohne ein dahingeöltes «Corazon» im Text gehört?  Nun, heute hat’s wieder nicht geklappt.  Dafür durfte der Sänger mit Schwiegersohn-Potential gleich zweimal seine Kaschperlgruppe über die Bühne hoppeln lassen.  Ein Spassvogel hatte sich beim ersten Auftritt auf die Bühne geschummelt und für den Lacher des Abends gesorgt.  Ich fand ihn authentischer als den Rest der Truppe.

Immerhin war das Lied nicht «Macarena» oder das hirnvernichtende Geschraddel der Gypsy Kings.  Helfen wird’s trotzdem nicht.  Keine «Corazon» für den spanischen Wuschelkopf.

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Das letzte Lied ist gesungen, jetzt geht’s zur Abstimmung — sollte man denken. Weit gefehlt!  Die nationalen Jurys haben bereits gestern ihr Urteil abgegeben.  Das Fernsehpublikum konnte für geringe Gebühren das fachlich fundierte Urteil schon vor Beginn der Auftritte (!) durchtelefonieren.  Hmm, wie soll das gehen?  Noch nicht alles gehört, aber trotzdem schon ein Urteil parat?  Ist das nicht eher die Praxis von Gerichtsverfahren in totalitären Staaten?

Na, ist ja letztlich auch egal  oder glauben Sie, dass die Abstimmungen der letzten Jahre irgendwie Sinn und Verstand hatten?

Peter Urban hält diese Veranstaltung und die Performances mittlerweile für «super».  Hey, wer hat den weichgespült?  Super ist anders, Herr Urban.

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23:13 Uhr
Nun soll’s also spannend werden:  Niemand darf mehr anrufen.  Schade für die Telekommunikationsunternehmen und alle die, die daran beteiligt sind.

  • Telekom:  douze points.
  • Musikbegeisterter Hartz-IV-Empfänger, der aus Versehen von RTL2 hier reingezappt hat:  Äh, mal kurz überschlagen — 17 Anrufe für die Dame mit dem tiefen Ausschnitt, 26 Anrufe für das französische Lied, bei dem man so wunderbar «Allez, allez allez» mitgröhlen konnte, das macht (Taschenrechner raus, tickertickerticker):  Minus 8,60 Punkte auf der nach unten offenen Euroskala.

23:20 Uhr
Schon wieder supert Peter Urban.  Der «Eurodance» hat es ihm diesmal angetan.  Mir dagegen graust vor organisierter Fröhlichkeit.  Ich will Ergebnisse sehen und keine Hupfdohlen!  Den Urban muss jemand von der Musikindustrie gekauft haben.

Vor dem sicher ernüchternden Punktezählen stehen noch ein paar bemühte Spässle der Osloer Organisatoren.  Ich wünsche mir die ernsthaft-komischen Grand Prix-Übertragungen aus der Zeit des Schwarz-Weiss-Fernsehens zurück!

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23:25 Uhr
Endlich geht’s los.  Zwei Länder haben abgestimmt — und ich befürchte Schlimmes für mein Zähneputzen.  24 Punkte für den dänischen Einheitsbrei.

23:28 Uhr
Mein Herz schlägt für die Deutschen!  12 Punkte haben sie meinem belgischen Favoriten spendiert.  Wow!  Wie kann das sein im Land von Roberto Blanco und den Zillertaler Schürzenjägern?

23:37 Uhr
Ich glaube, dass die deutsche Bereitschaft, armen Ländern in Europa unter die Arme zu greifen, hier erste Früchte trägt.  Lena sahnt ab.  Mal schauen, wie die wirtschaftliche Lage in Russland ist:  Was, nur sechs Punkte?  Die haben vermutlich noch genug Öl für ein paar Jahrzehnte.

23:39 Uhr
Hat Portugal auch Erdöl?  Nur ein Punkt für das deutsche Lied!  Na, die sollen mal staatsbankrotten!  Ebenso Aserbaidschan.  Werden sich umschauen, ha!

