2. Juni 2010, von

Weiter, immer weiter!

Nach all dem Spass beim Eurovision Song Contest stelle ich erstaunt fest, dass das Leben weitergeht.  Einfach so!  Im ganzen Lande und somit natürlich auch bei uns in der Wetterau — und nicht immer ist das vergnüglich für alle.  Dabei ist es doch so einfach, wie wir für kurze Zeit zwischen Lenas Auftritt in Oslo und ihrer Rückkehr nach Hannover glauben konnten:  Nett sein, immer lächeln, Frohsinn verströmen.  Kurz:  Spass haben wie Lena M.-L. und Stefan R., ach, nehmen wir Dieter B. auch noch mit auf in die ewig kieksende, fröhliche Runde.

Und dann die Bittermandel-Rede von Horst K., gleich darauf die zu spät unterrichtete und sichtlich bedröppelte Angela M. — ja, wozu hat denn Lena all das gemacht?  War das wirklich alles vergebens?

Doch auch hier bei uns ist für manche der Alltag trist.  Die Miene, die der ehemalige Bad Nauheimer Stadtrat Konrad Dörner seit einiger Zeit trägt, dürfte vermutlich mit denen von Herrn K. und Frau M. mithalten, denn wer sieht sich schon gerne so im schattigen Licht der Öffentlichkeit.  Worüber ich hier schreibe?  Sie wissen es nicht?  Gut, ich helfe aus:

Vor ein paar Tagen stiess ich auf diese Meldung in der Wetterauer Zeitung:

Magistrat streicht Ex-Stadtrat Dörner die Rentenzahlung
(Wetterauer-Zeitung.de, 11. Mai 2010)

Kurz zusammengefasst:  Der 47-jährige Dörner bekommt seit 2006 für seine sechsjährige Tätigkeit als Stadtrat monatlich zirka 2.600 Euro Pension.  Aus rechtlichen Gründen muss er gegenüber einer Behörde Einkünfte angeben, macht das trotz mehrmaliger Aufforderung nicht — und nun hat der Bad Nauheimer Magistrat die Zahlung der Pensionsbezüge vorläufig eingestellt.  Es ist unschwer zu erraten, dass man sich gegenseitig wohl nicht allzu sehr mag.

Zu diesem Thema hat sich auf den Online-Seiten der oben erwähnten Tageszeitung ein (wirklich sehr) kleiner Meinungsaustausch entwickelt, der bisher allerdings nicht für viel Nachhall gesorgt hat.  Gerade zwei Diskutanten äussern sich je einmal.  Ist das ein repräsentatives Beispiel für die politische Kultur in der Wetterau?

Nun haben die beiden anonymen Schreiber sich wirklich bemüht und ich wollte ihre Versuche, das Thema zu beleben, mit ein paar Zeilen unterstützen.  Aber sie kennen mich mittlerweile:  Ich habe keine Zeit, mich kurz zu fassen!  Kaum hatte ich über den lokalen Ansatz des Falls nachgedacht, da fand ich mich auch schon über Staatsverschuldung, Bildung, Rüstungsexport, Dosenpfand, Einbahnstrassen, Oliver Kahn schreibend — und über Sie und mich.

Da im Internet so vieles ungelesen verpufft, nutze ich einfach mal meine technischen Möglichkeiten und stelle den Bezug her zu dieser kleinen Diskussion, die sich mit etwas beschäftigt, das uns alle betrifft:  Wie soll es weitergehen — und warum ist es so wie es ist.

Dass das alles nur zirka vier Leute interessiert in der Wetterau, das wissen wir alle.  Ich will es nur nicht wahrhaben. ;-)

-fj

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Hier also mein Kommentar zu den erwähnten beiden Vorschreibern in der Wetterauer Zeitung, den ich am 1. Juni 2010 gegen 15 Uhr auf den Seiten Wetterauer Zeitung geschrieben habe:

In der Sache haben Ihre Bedenken natürlich Berechtigung, liebe Vorschreiber.  Doch bei allem Respekt für Ihr Begehr:  Das wird nichts werden.

Meine Begründung fusst dabei weniger auf dem Argument des Astes, der nicht abgesägt werden will, sondern vielmehr auf der Historie.  Seit über sechzig Jahren wählt unser Volk Regierungen, die im Grossen genau solche Dinge beschliessen, wie sie hier im Kleinen diskutiert werden.  Subventionen, unglaubliche Staatsverschuldung, Festhalten an der (unterm Strich extrem teuren) Kernenergie, Abbau im Bildungssektor, Parteienfinanzierung, Rüstungsexport, …  Die Liste ist lange nicht zu Ende, wie Sie ahnen — und worauf sich all das verengt, wissen wir alle.  Wir wollen es nur nicht aussprechen.

Ich kann mindestens seit der Ölkrise in den 70er Jahren in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht erkennen, dass eine gesunde Entwicklung unseres Gemeinwesens in der Breite angestrebt wurde.  Flickschusterei beherrschte und beherrscht die Entscheidungen.  Das ach so moderne Wörtchen «Nachhaltigkeit» ist erst in den letzten Jahren in den täglichen Sprachgebrauch von Entscheidern aufgestiegen — ob es alle verstehen, die es benutzen, bezweifle ich sehr.

Aber genug geklagt über «die da oben» — denn die Ursache liegt doch ganz woanders.  Auch das wissen wir alle.  Und auch hier gilt:  Wir wollen es nur nicht aussprechen, denn diese Wahrheit klingt nicht gut.  Die Ursache sind wir selbst.