23:41 Uhr
The hellenic vote:  2 Pünktchen für Lena?  Also bitte, ist das Dankbarkeit?  Kein Gyros morgen!  Pah, was schreibe ich — der Griechenlandurlaub wird gestrichen!

23:43 Uhr
Mein belgischer Favorit schlägt sich bisher wacker auf Platz zwei.  Leider ist in unserer Welt der Zweite ja nur der erste der Verlierer.

23:45 Uhr
Spanien stimmt ab.  Besteht da Corazon für Lena?  Ja, Überraschung:  12 Punkte!

23:46 Uhr
Noch 19 Länder müssen die Ergebnisse mitteilen, gefühlte 220 haben das bereits hinter sich.  Wenn die Basken sich endlich selbständig machen, die Bayern auch, Berlusconis Norditalien sich vom Rest des Landes abspaltet, der Balkan und die ehemaligen UdSSR-Republiken ihre 32ste Zellteilung durchlaufen, dann müssen in drei Jahren an dieser Stelle vermutlich noch weitere 152 Länder abstimmen.

23:52 Uhr
Eine schöne Frau nach der nächsten präsentiert die Länderergebnisse.  Für Deutschland war es dagegen der alte Mitropa-Kaffeekannen-Haudegen HaPe Kerkeling.  Irgendwie sympatisch:  Wir sind nicht nur Papst, wir trauen uns auch was!  Chapeau.

23:55 Uhr
Nun gut, ich geb’s zu — mein Musikgeschmack ist nicht allgemeinverträglich.  Das dänische Gedaddel liegt auf Platz drei.  Europa findet’s gut.  Ich nicht.

23:58 Uhr
Noch zehn Länder und es ist klar:  Lena wird gewinnen.  Gut gemacht, Frau Meyer-Landrut.  Die eigentlich spannende Frage ist nur noch, ob sich der schöne Song des sympathischen belgischen Konfirmanden gegen die dänischen Pølser-Popper durchsetzen kann.

00:03 Uhr
Warum Israel zu Europa gehört, hat sich mir noch nie erschlossen — doch sei’s drum.  Willkommen, und zwar herzlich, ihr Israeliten!  Insbesondere, wenn sie Tom Dice samt seiner Gitarre aus Belgien und Lenas Satelliten mit Punkten überhäuf… — waaaas?  Jeweils zero points?  Asien, ihr habt da jemanden vergessen:  Bitte schleunigst abholen!

00:07 Uhr
Ich muss morgen früh nochmal meinen alten braun-gebundenen Westermann-Atlas hervorkramen:  Moldovia stimmt ab.  Wo lag das noch mal, gibt’s die  tatsächlich?  Ich dachte bisher, das wäre eine erfundene Diktatur aus einem Film mit den Marx Brothers aus den Dreissigern.

00:10 Uhr
Armenien vergibt Punkte aus Eriwan.  Leider nicht im Radio.  Trotzdem Fragen?  Dann jetzt schnell stellen.

00:11 Uhr
Aus, aus, aus!  Deutschland ist Weltmeister!  Äh, naja, zumindest Weltmeister in Europa.  Und in einem Teil Asiens ja auch.  Beim Singen!  Ha!

Ist das die geistig-moralische Wende, die Kanzler Kohl schon vor 30 Jahren beschworen hatte?  Ich glaube:  Ja!  Jetzt geht es bergauf!  Keine Krise mehr, Völker dieser Welt, schaut auf diese Lena!  Wir zahlen nicht nur eure Bestechungsgelder, wir bringen euch auch Musik!  Wir sind Gewinner!  Lena for Kanzlerin!