Seit über sechzig Jahren bestätigen wir bei jeder Wahl die bestehende Politik.  Kleine Schwankungen der Parteiprogramme (Hand aufs Herz:  Haben Sie jemals eins gelesen?) sind hier nebensächlich.  Was nicht gewünscht ist, sind Veränderungen zu unseren Lasten.  Andere, ja die dürfen gerne mehr belastet werden, aber wir?  Besser nicht.  Und so wird folgerichtig gerne der dämliche Begriff «Abzocke» herausgekramt, wenn man selber dafür sorgen sollte und könnte, etwas zum Gemeinwesen beizusteuern.  Also:  Besser nichts ändern, bisher kam man ja klar.

Fakt ist:  Keine herrschende politische Kraft ist tatsächlich gewillt (oder in der Lage), unser inneres System grundlegend so zu ändern, dass eine Bewegung hin zu grösserer Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen entsteht.  Und warum sollten sie auch — wir, der Souverän, beauftragen immer wieder die selben Kräfte, mit dem selbem Mist weiter zu machen.  Und das machen die natürlich auch brav, denn sie fahren nicht schlecht dabei!  Zusammen mit grossen Teilen der Wirtschaft tun sie alles, um eine Änderung des Status Quo zu verhindern.

Um nicht missverstanden zu werden:  Dieses Land hat es in den letzten sechzig Jahren geschafft, grundsätzlich eine positive Entwicklung zu nehmen und es lebt sich hier gut.  Was man aber gerne vergisst:  Vieles bei uns wurde auf Kosten anderer Länder erreicht (billige Rohstoffe, unmenschliche Produktionsbedingungen) — und auf Kosten kommender Generationen im eigenen Land.  Die gute Entwicklung sollte man wahrnehmen — aber auch wissen, dass sie im Grunde aus einer grundsätzlichen Fehlentwicklung heraus entstanden ist — und es so nicht weitergehen wird.

100602_weiter02_320x220Wir geraten sichtbar immer tiefer in die Sackgasse, von der viele noch nicht erkannt haben, dass sie gleichzeitig eine enge Einbahnstrasse ist.  Der einzige Weg, da halbwegs unbeschadet wieder heraus zu kommen, ist rückwärts zu fahren.  Doch das trauen wir uns nicht, sondern rollen weiter auf die Wand zu — mit der blauäugigen Hoffnung, dass sich da vorne vielleicht doch noch eine Seitengasse auftut.

Dass diese Analogie mittlerweile für viele Bereiche des Lebens in unserer Gesellschaft gilt, das können wir täglich hören und sehen.  Unsere «Wir-müssen-nach-vorne-schauen»-Vorbeter sind in der Überzahl (und dabei meine ich nicht einmal Jogi Löws vorhersehbare Aussage nach der ersten schlechten Leistung seines Teams in Südafrika).  Dass diese Einstellung genau das verhindert, worauf es ankommt, wird dabei übersehen:  Rückschau, Lernen aus den Erfahrungen — und so relativ schnell Fehlentwicklungen wieder korrigieren.

Bevor Sie es vergessen:  Ich rede/schreibe vom Wähler, nicht von den Politikern!  Doch der Wähler will (trotz veränderter Parteienlandschaft) in Kahnscher Manier immer nur weiter machen, weiter, immer weiter!  Oliver Kahns Adrenalinschübe mit gelebter Tunnelblick-Euphorie sind also nicht viel mehr als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.  Schauen Sie in den Spiegel: Olli guckt zurück.  Erschreckt Sie das genauso wie mich?

Ob sich in dem hier geschilderten Fall des Herrn Dörner etwas ändern wird?  Wir wissen es nicht, kennen keine Hintergründe der beschriebenen Verweigerungshaltung.  Irgendwann wird das aber geklärt sein, zur Not machen das Gerichte.  Ob das dann gerecht sein wird?

Wie der Einzelne dann die Klärung im Einzelfall Dörners empfindet, ist nicht wichtig, denn es geht um die grundsätzliche Frage, warum jemand für ein paar Jahre Tätigkeit eine so unglaublich hohe Pension einstreichen kann.  Und da bin ich wieder am Anfang:  Die Politik wird daran nichts ändern, das müsste der Wähler tun.  Dazu müsste er sich aber verstärkt mit solchen gesellschaftlichen und politischen Realitäten und Wünschen auseinandersetzen.

Doch machen wir uns nichts vor:  Bei den meisten ist der wichtigste Wunsch doch der nach dem neusten Mobiltelefon samt günstiger Flatrate.  Aus Bequemlichkeit quengelt der Bundesbürger, wenn er Pfandflaschen und -dosen zurücktragen soll (wobei wir alle wissen, dass wir sorgsam mit Rohstoffen umgehen sollten).  Statt dessen prägen «Argumente» wie «frei Fahrt für freie Bürger» die politischen Debatten des Wählers — und sein Stimmverhalten.  So besteht keine Hoffnung auf eine Änderung.

Was andererseits allerdings wieder Hoffnung bedeutet für die Dörners dieser Welt.  Es ist also nicht alles verloren.  :-)

-fj

ein Kommentar auf "Weiter, immer weiter!"

  1. Frank J. sagt:

    Es gab eine schüchterne Anfrage zu dem Bild: Was ist das?

    Nun, ich kann gut verstehen, dass man dieses Relikt einer anderen Zeit heute nicht so ohne Weiteres erkennt. Abgebildet ist ein mobiler Scherenschleifer, den ich in Rom anno 1977 gesehen habe. Der Mann fuhr in der Stadt herum, bockte seinen alten Drahtesel auf, hängte die „normale“ Fahrradkette ab — und statt dessen eine andere ein. Mittels dieser konnte er tretenderweise einen Schleifstein in Drehung versetzen, der vor ihm auf dem Fahrrad montiert war.

    -Frank

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