Naja, vielleicht ist das tatsächlich keine schlechte Idee:  Weniger sichtbar als Frau Merkel kann sie auch nicht sein, oder?  Fröhlicher allemal (und stellen Sie sich mal die Merkel in so einem kleinen Schwarzen vor!).  Wenn sie den sympathischen Belgier (er und seine Gitarre sind leider doch noch zurückgefallen) statt Westerwelle zum Aussenminister macht, dann bekommt sie nicht nur eine Stimme von mir, sondern zwölf!

Jetzt noch schnell die Fussball-WM gewinnen — und wir sind wieder wer.  Löw wird dann Finanzminister, denn er kann mindestens bis elf zählen!  Wenn er allerdings in der Vorrunde ausscheidet, wird er nur Verteidigungsminister, muss jedes Wochenende nach Afghanistan fliegen und in der Jury des Taliban Song Contests neben Herrn Bohlen sitzen.

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00:25 Uhr
Das war’s, live vom schwarzen Sofa (Me and my Sofa) zum Eurovison Song Contest.  Rechtschreibfehler werden erst morgen früh kroggier, kokettie, äh, korrigiert.

Gute Nacht!

-fj


Fünf Jahre später: Live vom Eurovision Song Contest (2015)

7 Kommentare auf "Live vom Eurovision Song Contest (2010)"

  1. Kerstin sagt:

    Hallo Frank,

    ich kann es kaum fassen, dass du tatsächlich den gesamten Abend verfolgt hast. Ich habe das nicht geschafft und bin dir jetzt sehr, sehr dankbar für diese wunderbare Zusammenfassung!

    Von mir bekommst du 12 Punkte als Schriftführer und Kommentator in der neuen Regierung!

    Immer noch lachende Grüße von
    Kerstin

  2. Frank J. sagt:

    Schriftführer. Wow. Das nenne ich eine Karriere. Danke, Kerstin. :-)

    -Frank

  3. Rosemarie Tänzer sagt:

    Hallo Herr Jermann,

    Ihre Zusammenfassung war das Beste vom ganzen Song Contest!!!
    Was sagte Hänschen Rosenthal immer?: Das war Spitze !!!!!!!!
    Einfach genial !!!!!!!!

    Gruß – auch an die beste Partnerin von allen –
    Rosemarie + Harald Tänzer

  4. Hallo Frank,

    wusstest du eigentlich, dass sich die Zillertaler Schürzenjäger die letzten 11 Jahre ihrer Karriere nur noch Schürzenjäger nannten? Das kam wegen den Zillertalern, denn die wollten keine Schürzenjäger sein. ;-)

    -Alexander

  5. Frank J. sagt:

    Moin Alexander,

    nein, das wusste ich nicht. Aber ich vermute nun natürlich, dass Roberto Blanco früher Roberto Negro hiess, sich aber seit 68 Jahren Blanco nennt, weil — naaaa, das ist doch zu wagemutig spekuliert.

    Aber danke für die Anregung: Wenn ich nicht nett genug über unsere Gegend schreibe, dann kommen vielleicht ein paar Wetterauer auf die Idee, die Wetterauer Weltbilder auf Weltbilder zu reduzieren? ;-)

    -Frank

  6. Stramme Leistung!

    Ich habe es – ehrlich gesagt – nicht über mich gebracht, den ganzen Krank-Brie zu gucken: Hier und da reinzappen musste reichen, denn von zuviel Kitsch bekomme ich leicht Pickel. Deshalb bin ich sehr ehrfürchtig gegenüber jedem, der das durchhält!

    So ein Nervenkostüm hätte ich auch gern.

  7. Himmelhoch sagt:

    12 Punkte fürs Durchhalten – 12 Punkte fürs Schreiben – 12,5 Punkte (Sch… auf Regeln und Mathematik) für die satirischen Ideen, die immer wieder durch… blitzten? …donnerten!!

    Schön zu lesen, da ich mir keine Minute der Übertragung angetan hatte. Ich war von anderen Jahren zu verschreckt.

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